Es ist Winter und der Schnee liegt früh in diesem Jahr. Im Leimental herrscht Agglo-Tristesse. Wer durch den Schneematsch in Oberwil BL watet, bekommt kaum das Gefühl, dass hier irgendwo an einem Technologiewunder gearbeitet wird, das die Finanzwelt derzeit aus dem Häuschen bringt. Ein Fust, ein Coop-Warenhaus und Auto-Garagen runden das Bild ab.

Im ersten Stock eines dieser Reihenhäuser, die einst als Verkaufsläden der letzte Schrei gewesen sein müssen, hat die Firma Gira Financial Group ihre Zelte aufgeschlagen. Der operative Hauptsitz der Firma ist in Hergiswil in Nidwalden angesiedelt, doch das Management arbeitet vom Baselbiet aus. Gegründet hat sie der ehemalige Rohstoff-Trader Gian-Carlo Collenberg, sein Schulfreund, der Ingenieur Ramon Simon, der Mediziner und Informatiker Raja Yogarajah und dessen Bruder Gnana.

Ihr erstes Produkt war eine Kryptowährung, die sie Giracoin nannten. Programmiert wurde die Digital-Währung vor allem in Indien. Inzwischen ist die Firma gewachsen, weltweit sind rund 50 Mitarbeiter beschäftigt, 80 000 Kunden sind heute registriert und das Unternehmen war gemäss Collenberg schon nach drei Monaten selbsttragend. Nachprüfen lassen sich die Angaben nicht.

Die Gründer der Gira Financial Group: Gnana Yogarajah, Ramon Simon, Raja Yogarajah und Gian-Carlo Collenberg (v. l.).

Die Gründer der Gira Financial Group: Gnana Yogarajah, Ramon Simon, Raja Yogarajah und Gian-Carlo Collenberg (v. l.).

Sicher ist: Collenberg und seine Mitgründer reiten auf einer Welle, die weltweit unglaubliche Dimensionen erreicht. Seit dem Boom der Kryptowährung Bitcoin, die es seit 2009 gibt, stürzen sich Anleger auf Firmen, die solche Währungen anbieten. Ein Bitcoin kostet inzwischen 18 000 Dollar. Mitte Woche brach dann der Kurs um 10 Prozent ein.

Wer noch vor einem Jahr einen Bitcoin kaufen wollte, bezahlte nur 1000 Dollar dafür, Ende 2015 war es sogar noch halb so viel. Einige Investoren, auch solche in der Schweiz, wurden mit Investitionen in Bitcoins innerst kürzester Zeit zu mehrfachen Millionären. Seit dieser Woche ermöglicht die weltweit grösste Rohstoffbörse, die Chicago Mercantile Exchange (CME), die Möglichkeit, mit sogenannten Futures auf steigende oder fallende Bitcoin-Werte zu setzen.

Warner gibt es viele, wie etwa der mächtige Bankmanager Jamie Dimon, CEO der US-Grossbank JP Morgan Chase, der offen von Betrug spricht. Auch die EU-Kommission warnt vor Risiken der Cyberwährung. Tatsächlich ist auch die Gefahr gross, dass das Geld für illegale Transaktionen genutzt werden kann. Historiker vergleichen die derzeitige Euphorie rund um den Bitcoin mit der Tulpenmanie, die im 17. Jahrhundert zum ersten Börsencrash der Neuzeit führte.

Spezialisten haben schon ausgerechnet, dass die Bewertung von Bitcoins im Verhältnis zum Ertrag so hoch ist wie kaum ein Wertpapier zuvor. Für viele war das in der Vergangenheit ein Anzeichen, dass eine Blase platzen könnte. Doch es wird munter weitergezockt. Die Schweizer Online-Bank Swissquote hat diese Woche auf ihrer Plattform den Handel mit vier weiteren Kryptowährungen eröffnet. Neben dem Bitcoin, der seit vergangenem Jahr im Angebot ist, kann jetzt auch in Ether, Litecoin, Ripple und Bitcoin Cash gekauft und verkauft werden. Auch diese Währungen haben in den vergangenen Wochen Rekordstände vermeldet.

