Bundeshaus

Die Sitzordnung im Parlament: Sag mir, wo du sitzt und ich sage dir, wie wichtig du bist

Von wegen Hinterbänkler: Die prestigeträchtigsten Plätze befinden isch hinten.

Von wegen Hinterbänkler: Die prestigeträchtigsten Plätze befinden isch hinten.

Der Wahlsieg der Grünen wirbelt die Sitzordnung im Nationalrat durcheinander. Die Fraktionen mussten sich auf eine neue Ordnung einigen. Ein Prozess mit Nebengeräuschen.

Hinterbänkler: So möchte kein Parlamentarier, keine Parlamentarierin genannt werden. Hinterbänkler sind Politiker ohne Einfluss, einfache Statisten. Ihre Parteikollegen sind froh, wenn sie den richtigen Knopf drücken. Rot oder Grün.

Im Nationalrat sind aber ausgerechnet die hintersten Plätze die beliebtesten. Selbst Wikipedia ist diese Schweizer Anomalie aufgefallen: «Im Gegensatz dazu sitzen im Schweizer Nationalrat gerade die bedeutenden Politiker in den hinteren Reihen, damit sie das Geschehen im Saal besser überblicken und einen möglichst kurzen Weg von der Wandelhalle zu ihrem Sitzplatz haben.»

Hinten sitzen also die Fraktionschef und ihre Stellvertreter, die Präsidenten und altgedienten Parlamentarier. Die Hackordnung ist klar. Die neuen müssen mit den billigen Plätzen vorlieb nehmen. Ganz vorne. Ihnen bleibt aber ein kleiner Trost: Sie werden häufiger fotografiert. Deshalb gibt es auch Nationalräte und Nationalrätinnen, die bewusst einen Platz vorne im Saal wählen.

Bei der SP ist die Sitzordnung besonders delikat

Die Hackordnung ist nicht in allen Fraktionen gleich streng. Eine besonders delikate Angelegenheit ist die Platzzuteilung in der SP. Die Genossen beobachten ganz genau, wer in die hinteren Ränge nachrücken darf.

«Obwohl es völlig irrational erscheint, gibt es bei der Sitzverteilung im Saal fast so viel Sprengstoff wie bei der Verteilung der Kommissionssitze», sagt SP-Fraktionschef Roger Nordmann in einem Blogbeitrag der Parlamentsdienste.

Zu den ungeschriebenen Regeln gehört: Die Bundesratsparteien belegen die hintersten Reihen. Mit dem historischen Wahlsieg der Grünen – sie gewannen am 20. Oktober 17 Sitze dazu – geriet diese Regel aber ins Wanken.

Die Grünen stellen nach SVP, SP und der CVP neu die viertstärkste Fraktion und haben die FDP überholt. Die Grünen forderten, dass diese neue Stärke auch in der Sitzordnung abgebildet wird. Sie verlangten Plätze im hinteren Teil des Saales.

Wie die CVP sich die Plätze sicherte

Diese Forderung gab im Ratsbüro viel zu reden. Klar war: SVP und SP sind grösser als die übrigen Parteien, sie können die Flankenplätze behalten. Schwieriger gestaltete sich die Diskussion unter den anderen Parteien. So wurde etwa diskutiert, dass ein neuer Spickel für die Grünen geschaffen wird – zwischen SP und CVP. Letztere hatte dem Vernehmen nach wenig Freude daran.

Dass sie alle hinteren Plätze nun doch behalten kann, hat auch mit dem Thurgauer Christdemokraten Christian Lohr zu tun. Respektive damit, dass der Saal aus dem 19. Jahrhundert nicht auf die Bedürfnisse von Rollstuhlfahrern ausgerichtet ist. CVP und SP müssen also keine hinteren Plätze an die Grünen abtreten.

Der Gescheitere gibt nach, sollen sich die Grünen Wahlsieger gesagt haben. Sie sitzen dafür nun sehr kompakt unterhalb von SP und CVP. Das Machtgeplänkel würden sie den anderen überlassen.

Die neue Sitzordnung im Nationalrat.

Die neue Sitzordnung im Nationalrat.

Der stolze Trostpreis

Allerdings: Über den Tisch ziehen liessen sich die Grünen dann aber doch nicht. Die Wahlverlierer signalisierten dem Vernehmen nach Entgegenkommen in anderen Bereichen. So stellen die Grünen mit Irène Kälin neu die zweite Vizepräsidentin des Nationalrates.

Und machtpolitisch noch wichtiger: Die Grünen dürfen zwei Kommissionen präsidieren. Die UREK (Umwelt, Raumplanung und Energiekommission) sowie die KVF (Verkehr und Fernmeldewesen). Beides sind wichtige Kommissionen. Damit anerkennen die anderen Parteien den Sieg der Grünen in dieser «Klimawahl».

Der Trostpreis der Grünen kann sich also sehen lassen. Zumal die vielen Neugewählten in der Fraktion ohnehin nicht verstanden hatten, weshalb die Hinterbänke derart beliebt sind. Die Schweizer Eigenheiten in der Sitzordnung sind nur altgedienten Politfüchsen bekannt, ein Begriff.

Alle Schweizer Bundesräte seit 1848:

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