In der Nacht auf Montag sind in einer Industriehalle in Altstätten SG zwei Männer im Alter von 36 und 44 Jahren angeschossen und schwer verletzt worden. Am Tatort hat die Polizei eine riesige Indoor-Hanfanlage mit mehreren tausend Pflanzen gefunden. Das müssen Sie über die Cannabis-Schweiz wissen. 

Zwei Männer werden in Altstätten SG angeschossen und schwer verletzt

Zwei Männer werden in Altstätten SG angeschossen und schwer verletzt

1. Wie viele Schweizer kiffen?

Cannabis ist gemäss Suchtmonitoring Schweiz die mit Abstand am häufigsten konsumierte illegale Substanz in der Schweiz. Gemäss einer Bevölkerungsbefragung aus dem Jahr 2013 hat mehr als ein Viertel der Schweizer Bevölkerung ab 15 Jahren (29 Prozent) schon mindestens einmal im Leben Cannabis konsumiert.

Cannabiserfahrungen in den letzten 30 Tagen hatten 2,7 Prozent der Gesamtbevölkerung. Hochgerechnet entspricht dies einer Anzahl von etwa 190’000 Personen, die in der Schweiz aktuell Cannabis einnehmen.

2. Wie gross ist der Schweizer Cannabismarkt?

Aufgrund der verdeckten Natur des Schwarzmarktes gibt es grundsätzlich zu wenige und auch zu wenig verlässliche Daten, um die Absatzmenge an Cannabisprodukten in der Schweiz zu bestimmen.

Nach Angaben des Bundesamtes für Polizei Fedpol ging eine – sehr konservative – Schätzung aus dem Jahre 2010 von einer jährlich konsumierten Menge von 25 bis 37 Tonnen aus. Bei einem derzeitigen Marktpreis von etwa 10 Franken pro Gramm würde das einem Gesamtwert von 250 bis 370 Millionen Franken entsprechen. Die Menge könnte jedoch gemäss Fedpol durchaus doppelt so hoch sein.

3. Woher kommt das Cannabis in der Schweiz?

Es wird davon ausgegangen, dass der grösste Anteil des Cannabis auf dem Schweizer Markt auch in der Schweiz produziert wird, man geht von bis zu 75 Prozent aus. Wie gross der Anteil Kleinanbau für den Eigengebrauch ist, kann nicht abgeschätzt werden.

Es darf aber davon ausgegangen werden, dass Eigenanbau sehr häufig vorkommt, entsprechendes Material (Semi-professionelle Anbau-Boxen inklusive Wärmelampen und Dünger) können legal im Internet gekauft werden und es scheint eine sehr grosse Nachfrage nach diesen Produkten zu bestehen.

4. Welche Rolle spielen professionelle Drogenhändler?

Nach Einschätzung der Fedpol ist die Rolle des organisierten Verbrechens im Cannabis-Handel in der Schweiz weniger bedeutend und wohl primär bei den 25 Prozent Hanfprodukten aus dem Ausland (Marokko, Albanien). Die Romandie scheint mehr betroffen als die Deutschschweiz.

5. Kifft die heutige Jugend häufiger als die 68er-Generation?

Von den 25- bis 34-Jährigen hat fast jeder Zweite (48,4 Prozent) schon mindestens einmal im Leben gekifft. Beim aktuellen Cannabisgebrauch («in den letzten 30 Tagen») liegen die 15- bis 19-Jährigen (9,0 Prozent) sowie die 20- bis 24-Jährigen (8,9 Prozent) an der Spitze.

Hardcore-Kiffer wiederum, die im letzten Monat 20 Tage oder häufiger Cannabis konsumiert haben, gibt es in der Altersgruppe der 25- bis 34-Jährigen am meisten (1,6 Prozent).

Von den über 75-Jährigen gab nur eine von fünfzig Personen an, in ihrem Leben jemals gekifft zu haben. Bei den 55- bis 64-Jährigen (68er-Generation) bereits eine von fünf Personen.

6. Wie wirkt sich der «kleine Unterschied» auf den Cannabis-Konsum aus?

Männer haben eine grössere Affinität zum Kiffen als Frauen. «Im Leben schon mindestens einmal probiert» haben rund ein Drittel (34,7 Prozent) der Männer, bei den Frauen ist es nur ein Viertel (23,6 Prozent).

Deutlich grösser ist der Geschlechterunterschied bei den regelmässigen Kiffern: Bei den Männern haben im letzten Monat 1,5 Prozent 10 Tage oder häufiger gekifft, bei den Frauen nur 0,3 Prozent – also fünfmal weniger.

7. Nimmt der Cannabis-Konsum in der Schweiz zu?

Die gegenwärtige Datenlage lässt nur bedingt Aussagen über die Entwicklung des Cannabisgebrauchs in der Schweiz zu. Befragungen deuten aber darauf hin, dass sich der Cannabiskonsum zwischen 1997 und 2013 kaum verändert hat.

8. Gibt es einen «Kiffer-Graben» zwischen den Sprachregionen in der Schweiz?

Ja, zumindest einen kleinen: Die Romands sind die Kiffer-Könige der Schweiz. In der Westschweiz gibt jede dritte Person (33,5 Prozent) an, im Leben mindestens einmal Cannabis konsumiert zu haben.

Die Tessiner sind deutlich weniger Cannabis-affin. In der Sonnenstube der Schweiz hat gemäss Umfrage nicht einmal jeder Fünfte (18,4 Prozent) Cannabis ausprobiert. Die Deutschschweiz liegt mit einem Mindestens-einmal-im-Leben-gekifft-Anteil von 28,2 Prozent dazwischen.