«Geldmacher» in Pullis

Zurück ins Baselbiet. Collenberg und sein Team würde man von weitem nicht als smarte Geldmanager erkennen in ihren Pullis und Jeans. Ihre Ausbildung lässt auch nicht darauf schliessen, dass sie Kryptologie-Spezialisten sind. Doch die Start-up-Unternehmer beschäftigen inzwischen eine der renommiertesten Anwaltskanzleien des Landes, sie werden von einem PR-Büro betreut, von einem Beirat beraten und lassen sich freiwillig von der Finma überwachen.

Und sie haben vieles vor: Nach der Lancierung der ersten Internet-Währung kommt im Januar eine zweite Version. Im Aufbau sind eine virtuelle Wechselstube für Internet-Währungen oder auch ein Projekt in den Alpen, wo in ausgedienten Ställen Computer-Server, mit nachhaltiger Energie betrieben, virtuelles Geld schürfen sollen.

Bei aller Euphorie um das neue digitale Geld: Es ist vor allem die sogenannte Blockchain-Technologie, die hinter der Kryptowährung steckt, die nicht nur die Gründer von Giracoin fasziniert. Diese Technologie, so sind sich Experten sicher, verspricht ganz neue Anwendungen, etwa die sichere Verwahrung von Verträgen, von digitalen Identitäten oder von wissenschaftlicher Literatur. Ja, es gibt inzwischen sogar Projekte, in denen Maschinen miteinander auf diese Weise verbunden werden sollen.

Wer den Ideen der Technojünger von heute zuhört, erinnert sich an die Zeit des ersten Internet-Booms Anfang der 2000er-Jahre. Auch damals kommunizierten die vielen Gründer in einem Fachchinesisch, das niemand begriff, und sprachen von hochtrabenden Plänen und von einer blendenden Zukunft. «Manchmal denke ich mir, das Ganze kann einfach nicht wahr sein», sagt Collenberg. «Heute werden Milliarden in Firmen investiert, die nichts anderes anbieten als ein Konzept. Das Ganze zieht viele unseriöse Nachahmer nach.»

Tatsächlich: Wie beim Internet-Boom nach der Jahrtausendwende ist auch diesmal oft nur schwer, zu erkennen, welche von den neuen Firmen, die Währungen anbieten, seriös arbeiten und welche nicht. Man liest von der rekordhohen Summe von acht Milliarden Dollar, die allein in sogenannte Währungs-Neugründungen, Initial Coin Offerings (ICO) genannt, investiert wurde und reibt sich die Augen. Viele dieser Neugründungen existieren tatsächlich kaum auf dem Papier und schon haben sie Millionen erhalten.

Auch Collenberg und seine Mitstreiter haben Geld von Kunden erhalten, ein richtiger ICO war es jedoch nicht. Sie haben auf ein aggressives Internet-Marketing gesetzt, um Kunden zu gewinnen. Diese relativ günstige Methode habe sich zwar als erfolgreich herausgestellt, jedoch hat sie einen schlechten Ruf. «Heute würden wir das wohl anders machen.»

Verschlüsselung braucht Strom

Doch was ist eine Kryptowährung? Und was bedeutet Blockchain? Und wieso wird der Prozess der Herstellung von Währungseinheiten in Anlehnung an das Goldschürfen «Mining» genannt? Zunächst ist die digitale Währung – etwa Bitcoin – nichts anderes als eine verschlüsselte Datenbank. Immer wieder wird auch der Begriff «Kryptografie» verwendet – das ist die Wissenschaft von der Verschlüsselung.

Jede Veränderung der Datenbank – im Fall einer Währung ist es der Kauf oder Verkauf, aber auch der Kontostand eines Benutzers – wird transparent erfasst. So entstehen Ketten von verschlüsselten Datenpaketen. Die Verschlüsselung selber ist sehr rechenintensiv, deshalb wird sie im Fall von Bitcoin an Millionen von Nutzern ausgelagert.

Die Schweiz hat sich innert kürzester Zeit weltweit zu einem der wichtigsten Standorte für digitale Währungen und für die Blockchain-Technologie entwickelt. Dies etwa dank dem Zuzug von bekannten Köpfen wie dem Dänen Niklas Nikolajsen, der 2013 Bitcoin Suisse gegründet hatte, dem Südafrikaner Johann Gevers, der mit seinem Start-up Monetas und der Digitalwährung Tezos derzeit arg unter Beschuss ist, und Ethereum-Gründer Vitalik Buterin, der inzwischen jedoch nach Singapur gezogen ist.

