Coronakrise

Die Schweiz hätte die Kurve auch mit weniger Einschränkungen gekriegt: War der Lockdown übertrieben?

Dass die Schülerinnen und Schüler zuhause blieben, reduzierte die Zahl der Neuinfektionen nur geringfügig.

Dass die Schülerinnen und Schüler zuhause blieben, reduzierte die Zahl der Neuinfektionen nur geringfügig.

Zwei ETH-Studien zeigen: Die Epidemie war schon am 21. März unter Kontrolle. Und einige Massnahmen hatten einen geringen Effekt. Die Zahlen bilden die Grundlage für eine Debatte über die Bilanz des Notregimes. Ging der Bundesrat zu weit?

Auf dem Höhepunkt der Covid-19-Krise wusste man nicht recht, welchen Zahlen man trauen konnte. Gesundheitsminister Alain Berset navigierte die Schweiz im «Blindflug», wie er sagte. Es kursierten unterschiedliche Angaben über wichtige Kenngrössen wie die Reproduktionszahl R. Das ist die Ansteckungsrate: An so viele Personen überträgt ein Infizierter das Virus im Durchschnitt.

Jetzt ist der Lockdown vorbei und der Zahlendschungel lichtet sich. Die wissenschaftliche Taskforce, die den Bundesrat berät, ist zum Schluss gekommen, dass die ETH die Reproduktionszahl am besten berechnet. In ihrem täglich aktualisierten Lagebericht verwendet die Taskforce deshalb eine Methode, die ein Team um Professorin Tanja Stadler entwickelt hat. Die 39-Jährige arbeitet für die Systembiologieabteilung der ETH in Basel.

Der Bericht zeigt nicht nur, wie sich die Lage entwickelt, sondern auch, wie sie während des Lockdowns aussah. Fazit: Als sich die Schweiz im Blindflug wähnte, befand sich die Ansteckungsrate längst im Sinkflug. Das Land hatte die Epidemie schon nach der ersten Woche im Lockdown unter Kontrolle. Der Durchbruch lässt sich sogar auf den Tag genau datieren: Seit dem 21. März liegt die Reproduktionszahl unter 1. Seither verbreitet sich das Virus nicht mehr exponentiell.

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Anfang März hatte ein Infizierter im Durchschnitt zwei weitere Personen angesteckt. Seit dem 21. März überträgt ein Infizierter die Krankheit höchstens noch an eine weitere Person. Dennoch verharrte die Schweiz danach noch einen ganzen Monat lang im verordneten Stillstand. Die Kurve hatte das Ziel schon fast erreicht, als der Schweizer Lockdown am 17. März in Kraft trat und die Restaurants und die meisten Läden geschlossen wurden. Waren die harten Massnahmen also wirklich alle nötig?

Im Nachhinein ist es einfach, kritische Fragen zu stellen. Die ersten Berechnungen publizierte die ETH allerdings bereits am 8. April. Die Tamedia-Zeitungen erkannten die Brisanz damals am schnellsten und titelten: «Die Ansteckungsraten flachten bereits vor dem Lockdown ab.»

Wie die ETH Werbung für den Bundesrat machen wollte

Danach geschah etwas Seltsames. Die ETH versuchte, die Schlagzeile wieder aus der Welt zu kriegen. Ein ETH-Sprecher tweetete: «Dieser Titel ist reisserisch, irreführend und falsch.» Stadlers Team verlinkte den Zeitungsartikel auf seiner Institutswebsite und schrieb dazu, welchen Titel sich die Forscher stattdessen gewünscht hätten. Wörtlich: «Das beherzte Eingreifen des Bundesrats hat Wirkung gezeigt.» Offenbar wollte die ETH die Lockdownkritiker nicht unterstützten, im Gegenteil: Sie wollte den Kurs des Bundesrats stützen. Das unnötige Adjektiv «beherzt» entlarvt die Absicht.

Zwei Wochen später korrigierte die ETH ihre Berechnung aufgrund einer verfeinerten Methode, wodurch die Kurve ein paar Tage später unter das kritische Niveau sank und den Verlauf annahm, wie er nun von der Taskforce publiziert wird. Die Hauptaussage blieb dieselbe: Die Ansteckungsraten flachten bereits vor dem Lockdown ab. Der Zeitungstitel war also korrekt.

Der von der ETH vorgeschlagene Titel hingegen ist spekulativ. Welche Massnahmen welche Wirkung hatten, wusste man damals noch nicht genau.

