Bundeshaus
Die Sitzordnung im Parlament: Sag mir, wo du sitzt und ich sage dir, wie wichtig du bist

Der Wahlsieg der Grünen wirbelt die Sitzordnung im Nationalrat durcheinander. Die Fraktionen mussten sich auf eine neue Ordnung einigen. Ein Prozess mit Nebengeräuschen.

Doris Kleck
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Von wegen Hinterbänkler: Die prestigeträchtigsten Plätze befinden isch hinten.

Von wegen Hinterbänkler: Die prestigeträchtigsten Plätze befinden isch hinten.

CH Media

Hinterbänkler: So möchte kein Parlamentarier, keine Parlamentarierin genannt werden. Hinterbänkler sind Politiker ohne Einfluss, einfache Statisten. Ihre Parteikollegen sind froh, wenn sie den richtigen Knopf drücken. Rot oder Grün.

Im Nationalrat sind aber ausgerechnet die hintersten Plätze die beliebtesten. Selbst Wikipedia ist diese Schweizer Anomalie aufgefallen: «Im Gegensatz dazu sitzen im Schweizer Nationalrat gerade die bedeutenden Politiker in den hinteren Reihen, damit sie das Geschehen im Saal besser überblicken und einen möglichst kurzen Weg von der Wandelhalle zu ihrem Sitzplatz haben.»

Hinten sitzen also die Fraktionschef und ihre Stellvertreter, die Präsidenten und altgedienten Parlamentarier. Die Hackordnung ist klar. Die neuen müssen mit den billigen Plätzen vorlieb nehmen. Ganz vorne. Ihnen bleibt aber ein kleiner Trost: Sie werden häufiger fotografiert. Deshalb gibt es auch Nationalräte und Nationalrätinnen, die bewusst einen Platz vorne im Saal wählen.

Bei der SP ist die Sitzordnung besonders delikat

Die Hackordnung ist nicht in allen Fraktionen gleich streng. Eine besonders delikate Angelegenheit ist die Platzzuteilung in der SP. Die Genossen beobachten ganz genau, wer in die hinteren Ränge nachrücken darf.

«Obwohl es völlig irrational erscheint, gibt es bei der Sitzverteilung im Saal fast so viel Sprengstoff wie bei der Verteilung der Kommissionssitze», sagt SP-Fraktionschef Roger Nordmann in einem Blogbeitrag der Parlamentsdienste.

Zu den ungeschriebenen Regeln gehört: Die Bundesratsparteien belegen die hintersten Reihen. Mit dem historischen Wahlsieg der Grünen – sie gewannen am 20. Oktober 17 Sitze dazu – geriet diese Regel aber ins Wanken.

Die Grünen stellen nach SVP, SP und der CVP neu die viertstärkste Fraktion und haben die FDP überholt. Die Grünen forderten, dass diese neue Stärke auch in der Sitzordnung abgebildet wird. Sie verlangten Plätze im hinteren Teil des Saales.

Wie die CVP sich die Plätze sicherte

Diese Forderung gab im Ratsbüro viel zu reden. Klar war: SVP und SP sind grösser als die übrigen Parteien, sie können die Flankenplätze behalten. Schwieriger gestaltete sich die Diskussion unter den anderen Parteien. So wurde etwa diskutiert, dass ein neuer Spickel für die Grünen geschaffen wird – zwischen SP und CVP. Letztere hatte dem Vernehmen nach wenig Freude daran.

Dass sie alle hinteren Plätze nun doch behalten kann, hat auch mit dem Thurgauer Christdemokraten Christian Lohr zu tun. Respektive damit, dass der Saal aus dem 19. Jahrhundert nicht auf die Bedürfnisse von Rollstuhlfahrern ausgerichtet ist. CVP und SP müssen also keine hinteren Plätze an die Grünen abtreten.

Der Gescheitere gibt nach, sollen sich die Grünen Wahlsieger gesagt haben. Sie sitzen dafür nun sehr kompakt unterhalb von SP und CVP. Das Machtgeplänkel würden sie den anderen überlassen.

Die neue Sitzordnung im Nationalrat.

Die neue Sitzordnung im Nationalrat.

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Der stolze Trostpreis

Allerdings: Über den Tisch ziehen liessen sich die Grünen dann aber doch nicht. Die Wahlverlierer signalisierten dem Vernehmen nach Entgegenkommen in anderen Bereichen. So stellen die Grünen mit Irène Kälin neu die zweite Vizepräsidentin des Nationalrates.

Und machtpolitisch noch wichtiger: Die Grünen dürfen zwei Kommissionen präsidieren. Die UREK (Umwelt, Raumplanung und Energiekommission) sowie die KVF (Verkehr und Fernmeldewesen). Beides sind wichtige Kommissionen. Damit anerkennen die anderen Parteien den Sieg der Grünen in dieser «Klimawahl».

