Industriegeschichte

Die Schweiz ist ein Land der Seilbahnen

Fast auf jeden Berg führt heute eine Seilbahn. Das Bundesamt für Kultur bezeichnet die Schweiz als «das Seilbahnland par excellence». Der Bund hat nun ein Seilbahninventar erstellt, damit die Anlagen auch als Denkmäler wahrgenommen werden.

Ohne Seilbahnen würden wir noch immer die Alpen hochkraxeln. Der Ansporn, die einheimischen Berge mit weniger Schweiss und Zeit zugänglich zu machen, verdankt die Schweiz den Ausländern. Mit den Eisenbahnverbindungen kamen immer mehr Touristen in die Schweiz. Zuerst versuchten die Ingenieure - darunter der Eisenbahnpionier Niklaus Riggenbach aus Olten - die Touristen mit Zahnradbahnen auf die Berge zu bringen. So entstand in Europa 1871 mit der Vitznau-Rigibahn die erste Gebirgsbahn. Weil die Steigung aber auf 25 Prozent beschränkt ist, forcierte dies die Entwicklung der ersten Seilbahnen.

Erste touristische Seilbahn der Welt

1879 wurde mit der Standseilbahn Giessbach zum gleichnamigen Hotel die erste touristische Seilbahn der Welt gebaut. Weitere Weltneuheiten folgten: In Davos wurde 1934 der erste Bügelskilift eröffnet, in Flims 1945 die erste kuppelbare Sesselbahn. «Die Schweiz ist das Seilbahnland par excellence», hält das Bundesamt für Kultur (BAK) dazu fest. Es hat die 129 Meilensteine für die Schweizer Seilbahngeschichte - eine Auswahl aus über 3000 Anlagen - kürzlich in einem Inventar online zugänglich gemacht. Innert zweier Jahre haben Fachleute unter der Leitung des BAK die Liste nach technikgeschichtlichen, kultur- und wirtschaftshistorischen Kriterien kategorisiert.

Das Inventar soll dafür sorgen, dass die Seilbahnen auch in denkmalpflegerischer Hinsicht wahrgenommen werden. Johann Mürner bezeichnet es als «Frühwarnsystem». Im Auge hat der Sektionschef Heimatschutz und Denkmalpflege im BAK vor allem das Bundesamt für Verkehr (BAV). Dieses vergibt die Konzessionen für neue sowie bestehende Bahnen und muss dabei nicht nur auf die Sicherheit, sondern auch auf Aspekte wie Denkmalpflege oder Landschaftsschutz Acht geben. Mürner: «Bei den Konzessionen stehen die technischen Aspekte und die Sicherheit im Fokus.» Mit diesem Inventar wolle man besonders die Leute vom BAV verstärkt für die Anliegen der Denkmalpflege und des Heimatschutzes sensibilisieren.

Vor dem Abriss geschützt sind die Bahnen damit aber nicht, wie das Beispiel Sesselbahn Weissenstein zeigt, die Ende 2009 wegen Sicherheitsbedenken ausser Betrieb genommen wurde. Das BAK forderte den Erhalt der Zweiersesselbahn, die auch im Inventar verzeichnet ist; das BAV steht kurz davor, der geplanten Sechsergondelbahn eine Bewilligung zu erteilen.

Kein Lexikon historischer Bahnen

Die Sesselbahn auf den Weissenstein ist im Inventar verzeichnet, aber mittlerweile nicht mehr in Betrieb. Andere Bahnen, die nicht mehr existieren, hätten es von ihrer Bedeutung her ebenfalls verdient gehabt, sind aber nicht in der systematischen Zusammenstellung drin. Darunter befindet sich etwa der 1908 eröffnete Wetterhornaufzug in Grindelwald. Die Kombination von Lift und Pendelbahn war die erste Luftseilbahn für Personen in der Schweiz und eine der ersten weltweit. Für Mürner war klar, dass diese Anlage keinen Platz hat: «Wir wollten kein Lexikon historischer Bahnen erstellen.»

Im Gegensatz dazu nahmen die Fachleute des Bundes erst kürzlich gestartete Anlagen auf, wie etwa die 2003 eröffnete Skymetro am Zürich Flughafen - weil sie zu den aufwändigsten und leistungsfähigsten Anlagen der Schweiz gehört. Mürner: «Die Zeitspanne wird immer kürzer, bis Bauten für den Denkmalschutz interessant werden.» Waren früher 30 bis 50 Jahre Distanz nötig, können heute Werke schon nach drei Jahren unter Denkmalschutz stehen, wie das Beispiel der vom Architekten Peter Zumthor entworfenen Therme in Vals GR zeigt. 1996 eröffnet, wurde die Kuranlage bereits 1999 unter kantonalem Denkmalschutz gestellt.

«Touristische Leitbranche»

Die Schweiz gilt auch heute noch, nach der Pionierzeit der Seilbahnen, als guter Boden für Weltneuheiten: Auf den Titlis fährt seit 1992 eine Luftseilbahn mit einer runden um die eigene Achse rotierenden Kabine, in Samnaun GR erschliesst seit 1995 eine Doppelstock-Kabine für 180 Personen das österreichische Skigebiet Ischgl und im Mai 2012 wird das Stanserhorn mit einer doppelstöckigen Cabrio-Bahn mit offenem Oberdeck erschlossen.

Für den Verband Seilbahnen Schweiz ist damit klar: Die Seilbahnen sind die «touristische Leitbranche», wie Direktor Ueli Stückelberger es ausdrückt. «Jede einzelne Bahn, darunter auch die inventarisierten Anlagen, trägt zum Marktwert eines Ortes bei.»

Info www.seilbahninventar.ch

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