Reportage

Die Schweizer lernen das Jungfraujoch lieben – vorübergehend zumindest

Dieses Jahr leerer als sonst: Aussichtsplattform auf dem Jungfraujoch.

Dieses Jahr leerer als sonst: Aussichtsplattform auf dem Jungfraujoch.

Das Jungfraujoch, der erfolgreichste Tourismusberg des Landes, gehört heuer den Schweizern. Doch auf Dauer geht das nicht.

Wer von Grindelwald hinauf aufs Jungfraujoch fährt, der durchquert Wälder und Wiesen, und stets ragt da linker Hand die Nordwand des Eigers auf. Ein Ungetüm aus blankem Fels, senkrecht fast, endlos scheint es zum Himmel zu wachsen.

© Severin Bigler / MAN

Und dann, plötzlich, taucht der Zug in den Berg. Stösst tiefer und tiefer ihn in vor.

© Severin Bigler / MAN

Mehr als sieben Kilometer geht das so, durch einen schmalen Tunnel mit Wänden aus rauem Stein. 16 Jahre haben die Arbeiter einst gebraucht, um ihn durch den Berg zu schlagen, haben sich vorgekämpft, durch den Eiger zuerst und dann den Mönch, auf fast 3500 Meter schliesslich.

Dort oben klammert sich die Bergstation des Jungfraujochs auf einem Grat zwischen Mönch und Jungfrau an den Fels, es gibt Restaurants und Souvenirshops. Und ganz zuoberst eine Aussichtsplattform.

© Severin Bigler

An einem Geländer steht Gabriela Müller, den Blick in die Ferne gerichtet, Richtung Südosten, wo der Aletschgletscher sich hinstreckt. Und sagt, dass sie nicht aufhören könne, dorthin zu schauen, zum Gletscher, dem längsten in den Alpen, «was für ein Anblick», murmelt sie.

© Severin Bigler

Müller ist mit ihrem Mann und Freunden auf den Berg gefahren. Eigentlich war diesen Sommer eine Reise in die Karibik geplant. Doch dann kam Corona, und alles fiel ins Wasser. Jetzt stehen die Müllers, die aus einem Dorf im St. Galler Rheintal kommen, eben auf dem Jungfraujoch. Und können sich nicht sattsehen am ewigen Weiss, das sie umgibt.

© Severin Bigler

Es ist ein ruhiger Tag auf dem Jungfraujoch, Wolken umhüllen die Berggipfel. Auf der Aussichtsplattform herrscht nicht das übliche Gedränge, in den Restaurants noch weniger, und erst recht nicht in den Läden, die Uhren verkaufen.

Der erfolgreichste Tourismusberg des Landes erlebt gerade besondere Zeiten. Vor dem indischen Restaurant hängt ein Zettel, «sorry, we’re closed», steht darauf. Die Inder kommen diesen Sommer nicht, und das gilt auch für die Japaner, für die Chinesen, für die Taiwaner.

Mit ihnen machen sie auf dem Jungfraujoch sonst hervorragende Geschäfte. 70 Prozent der Besucher kommen normalerweise aus Asien.

© Severin Bigler

Doch mit dem Coronavirus kam der Stillstand des globalen Reiseverkehrs. Ein harter Schlag für das Aushängeschild der Jungfraubahnen. Die Bahn setzt wie keine andere auf die Touristen aus Übersee. Nun funktioniert dieses Geschäftsmodell nicht mehr.

Und so beschlossen die Jungfraubahnen in ihrer Not, diesen Sommer alles anders zu machen. Zuvor konnten sie drei Monate lang gar nicht fahren, das hat es seit dem Ersten Weltkrieg nicht mehr gegeben. «Der Berg gehört jetzt euch, liebe Schweizer.» Das war die Botschaft, welche die Bahn nun ins Land rief, allen voran Urs Kessler, ihr CEO.

Die Schweizer haben ihn erhört, das zeigt sich an diesem Tag auf dem Jungfraujoch. Da sind die Müllers aus dem Rheintal. Die Hubers aus Graubünden, das älteste von drei Kindern mit grossen Augen. Es sagt, es sei das eine, von Gletschern zu hören. Und das andere, sie zu sehen.

© Severin Bigler

Da ist der eine Rentner, der nicht aufhören kann, von den Bauarbeitern zu schwärmen, die einst den Tunnel durch den Berg trieben, vor über hundert Jahren.

Da ist der andere, 85-jährig schon, der noch einmal hoch hinauf wollte, dorthin, wo er früher selbst auf Touren unterwegs war. Da ist die Mutter, die ihren Kindern vor einer Gedenktafel für verunfallte Arbeiter erklärt, wie gefährlich es war, den Tunnel zu bauen.

© Severin Bigler

Sie sind aus dem ganzen Land gekommen, aus Nidwalden und St. Gallen, aus Zürich und der Westschweiz. Fast allen ist gemein, dass sie zum ersten Mal auf dem Jungfraujoch stehen. Die meisten sagen, sie seien gekommen, weil es ein anderer Sommer sei, ruhiger, ohne Massentourismus. Es klingt durch, dass es den Schweizern ganz gut gefällt, dass sie den Berg mehr oder weniger für sich haben.

