Statistik
Die Schweiz als «sicherstes Land Europas» ist längst ein Mythos

Die vom Bundesamt für Statistik (BfS) publizierte polizeiliche Kriminalstatistik 2012 wirkt alarmierend, bewegt sich doch die Schweiz bei Straftaten auf europäischem Niveau. Experten versuchen sich in Interpretationen.

Karen Schärer
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In der Kriminalstatistik des Bundes sind vergangenes Jahr 750371 Straftaten erfasst worden.

In der Kriminalstatistik des Bundes sind vergangenes Jahr 750371 Straftaten erfasst worden.

Keystone

Schwere Körperverletzungen: plus 23 Prozent. Raub: plus 16 Prozent. Diebstähle: plus 11 Prozent. Betrug: plus 28 Prozent. Dies sind nur einige der Straftaten, die vergangenes Jahr markant zugenommen haben. Die gestern vom Bundesamt für Statistik (BfS) publizierte polizeiliche Kriminalstatistik 2012 wirkt alarmierend. Zu Recht, wie Strafrechtsprofessor Martin Killias von der Universität Zürich sagt: «Wenn man diese Entwicklung als alarmierend bezeichnet, ist das eine realistische Einschätzung. In der Schweiz hat man jahrelang die Realität verdrängt.»

Mit Sensibilität wenig zu tun

Killias, der nach der Publikation seiner Opferbefragung «Crime Victimization Survey 2011» von Professoren der Universität Fribourg massiv kritisiert worden war, sieht in den aktuellen Zahlen der Kriminalitätsstatistik eine Bestätigung seiner eigenen Erhebungen. «Vor 25 Jahren waren wir noch das sicherste Land in Europa. Doch seither hat sich schleichend, aber kontinuierlich viel verändert: Wir befinden uns heute im europäischen Vergleich im höheren Durchschnitt. Das ist die Realität.»

Dass die Anzahl der Anzeigen steigt, weil die Bevölkerung sensibilisierter ist, lässt Killias nicht gelten: «Das ist ein Ladenhüter. Fakt ist: Fast alle Befragungen, auch in anderen Ländern, zeigen, dass die Anzeigenquote beispielsweise nach einem Gewaltdelikt seit Jahren konstant ist.»

Einzig im Bereich der Registrierung schwerer oder einfacher Körperverletzungen durch die Polizei lässt Killias eine erhöhte Sensibilisierung als Einfluss auf die Statistik gelten: Die schweren Körperverletzungen haben um 23 Prozent (oder 110 Fälle) zugenommen, die einfachen Körperverletzungen um 3 Prozent (oder rund 300 Fälle) abgenommen. «Aus meiner früheren Tätigkeit als Richter weiss ich, dass es manchmal sehr schwierig ist, schwere und einfache Körperverletzung abzugrenzen. Es gibt eine breite Grauzone. Möglicherweise sind die Massstäbe in diesem Bereich in jüngster Zeit strenger geworden», sagt der Kriminologe.

Auch beim Verband Schweizerischer Polizei-Beamter (VSPB) kommentiert man die neuen Zahlen mit Besorgnis. Speziell alarmiert zeigt sich Generalsekretär Max Hofmann über die um 17 Prozent höheren Straftaten im Bereich Gewalt und Drohung gegen Beamte. Die Achtung vor der Autorität habe stark abgenommen, sagt Hofmann.

Als typische Aggressoren gegen Polizeibeamte nennt Hofmann Hooligans und Kriminaltouristen. «Ein Kriminaltourist bereitet sich darauf vor, dass er kontrolliert werden kann. Er nimmt zu einem gewissen Teil Gewalt in Kauf, um einer Verhaftung zu entgehen», sagt er.

Weniger Jugendliche straffällig

Die Gesamtzahl der wegen Verstössen gegen das Strafgesetzbuch Beschuldigten ist im Unterschied zu den vergangenen Jahren um 5,2 Prozent gestiegen. Weniger häufig straffällig wurden im Jahr 2012 Minderjährige: Die Jugendkriminalität ist um 8 Prozent zurückgegangen. Im Jahr 2011 war der Rückgang mit 21 Prozent sogar noch deutlicher. VSPB-Generalsekretär Hofmann sagt dazu: «Daraus kann man noch nicht zwingend eine Tendenz ablesen.» Anders interpretiert Martin Killias, der im Bereich Jugendkriminalität geforscht hat, den Rückgang: «Es gibt dafür zwei Faktoren: Die sehr grosse Zahl der Jugendlichen mit Migrationshintergrund mit 1990er-Jahrgängen ist erwachsen geworden. Heute gibt es nur noch halb so viele Jugendliche aus Ex-Jugoslawien wie noch vor ein paar Jahren.»

Hinzu komme: Die Jugendlichen aus Ex-Jugoslawien seien heute viel weniger delinquent als ihre älteren Brüder. «Da sie nicht so zahlreich sind, sind sie in den Schulen viel besser integriert. Zudem haben die Schulen gelernt, auf die Jugendlichen mit Migrationshintergrund besser zu reagieren.»

In Bezug auf die Verstösse gegen das Strafgesetzbuch ist die Zahl der Beschuldigten aus dem Asylbereich um fast 39 Prozent gestiegen. Gemäss BfS-Mitteilung betrifft diese Zunahme vor allem Diebstähle. Um fast 14 Prozent hat die Anzahl beschuldigter ausländischer Staatsangehöriger mit einer Aufenthaltsbewilligung von weniger als 12 Monaten zugenommen. Ihnen werden vor allem Einbruchdiebstähle zur Last gelegt.

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