Der Trostpreis der Grünen kann sich also sehen lassen. Zumal die vielen Neugewählten in der Fraktion ohnehin nicht verstanden hatten, weshalb die Hinterbänke derart beliebt sind. Die Schweizer Eigenheiten in der Sitzordnung sind nur altgedienten Politfüchsen bekannt, ein Begriff.

Alle Schweizer Bundesräte seit 1848:

Alle Schweizer Bundesräte seit 1848 Karin Keller-Sutter - St. Gallen - ab 2019
119 Bilder
Amherd, Viola CVP - Wallis - ab 2019
Cassis, Ignazio FDP - Tessin - 2017 bis heute
Parmelin, Guy SVP - Waadt - 2015 bis heute
Berset, Alain SP - Fribourg - 2011 bis heute
Schneider-Ammann, Johann FDP - Bern - 2010 bis 2018
Sommaruga, Simonetta SP - Bern - 2010 bis heute
Burkhalter, Didier FDP - Neuenburg - 2009 bis 2017
Maurer, Ueli SVP - Zürich - 2008 bis heute
Widmer-Schlumpf, Eveline BDP - Graubünden - 2007 bis 2015
Leuthard, Doris CVP - Aargau - 2006 bis 2018
Blocher, Christoph SVP - Zürich - 2003 bis 2007
Merz, Hans-Rudolf FDP - Appenzell Ausserrhoden. - 2003 bis 2010
Calmy-Rey, Micheline SP - Genf - 2002 bis 2011
Schmid, Samuel SVP/BDP - Bern - 2000 bis 2008
Deiss, Joseph CVP - Freiburg - 1999 bis 2006
Metzler, Ruth CVP - Appenzell Innerrhoden - 1999 bis 2003
Couchepin, Pascal FDP - Wallis - 1998 bis 2009
Leuenberger, Moritz SP - Zürich - 1995 bis 2010
Dreifuss, Ruth SP - Genf - 1993 bis 2002
Villiger, Kaspar FDP - Luzern - 1989 bis 2003
Felber, René SP - Neuenburg - 1987 bis 1993
Ogi, Adolf SVP - Bern - 1987 bis 2000
Cotti, Flavio CVP - Tessin - 1986 bis 1999
Koller, Arnold CVP - Appenzell Innerrhoden - 1986 bis 1999
Kopp, Elisabeth FDP - Zürich - 1984 bis 1989
Delamuraz, Jean-Pascal FDP - Waadt - 1983 bis 1998
Stich, Otto SP - Solothurn - 1983 bis 1995
Egli, Alphons CVP - Luzern - 1982 bis 1986
Friedrich, Rudolf FDP - Zürich - 1982 bis 1984
Schlumpf, Leon SVP - Graubünden - 1979 bis 1987
Aubert, Pierre SP - Neuenburg - 1977 bis 1987
Honegger, Fritz FDP - Zürich - 1977 bis 1982
Chevallaz, Georges-André FDP - Waadt - 1973 bis 1983
Hürlimann, Hans CVP - Zug - 1973 bis 1982
Ritschard, Willi SP - Solothurn - 1973 bis 1983
Furgler, Kurt CVP - St.Gallen - 1971 bis 1986
Brugger, Ernst FDP - Zürich - 1969 bis 1978
Graber, Pierre SP - Neuenburg - 1969 bis 1978
Celio, Nello FDP - Tessin - 1966 bis 1973
Gnaegi, Rudolf SVP - Bern - 1965 bis 1979
Bonvin, Roger CVP - Wallis - 1962 bis 1973
Schaffner, Hans FDP - Aargau - 1961 bis 1969
Bourgknecht, Jean CVP - Freiburg - 1959 bis 1962
Spühler, Willy SP - Zürich - 1959 bis 1970
Tschudi, Hans Peter SP - Basel-Stadt - 1959 bis 1973
von Moos, Ludwig CVP - Obwalden - 1959 bis 1971
Wahlen, Friedrich Traugott SVP - Bern - 1958 bis 1965
Chaudet, Paul FDP - Waadt - 1954 bis 1966
Holenstein, Thomas CVP - St.Gallen - 1954 bis 1959
Lepori, Giuseppe CVP - Tessin - 1954 bis 1959
Streuli, Hans FDP - Zürich - 1953 bis 1959
Feldmann, Markus SVP - Bern - 1951 bis 1958
Weber, Max SP - Zürich - 1951 bis 1953
Escher, Josef CVP - Wallis - 1950 bis 1954
Rubattel, Rudolphe FDP - Waadt - 1947 bis 1954
Petitpierre, Max FDP - Neuenburg - 1944 bis 1961