9. Wo steht die Schweiz im internationalen Kiffer-Vergleich?

Die Schweizer kiffen etwas weniger als die Franzosen, jedoch häufiger als die Deutschen: Beispielsweise haben 15,4 Prozent der 15- bis 34-jährigen Schweizerinnen und Schweizer in den letzten 12 Monaten Cannabis genommen, in Frankreich erreichte dieser Anteil 17,5 Prozent, in Deutschland lediglich 11,1 Prozent.

10. Wo kaufen die Schweizer Kiffer ihren Stoff?

Von denjenigen, die in den letzten sechs Monaten gekifft haben, bezog 2007 die Mehrheit (57,7 Prozent) ihren Cannabis von Freunden, ohne dafür bezahlen zu müssen. Zirka ein Drittel (33,6 Prozent) kauften ihn bei Freunden, 5.8 Prozent gaben an, im Hanfladen Cannabis erworben zu haben und gut doppelt so viele kauften ihn auf der Gasse bzw. bei einem Dealer (13 Prozent). Eigene Pflanzen benannten 8.7 Prozent als ihre Bezugsquelle.

Vergleicht man die Ergebnisse von 2007 mit den Daten aus dem Jahr 2004, zeigt sich, dass insbesondere der Bezug aus privaten Quellen (Freunde, eigene Pflanze) oder direkt auf der Gasse zugenommen hat. Hingegen war der Erwerb im Hanfladen deutlich rückläufig.

Ein naheliegender Grund ist die zunehmende Schliessung von Hanfläden in Folge der restriktiveren Cannabispolitik am Ende der 1990er Jahre.

11. Mit welcher Strafe müssen Kiffer in der Schweiz rechnen?

Seit dem 1. Oktober 2013 werden erwachsene Personen, die mit maximal 10 Gramm Cannabis für den Eigengebrauch angehalten werden, nur noch mit einer Ordnungsbusse von 100 Franken bestraft. Eine Strafverfolgung wird unter normalen Umständen nicht aufgenommen.

12. Gibt es Legalisierungsbestrebungen?

Nach der gescheiterten Initiative zur Legalisierung von Hanfprodukten (2008) und der de facto Entkriminalisierung des Konsums (2013) bleibt die Debatte rund um Cannabis hochaktuell.

Seit einigen Jahren wurden in grösseren Schweizer Städten (Zürich, Luzern, Bern, Biel, St. Gallen, Lausanne, Winterthur) und in einem Kanton (Basel-Stadt) Postulate oder parlamentarische Initiativen mit dem Ziel eingereicht, die Debatte über einen alternativen Umgang mit der Produktion und dem Handel mit Cannabis neu zu lancieren.

Derzeit ist die öffentliche Diskussion in Genf nach wie vor am weitesten fortgeschritten. Hier möchte eine Gruppe Abgeordneter im Rahmen eines Pilotprojekts Vereinigungen von Cannabiskonsumierenden zulassen.

13. Ab welcher Menge wird der Cannabiskonsum als problematisch?

Wann der Cannabiskonsum zum Problem wird, ist wissenschaftlich nicht eindeutig geklärt. Die Eidgenössische Kommission für Drogenfragen geht davon aus, dass ein häufiger Cannabisgebrauch mit höheren Risiken einhergeht als ein gelegentlicher Gebrauch.

Internationale Publikationen sehen in der Häufigkeit des Gebrauchs zwar nicht den einzig relevanten Indikator, betrachten sie jedoch als ein wichtiges Kriterium für die Beurteilung problematischer Konsummuster.

Zieht man für die Schätzung des problematischen Gebrauchs von Cannabis einen Gebrauch an mindestens 10 Tagen pro Monat heran, so würde etwa ein Drittel aller aktuell Cannabis Gebrauchenden einen problematischen Gebrauch aufweisen.

14. Wie gefährlich ist Cannabiskonsum?

Todesfälle, die direkt auf den Cannabisgebrauch zurückzuführen sind, gelten als unwahrscheinlich. Auch Erkrankungen und Hospitalisierungen sind selten direkt dem Gebrauch von Cannabis zuzuschreiben. Vielmehr stehen Erkrankungen oft im Zusammenhang mit dem beigemischten Tabak.

Eine Auswertung der Hospitalisierungen im Jahr 2008 zeigt, dass nur 5,3 von 100’000 Fällen der Hauptdiagnose cannabisbezogene Abhängigkeit zugeschrieben werden können.

15. Lassen sich viele Cannabisabhängige behandeln?

Die Behandlungsstatistik von act-info, dem schweizerischen Klientenmonitoringsystem für den Bereich der Suchthilfe, zeigt, dass die Behandlungsnachfrage für psychosoziale Betreuungen im Zusammenhang mit primär cannabisbezogenen Problemen seit 2006 angestiegen ist. Seit 2010 steht sie an erster Stelle hinsichtlich der Probleme mit illegalen Substanzen und hat die opioidbezogenen Probleme überholt.

16. Wie viel kostet die Behandlung von übermässigem Cannabiskonsum die Gesellschaft?

Zu den sozialen Kosten von Cannabisgebrauch liegen keine Schätzungen vor. Gemäss einer in der Schweiz durchgeführten Studie beliefen sich die sozialen Kosten des Konsums illegaler Substanzen (inkl. Cannabis) im Jahr 2000 auf etwa 4.1 Milliarden Franken. Den Hauptanteil dürften opioid- und kokainbezogene Probleme verursachen, wobei mehr als die Hälfte der gesamten direkten Kosten im Zusammenhang mit dem Konsum illegaler Drogen in die Repression fliesst.

Quellen: Suchtmonitoring Schweiz, Sucht Schweiz, Fedpol