Spende
Die Schweiz sammelt mit «sozialen» Cumulus-Karten für Nothilfebezüger

Aus der Idee einer jungen St. Galler Studentin, mit ihren Cumulus-Punkten Sans Papiers und Nothilfebezüger zu unterstützen, entwickelte sich eine Bewegung: Inzwischen sammeln Migros-Kunden in der ganzen Schweiz Punkte für die Solikarte.

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Debora Buess jobbte 2009 in St. Gallen an der Migros-Kasse. Dabei hatte sie täglich hunderte von Cumulus-Karten in den Fingern. "Da habe ich mir gesagt, dass ich auf meine Treue-Gutscheine, die ich alle zwei Monate erhalte, nicht angewiesen bin", sagt die 22-Jährige. Sie beschloss, ihre Gutscheine an Nothilfebezüger und Sans Papiers weiterzugeben.

Debora Buess begann, ihren Strichcode an Freundinnen und Bekannte zu verteilen, so dass alle auf ein gemeinsames Konto sammelten. Die Solikarte war geboren. In den nächsten zwei Jahren kamen mehrere tausend Franken in Form von Migros-Gutscheinen zusammen, die Debora Buess dem Solidaritätsnetz Ostschweiz zukommen liess.

Acht Franken pro Tag

Die Bons kommen in erster Linie Familien und Einzelpersonen zu. "Das Solinetz Ostschweiz kennt die Menschen, die auf Nothilfe gesetzt wurden, und weiss, wer besonders dringend Hilfe benötigt", sagt Buess.

Acht Franken pro Tag, ein Dach über dem Kopf und medizinische Versorgung in Notfällen: Mit dieser minimalen Sozialhilfe sollen abgewiesene Asylsuchende, die keine Papiere haben und sich illegal in der Schweiz aufhalten, seit Anfang 2008 rasch zur Rückreise in ihr Herkunftsland gezwungen werden.

Bei Menschen im gleichen Haushalt vermindert sich der Ansatz: Es gibt Familien, die mit 21 Franken pro Tag auskommen müssen. In St. Gallen erhält zum Beispiel eine Familie mit zwei Kindern jede Woche vom Solinetz 50 Franken in Form von Cumulus-Bons. "Damit sie einigermassen anständig überleben kann", sagt die Initiantin der Solikarte.

Migros stellt sich quer

2011 wird die Idee in Zürich kopiert. Die Migros Genossenschaft toleriert auch die zweite "solidarische" Cumulus-Karte. Anfang 2012 stellt sich der Grossverteiler plötzlich quer. Er will die Karten sperren. Der Migros gehen nämlich die Daten zum Einkaufsverhalten jener Kunden verloren, die ihre Cumulus-Punkte für die Solikarte sammelten.

Mit einer Petition mit 800 Unterschriften und einigen Medienberichten gelingt es, die Migros zum Einlenken zu bewegen. Die Migros erlaubt die Solikarte unter der Bedingung, dass nur noch ein Strichcode verwendet wird.

Inzwischen gibt es weitere Regionalgruppen in Bern, Luzern, Basel, im Aargau und seit kurzem auch im Tessin und in der Westschweiz. Die Zahl der Migros-Kunden, die auf dasselbe Cumulus-Konto sammeln, wächst weiter. Debora Buess erhält täglich rund zehn Bestellungen für weitere Strichcode-Aufkleber.

Die Gutscheine würden entsprechend der Einnahmen an die Regionen verteilt und danach in Projekte wie Mittagstische oder Deutschkurse für Asylsuchende und Nothilfebezüger investiert, sagt sie. In dreieinhalb Jahren sind bereits über 50'000 Franken zusammengekommen.

Migros kopiert Idee

Inzwischen verfolgt die Migros selbst die Idee einer "sozialen" Cumulus-Karte. Wer als Migros-Kunde eine Treuekarte hat, kann seine Punkte diversen gemeinnützigen Organisationen spenden, die diese für ausgewählte Projekte einsetzen. Empfohlene Empfänger sind Glückskette, Pro Infirmis, Solidar Suisse, Heks, Winterhilfe oder die Terzstiftung.

Daneben ist eine Spende an einen beliebigen Besitzer einer Cumulus-Karte möglich. Ob die Solikarte parallel dazu weiter existieren kann, sei noch offen. "Wir sind mit der Migros im Gespräch" sagt die Studentin, die hofft, dass der Grossverteiler die Solikarte auf die Liste der offiziellen Spendenorganisationen nimmt.