Hätten Hygienemassnahmen und Veranstaltungsverbote genügt?

Der St.Galler Infektiologe Pietro Vernazza kommentierte die ETH-Studie Mitte April auf seinem Blog. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Bundesrat soeben eine Verlängerung des Lockdowns mit dem «Blindflug» begründet. Für Vernazza war die Sicht aber schon damals klar. Er schrieb, die Resultate würden Zündstoff enthalten: «Die einfachen Massnahmen, Verzicht auf Grossveranstaltungen und die Einführung von Hygienemassnahmen, sind hoch wirksam.» Sie hätten die Epidemie fast gestoppt und die Spitäler vor dem Kollaps bewahrt. Die Wortmeldung wurde damals nicht richtig ernst genommen.

Tanja Stadler sagt, sie sei überrascht, wie einseitig ihre Studie zum Teil interpretiert werde. Sie befürworte eine offene Diskussion über die Massnahmen des Bundesrats. Ihre Einschätzung lautet aber: «Der Wert R lag vor dem Lockdown bei 1,2 und wäre mit gleichbleibendem Verhalten nicht mehr weiter gesunken.» Dafür seien zusätzliche Verhaltensveränderungen oder Massnahmen notwendig gewesen. Offen bleibt aber, ob sich die Menschen nicht auch ohne Lockdown vorsichtiger verhalten hätten.

Sebastian Bonhoeffer ist Professor für Theoretische Biologie an der ETH und leitet die Datengruppe der Taskforce, der auch Stadler angehört. Auf die Frage, wie er die schon vor dem Lockdown sinkende Reproduktionszahl interpretiert, sagt er: «Generell hat das Verhalten der Bevölkerung schon damals allein wegen der dramatischen Situation in Italien zur Einschränkung von Kontakten geführt.» Zudem waren Grossveranstaltungen bereits verboten.

Auf Schulschliessungen hätte man wohl verzichten können

Mittlerweile kann man berechnen, welche Massnahme welche Wirkung hatte. Auch diese Daten stammen von der ETH. Stefan Feuerriegel, Professor für Wirtschaftsinformatik, hat mit seinem Team die Auswirkungen der Massnahmen auf die Zahl der Neuinfektionen in zwanzig westlichen Ländern verglichen, auch der Schweiz.

Mit dem internationalen Ansatz können die Massnahmenpakete in ihre Einzelteile zerlegt werden. So wird die relative Effektivität der Massnahmen gemessen. Auf diese Weise schafft es die Studie, Kausalitäten und nicht nur Korrelationen zu berechnen, also inhaltliche und nicht nur zeitliche Zusammenhänge.

Das Resultat: Die meisten Massnahmen führten zu einer Reduktion der Neuinfektionen um mehr als dreissig Prozent. Zwei Massnahmen zeigten jedoch eine deutlich geringere Wirkung. Schulschliessungen hatten lediglich eine Reduktion von acht Prozent zur Folge. Ausgangssperren hatten einen Effekt von nur fünf Prozent.

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Es war also richtig, dass die Schweiz auf einen italienischen oder spanischen Lockdown verzichtet hatte. Aber den Schulbetrieb hätte man möglicherweise weiterführen können. Feuerriegel sagt: «Die Massnahmen zeigten grundsätzlich Wirkung, aber nicht alle im gleichen Umfang.» Das habe man damals aber noch nicht wissen können, da Erfahrungswerte fehlten.

Bei einer zweiten Welle wäre kein Lockdown mehr nötig

Falls es nun allerdings zu einer zweiten Welle kommen sollte, wären gemäss Feuerriegel keine drastischen Massnahmen mehr nötig: «Die Bevölkerung weiss jetzt, was Social Distancing ist. Eine kleine Verschärfung kann dann schon eine grosse Wirkung haben.» Der Lockdown hatte also auch eine erzieherische Wirkung.

Grundsätzlich findet Feuerriegel: «Die Debatte über Sinn und Unsinn der Massnahmen wird in der Schweiz auf einem sehr hohen Niveau geführt.» Dabei könne man auch feststellen, wie wichtig Datenerhebungen seien.

In der Datenforschung ist die ETH schweizweit führend. Den Fauxpas in ihrer Kommunikation hat sie inzwischen eingesehen. Nach einer Anfrage dieser Zeitung hat die Hochschule ihren Titelvorschlag von der Website entfernt.

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