Mit Lokführerin Therese Baumann von der Kleinen Scheidegg aufs Jungfraujoch und wieder zurück

Mit Lokführerin Therese Baumann von der Kleinen Scheidegg aufs Jungfraujoch und wieder zurück

Unten im Tal sitzt CEO Urs Kessler im Hauptquartier der Jungfraubahnen und erklärt, warum das eigentlich nicht geht. Dass dieser Sommer ein Einzelfall bleiben muss, auch wenn er weiss, dass der Schweizer «es geniesst, wenn er etwas für sich hat».

Als Kessler einst als junger Mann bei den Jungfraubahnen anfing, fuhren pro Jahr 200'000 Menschen aufs Jungfraujoch. In den letzten Jahren war es jeweils über eine Million.

CEO Urs Kessler.

CEO Urs Kessler.

Kessler, braun gebrannte Haut, zupackende Art, Gastgeber-Gen, hat seinen Betrieb auf Wachstum getrimmt, Besucherrekorde purzeln lassen. Letztes Jahr erzielte er das beste Ergebnis seiner Geschichte, Gewinn: 53 Millionen Franken.

Die Jungfraubahnen betreiben seit Jahren Vertretungen in asiatischen Ländern. Das hat gewirkt: Für viele asiatische Touristen ist ein Abstecher aufs Jungfraujoch Pflicht. In guten Zeiten war das etwas, um das die Jungfraubahnen mancherorts beneidet wurden, etwa in Zermatt, wo man gerne mehr vom Kuchen hätte.

Jetzt ist es ein gewaltiges Problem, und für Urs Kessler steht fest: 2020 wird «ein Seuchenjahr», auch wenn es gerade nicht schlecht läuft, den Schweizern sei Dank. 95 Prozent der Gäste, schätzt Kessler, sind derzeit Einheimische.

© Severin Bigler

Er hat Rösti auf die Speisekarte setzen lassen und Älplermaggronen. Die schwarzen Eier, welche die Chinesen so mögen, sind verschwunden, auch die Schriftzeichen auf chinesisch und japanisch. Doch das ist ein Wandel auf Zeit, kein Modell für die Zukunft. «Wir brauchen die Asiaten, es geht nicht ohne sie und die anderen internationalen Touristen», sagt Kessler.

114.50 Franken bringt jeder von ihnen im Durchschnitt ein. Bei den Schweizern ist es selbst jetzt, in der Hochsaison, weniger. Die Schweizer kommen auch, weil Kessler sie mit Aktionen anlockt, die er sonst nie in den Sommer legen würde. Coop und Raiffeisen sind etwa Partner. Oben am Berg erwähnen sie viele als einen Grund, warum sie gekommen sind.

© Severin Bigler

Und dann ist der Schweizer Gast viel anspruchsvoller als der aus Übersee. Er reist meist nur dann an, wenn die Sonne scheint. Touristen aus Übersee dagegen habe ihre Fahrt aufs Joch lange geplant, sie fahren bei jedem Wetter auf den Berg.

Das Wetter, sagt Kessler, habe in der Geschichte seiner Bahn noch nie eine so grosse Rolle gespielt wie dieses Jahr. Die Einsatzpläne werden jetzt erst zwei Tage im Voraus geschrieben, weil der Wetterbericht dann einigermassen zuverlässig ist.

© Severin Bigler

Rund ein Drittel der Angestellten sind noch immer in Kurzarbeit. Investitionen in Millionenhöhe wurden gestoppt, Bauprojekte zur Erneuerung der Anlagen auf dem Joch in die Schublade gelegt. Kessler ist das schwer gefallen, er ist kein Mann, der gerne abbremst. Wenn er über die Zukunft spricht, kommt er bald zum Corona-Impfstoff. Sagt, er sei optimistisch, dass alles schneller gehe, als man derzeit vermute. 2021 als Übergangsjahr, 2022 wieder Normalität, so stellt der CEO sich das vor.

Zeigt sich jetzt nicht, dass er aufs falsche Pferd gesetzt, ein Klumpenrisiko aufgebaut hat – und es ein Umdenken braucht? Kessler kennt die Frage, er hört sie gerade öfter. «Natürlich kann man das jetzt sagen», entgegnet er, «aber wir wären nie so gewachsen, wenn wir das nicht gemacht hätten. Und der asiatische Markt wird künftig noch grösser.»

Wer von Grindelwald aus aufs Joch fährt, der sieht nicht nur den Eiger. Sondern auch Masten, bei denen gerade die Seile für eine neue Bahn eingezogen werden, den Eiger Express.

© Severin Bigler

Er ist das Herzstück der V-Bahn, dem grössten Bauprojekt in der Geschichte der Jungfraubahnen, 470 Millionen Franken schwer. Es soll mehr Menschen aufs Joch bringen, mit mehr Tempo, aber auch besser über das Jahr verteilt. Im Dezember steigt die Eröffnung, eine Woche früher als geplant. Das ist Kessler wichtig, als positives Zeichen, gerade in diesen Zeiten. Es gibt für ihn nur eine Richtung: aufwärts.

Stürmischer Empfang auf dem Jungfraujoch

Stürmischer Empfang auf dem Jungfraujoch – Nach dem Lockdown hat die Jungfraubahn am 6. Juni den Betrieb wieder aufgenommen. Die wenigen Gäste, die hinauf fuhren, wurden auf dem Jungfraujoch stürmisch mit Schnee und Regen bei -1 Grad Luftemperatur emfpangen.

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