Nobs, Ernst SP - Zürich - 1943 bis 1951
Kobelt, Karl FDP - St.Gallen - 1940 bis 1954
von Steiger, Eduard SVP - Bern - 1940 bis 1951
Stampfli, Walter FDP - Solothurn - 1940 bis 1947
Celio, Enrico CVP - Tessin - 1940 bis 1950
Wetter, Ernst FDP - Zürich - 1938 bis 1943
Obrecht, Hermann FDP - Solothurn - 1935 bis 1940
Etter, Philipp CVP - Zug - 1934 bis 1959
Baumann, Johannes FDP - Appenzell Ausserrhoden - 1934 bis 1940
Meyer, Albert FDP - Zürich - 1929 bis 1938
Minger, Rudolf BGB (Vorgängerin der SVP) - Bern - 1929 bis 1940
Pilet-Golaz, Marcel FDP - Waadt - 1928 bis 1944
Häberlin, Heinrich FDP - Thurgau - 1920 bis 1934
Chuard, Ernest FDP - Waadt - 1919 bis 1928
Musy, Jean-Marie CVP - Freiburg - 1919 bis 1934
Scheurer, Karl FDP - Bern - 1919 bis 1929
Haab, Robert FDP - Zürich - 1917 bis 1929
Ador, Gustave Liberale Partei - Genf - 1917 bis 1919
Calonder, Felix-Louis FDP - Graubünden - 1913 bis 1920
Decoppet, Camille FDP - Waadt - 1912 bis 1919
Schulthess, Edmund FDP - Aargau - 1912 bis 1935
Perrier, Louis FDP - Neuenburg - 1912 bis 1913
Motta, Giuseppe CVP - Tessin - 1911 bis 1940
Hoffmann, Arthur FDP - St.Gallen - 1911 bis 1917
Schobinger, Josef Anton CVP - Luzern - 1908 bis 1911
Forrer, Ludwig FDP - Zürich - 1902 bis 1917
Comtesse, Robert FDP - Neuenburg 1899 bis 1912
Ruchet, Marc-Emile FDP - Waadt - 1899 bis 1912
Brenner, Ernst FDP - Basel-Stadt - 1897 bis 1911
Müller, Eduard FDP - Bern - 1895 bis 1919
Ruffy, Eugène FDP - Waadt - 1893 bis 1899
Lachenal, Adrien FDP - Genf - 1892 bis 1899
Zemp, Joseph CVP - Luzern - 1891 bis 1908
Frey, Emil FDP - Basel-Land - 1890 bis 1897
Hauser, Walter FDP - Zürich - 1888 bis 1902
Deucher, Adolf FDP - Thurgau - 1883 bis 1912
Ruchonnet, Antoine Louis John FDP - Waadt - 1881 bis 1893
Hertenstein, Wilhelm FDP - Zürich - 1879 bis 1888
Bavier, Simeon FDP - Graubünden - 1878 bis 1883
Droz, Numa FDP - Neuenburg - 1875 bis 1892
Anderwert, Fridolin FDP - Thurgau - 1875 bis 1880
Hammer, Bernhard FDP - Solothurn - 1875 bis 1890
Heer, Joachim FDP - Glarus - 1875 bis 1878
Borel, Eugène FDP - Neuenburg - 1872 bis 1875
Scherer, Johann Jakob FDP - Zürich - 1872 bis 1878
Ceresole, Paul FDP - Waadt - 1870 bis 1875
Ruffy, Victor FDP - Waadt - 1867 bis 1869
Welti, Emil FDP - Aargau 1866 bis 1891
Challet-Venel, Jean-Jacques FDP - Genf - 1864 bis 1872
Schenk, Karl FDP - Bern - 1863 bis 1895
Dubs, Jakob FDP - Zürich - 1861 bis 1872
Pioda Battista, Giovanni FDP - Tessin - 1857 bis 1864
Knüsel, Josef Martin FDP - Luzern - 1855 bis 1875
Fornerod, Constant FDP - Waadt - 1855 bis 1867
Stämpfli, Jakob FDP - Bern 1854 bis 1863
Druey, Daniel-Henri FDP - Waadt - 1848 bis 1855
Franscini, Stefano FDP - Tessin - 1848 bis 1857
Frey-Herosé, Friedrich FDP - Aargau - 1848 bis 1866
Furrer, Jonas FDP - Zürich - 1848 bis 1861
Munzinger, Martin J. FDP - Solothurn - 1848 bis 1855
Naeff, Wilhelm Matthias FDP - St. Gallen - 1848 bis 1875
Ochsenbein, Ulrich FDP - Bern - 1848 bis 1854

Alle Schweizer Bundesräte seit 1848 Karin Keller-Sutter - St. Gallen - ab 2019

Keystone