In den vergangenen Monaten wurden vier der sechs grössten ICOs aus der Schweiz lanciert, darunter auch derjenige des Unternehmens Tezos, das 238 Millionen US-Dollar eingesammelt hat. Das eingesammelte Geld wird also von vielen Schweizer Stiftungen verwaltet. Dieser neue Boom veranlasste die Finanzmarktaufsichtsbehörde (Finma) zum Handeln: So wurde die Scheinkryptowährung E-Coins aus dem Verkehr gezogen, drei Firmen wurden auf die Warnliste gesetzt und elf weitere Abklärungen bekannt gegeben «wegen anderer vermutlich unerlaubt betriebener Geschäftsmodelle».

Dass die Stadt Zug voll auf die Karte setzt und sich weltweit als einer der zentralen Standorte für die neue Technologie positionieren möchte und etwa Bitcoins als offizielles Zahlungsmittel akzeptiert, wird zwar vielerorts begrüsst. Für viele Beobachter ist jedoch klar, dass mit dieser Branche auch Risiken verbunden sind, ähnlich wie bei den Rohstoffhändlern. Dies hat auch die neugegründete Branchenvereinigung «Cryptovalley» erkannt, wie ihr Sprecher Tom Lyons sagt. Man hat dies auch am zweiten Fintech-Roundtable, der Anfang Dezember vom Finanzdepartement veranstaltet wurde und von Bundesrat Ueli Maurer präsidiert wurde, zur Sprache gebracht.

Dabei hat man sich klar dafür ausgesprochen, dass der Bereich stärker reguliert wird. «Die Frage ist nicht, ob die Branche reguliert wird, sondern nur noch wann», sagt Lyons. Die Selbstregulierung steht für ihn dabei im Vordergrund. Einen eigenen «Code of Conduct» – eine Art Verhaltensregel – will man bereits im Januar publizieren.

Der Boom erreicht immer weitere Kreise. Die Grossbanken sind daran, neue Anwendungsmöglichkeiten zu entdecken. Die Swisscom, die seit 2015 an der Technologie forscht, hat im September die Firma Swisscom Blockchain AG gegründet und arbeitet etwa an einem Handelsregister-Projekt. Vergangenen Dienstag meldete das Fintech-Start-up Crypto Finance mit Sitz in Zug, dass es bei der Finanzmarktaufsicht eine Banklizenz beantragen wird.

Dafür hat es bei Schweizer Unternehmen und Investoren 16 Millionen Franken eingesammelt. Unter anderem soll der Hedge-Funds-Pionier und ehemalige UBS-Verwaltungsrat Rainer-Marc Frey eingestiegen sein. Die neue Krypto-Bank wurde vom ehemaligen UBS-Banker Jan Brzezek gegründet. Im Verwaltungsrat sitzt unter anderem Raymond Bär, ehemaliger Verwaltungsratspräsident der Bank Julius Bär.

Zurück ins Leimental. Für Gian-Carlo Collenberg und seine Mitgründer geht es darum, dass die Lancierung des neuen Gelds glatt über die Bühne geht. Im Gegensatz zu Bitcoin, dessen Programmcode frei verfügbar ist und dezentral auf Millionen von Computern gespeichert ist, arbeitet Giracoin in der neuen Version in einem geschlossenen System.

Die alte Giracoin-Version will man hingegen öffnen und den Programmcode freischalten. «Auf unsere neue Plattform haben unsere Partner Einblick. Auf Wunsch stellen wir dies auch der Finma zur Verfügung», sagt Collenberg. Durch den geschlossenen Code werde sichergestellt, dass die Blockchain nicht durch Attacken von aussen manipuliert werden könne. Dies erlaube es, das System auch für andere Zwecke zu gebrauchen.

Noch wirkt immer noch vieles wie Zukunftsmusik, das weiss auch Collenberg. Demnächst wollen die Jungunternehmer in neue Räumlichkeiten ziehen. Den alten Mief werden sie wohl bald hinter sich lassen.