Peter Belart

Im wichtigsten Grundsatz, der bei der Standort-Evaluation über allem steht, sind sich Schweden und die Schweiz einig: Der Sicherheit muss oberste Priorität eingeräumt werden. Dann folgt ein zunächst ziemlich überraschender zweiter Aspekt. Kaj Ahlbom von der SKB (Svensk Kärnbränslehantering AB; schwedische Kernbrennstoff-Entsorgungsgesellschaft) erklärt: «Es ist absolut unabdingbar, dass die Bevölkerung der Standort-Region in ihrer Mehrheit dem Projekt zustimmend gegenübersteht. Wenn dies nicht der Fall ist, sind alle Massnahmen fruchtlos und nur eine Verschwendung von Zeit und Energie. In einem solchen Fall ist der betreffende Standort nicht weiter zu untersuchen.»

Vier Fünftel sind dafür!

Zustimmung zu einem Endlager in der eigenen Region? - In Schweden eine Tatsache! Alljährlich werden in den beiden möglichen Standort-Regionen Forsmark und Oskarshamn Umfragen gemacht, welche die Akzeptanz des Projekts in der Bevölkerung zum Thema haben. Im Jahre 2003 resultierten in Forsmark die folgenden Zahlen: 27 Prozent der Bevölkerung waren dagegen oder strikt dagegen; 65 Prozent waren dafür oder entschieden dafür. Dazu SKB-Direktorin Saida Laarouchi Engström sinngemäss: «Wir fühlten uns von diesem Ergebnis sehr ermutigt und bezweifelten, ob es noch verbessert werden könne.» Aber es konnte! Aktuell sind noch 15 Prozent der Bevölkerung gegen ein Tiefenlager in ihrer Region; 79 Prozent unterstützen das Projekt. In Oskarshamn sind es sogar 84 Prozent!

Begegnungen auf Augenhöhe

Solche Zahlen kommen nicht von ungefähr. Dazu nochmals Saida Laarouchi Engström: «Information allein nützt wenig. Informationsveranstaltungen sind eine eingleisige Angelegenheit. Die Menschen fühlen sich irgendwie bedrängt, unwissend, minderwertig. Dieser Eindruck wird verstärkt, wenn sie vom Rednerpult mit Fremdwörtern, schwer zu verstehenden Grafiken und langen theoretischen Erläuterungen eingedeckt werden, dies fatalerweise noch oft von Leuten in dunklem Anzug und Krawatte. Solche Aspekte wecken Misstrauen und vertiefen die Gräben.»

In Schweden suchten die Leute des SKB den Dialog. Sie gingen nicht hin, um die Menschen zu belehren, sondern, um ihnen zuzuhören. Keine Rede von hochgestochenen Referaten. Sie wollten vielmehr wissen, welche Befürchtungen und welche Fragen die Bevölkerung bewegen. Es kam zu unzähligen Begegnungen, im Dorf, auf dem Feld, in der Küche. Auf Augenhöhe. In Alltagskleidung, alle, auch die Direktoren. Von Mensch zu Mensch als gleichwertige Partner. Dass man sich in Schweden ohnehin duzt, erleichtert das Unterfangen.

Nicht zwei, sondern acht Jahre

Laarouchi: «Wir hörten ganz unerwartete Bedenken. Ein Pilzsammler wollte wissen, ob die Pilze Schaden nehmen würden. Ein Jäger sorgte sich um die Fleischqualität des Wilds. Viele Menschen sprachen das erhöhte Verkehrsaufkommen an. Und jemand fragte, ob die Kriminalität wegen der vielen teuren technischen Apparate zunehmen werde. Wir nahmen jeden einzelnen Einwand ernst und gingen der Sache nach. So wurden wir in den Augen der Menschen glaubwürdig.»

Ökologen, Techniker, Chemiker, Ingenieure, Physiker, Biologen, Meteorologen, Geologen und viele mehr gingen den Fragen so lange nach, bis befriedigende Antworten vorlagen. Nochmals Laarouchi: «Anfänglich rechneten wir mit einem Zeitbudget von zwei Jahren für diese Gespräche. Inzwischen sind acht Jahre verstrichen, und jeder einzelne Tag war gut investiert.» Die bei diesen Gelegenheiten entstandenen Fotografien unterscheiden sich diametral von den Pressebildern etwa aus Gorleben. In Schweden gelebter Dialog, in Deutschland knallharte Konfrontation.

Forsmark oder Oskarshamn

Übrigens: Wer in Schweden denn doch an fundierten Informationen interessiert ist, wird auch diese erhalten, sei es nun mündlich von Fachleuten, zum Beispiel zu Hause in der guten Stube, sei es in gedruckter Form - es liegen eine sehr grosse Zahl an Publikationen zu einzelnen eng begrenzten Aspekten oder allgemeinerer Art vor, und zwar sowohl auf Schwedisch wie auch auf Englisch - oder sei es übers Internet, zum Beispiel unter www.skb.sd.

Die Regierung hat nun die Wahl zwischen zwei Standorten. Proteste sind kaum zu erwarten. Die beiden Projekt-Begleitgruppen aus Forsmark und Oskarshamn mit Politikern und andern Bürgervertretern haben sich ihrerseits verständigt. «Es soll auch dann keine Gewinner und Verlierer geben, wenn es ums Geld geht.» Dies sagen Lars Blomberg, Bürgermeister von Oskarshamn, und Rolf Persson, Leiter der Begleitgruppe in der gleichen Gemeinde.