1. August
Die Schweiz, ein Volk von Geniessern

Die oft als lustfeindlich eingestuften Schweizer dürfen sich freuen: In ihrer 1.-August-Rede attestierte die Holländerin Willemien Lammers den Eidgenossen eine besondere Gabe, das Leben zu geniessen.

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Willemien Lammers

Willemien Lammers

Schweiz am Sonntag

Von Bettina Hamilton-Irvine

Sie ist zwar keine Schweizerin, dafür ein Schweiz-Fan, wie Stadtpräsident Otto Müller in seiner Begrüssung nicht ohne Stolz verkündete: Bei der gestrigen Bundesfeier auf dem Dietiker Kirchplatz kam der neuen Dietiker Pfarrerin Willemien Lammers die Ehre zuteil, die Festansprache zu halten. Die Holländerin, die seit zwei Jahren in der Schweiz lebt, doppelte gleich noch nach: Nicht nur ein Fan sei sie, nein, richtiggehend «verliebt» habe sie sich in dieses schöne Land. Und das schon vor rund 30 Jahren, als sie das erste Mal in der Schweiz war.

Dank dieser langen Beziehung zu unserem Land habe sie auch Stadtpräsident Müller beruhigen können, als dieser sie bei der Einladung als Rednerin vorsichtig gefragt habe, ob sie denn wisse, was eine Bundesfeier beinhalte, so Lammers. Denn erst zarte 10 Jahre alt sei sie gewesen, als sie das erste Mal eine Bundesfeier miterlebt habe, im Herzen des Berner Oberlandes, wo sie damals mit ihrer Familie in den Ferien weilte. «Ein super Tag» sei das gewesen, und schon damals habe sie gespürt, dass die Schweizer eine besondere Gabe hätten, das Leben zu geniessen. Dieser erste Eindruck habe sich nun bestätigt, so Lammers: «Wie ich damals schon ahnte, spielen Musik, gutes Essen, zusammen ein Glas oder zwei trinken, die Natur geniessen und sich mit Freunden treffen eine grosse Rolle im Leben der Schweizer.»

Doch nicht nur das beeindrucke sie an der Schweiz, meinte Lammers weiter. Dass sich diese vielen unterschiedlichen Völker, Sprachen, Kulturen und Konfessionen überhaupt zu einer Einheit, einer Nation Schweiz zusammengefunden hätten, das sei erstaunlich und schön. Und dieser Wille, solidarisch miteinander zu leben und Widerstand gegen Unrecht und Willkür zu leisten, der sei heute noch wichtig. «In diesem Jahrhundert, das kaum angefangen hat, wird die Schweiz neuen Herausforderungen begegnen, die weit über die Landesgrenzen gehen werden», zeigte sich die Pfarrerin überzeugt. Denn: «So vernetzt wie heute ist die Welt noch nie gewesen.»

Trotz, oder gerade wegen dieser neuen Verknüpfung mit der ganzen Welt sei es wichtig, die eigene Identität einerseits zu behalten und zu pflegen, andererseits aber auch neu zu definieren, folgerte Lammers: «Wer das tut, wird kein Spielball der Ereignisse.» Nur so könne man auch weiterhin diejenigen beschützen, die bedroht würden und sich solidarisch zeigten gegen Machtmissbrauch. In diesem Sinne habe für sie auch der 1. August damit zu tun, «mit Mut und Zuversicht in die Zukunft zu schauen», betonte die Pfarrerin: Es gehe darum, sich nicht aus Angst oder Unsicherheit vor Schwierigkeiten zu verstecken.

Die zahlreich auf dem Kirchplatz erschienenen Menschen tranken Bier und Cola unter dezent platzierten Schweizer Fähnli, die Sonne strahlte über der Markthalle und die Stadtmusik Dietikon wartete auf ihren baldigen Einsatz zum Spielen der Schweizer Hymne, als Lammers ihre Rede mit Überzeugung in der Stimme schloss: «Am 1. August geht es darum, mit Tatkraft für Gerechtigkeit und Freiheit einzutreten. Das bewundere ich. Das schätze ich. Und das feiere ich gerne.»