Gripen
Die Schweden zittern vor dem Gripen-Entscheid

Der Kampfjet-Kauf geht in die heisse Phase – die Nervosität in Stockholm steigt. Sollte der Deal scheitern, müsste Schweden die Entwicklungskosten für den neuen Gripen alleine tragen. Tausende Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel.

Lorenz Honegger, Stockholm
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Ein schwedischer Gripen-Pilot in den Hangars des Saab-Konzerns. ho

Ein schwedischer Gripen-Pilot in den Hangars des Saab-Konzerns. ho

Ein falsches Wort könnte den Milliarden-Deal mit der Schweiz zum Absturz bringen.

Dieser Gedanke scheint jede Faser von Johan Forssell zu durchdringen, als der 33-jährige Riksdag-Abgeordnete die drei Schweizer Journalisten am Montagmorgen im Sitzungszimmer des Verteidigungsausschusses in Stockholm empfängt.

Das Auftragsvolumen für die 22 Gripen-Kampfjets entspricht mit 3,126 Milliarden Franken annähernd einem Jahresumsatz des Rüstungskonzerns Saab. Anders ausgedrückt: Für das skandinavische Land geht es um Tausende Arbeitsplätze.

Mit zittriger Stimme liest der gross gewachsene Vertreter der moderaten Partei von einem A4-Papier die Argumente ab, welche Schweizer Politiker und Bevölkerung überzeugen sollen: Der neue Gripen E ist ein hochmodernes Flugzeug, günstig im Betrieb und einfach zu fliegen. Das Herstellerland hat Jahrzehnte Erfahrung bei der Flugzeugherstellung, es ist wie die Schweiz neutral und einwohnermässig etwa gleich gross.

Die entscheidenden Fragen beantwortet Forssell – wie alle Referenten auf der von Saab organisierten Pressereise – mit einem Schulterzucken.

Zahlt Schweden eine Konventionalstrafe, wenn Saab die Kampfjets nicht rechtzeitig oder nicht in der vereinbarten Ausführung liefert? Ist Schweden bereit, der Schweiz bei den Zahlungsfristen entgegenzukommen?

Bis August muss Stockholm diese und andere offenen Punkte klären. Sonst dürfte die sicherheitspolitische Kommission des Nationalrates in Bern dem Deal nicht zustimmen.

Das Geschäft würde spätestens in der Herbstsession Schiffbruch erleiden. Es gäbe nicht einmal eine Volksabstimmung.

Auf der Schweizer Seite versucht Armasuisse – die für Rüstungsbeschaffungen verantwortliche Abteilung der Armee – das Worst-Case-Szenario zu verhindern.

In diesen Tagen feilscht sie mit ihrem schwedischen Verhandlungspartner FXM – der staatlichen Agentur für Rüstungsexporte – ein letztes Mal um Garantien und Absicherungen bei der Abwicklung des Deals. Saab ist nicht direkt in die Gespräche eingebunden; es ist Schwedens Regierung, die das Unternehmen gegenüber der Schweiz vertritt.

Ein paar Strassen vom Parlamentsgebäude entfernt hat Marcus Wallenberg, Mitglied der gleichnamigen, schwerreichen Familiendynastie und Saab-Verwaltungsratspräsident, seine Büros. Die Wallenbergs besitzen 30 Prozent von Saab und kontrollieren 39,5 Prozent der Stimmrechtsaktien. Dass er sich persönlich Zeit für ein Hintergrundgespräch nimmt, zeigt, wie viel auf dem Spiel steht.

Der 56-Jährige streitet die Bedeutung des Deals nicht ab: Es sei ihm «sehr wichtig», mit der Schweiz ins Geschäft zu kommen. «Aber wir werden nicht kollabieren, wenn wir den Auftrag nicht bekommen.»

Tatsache ist: Für den Fall, dass der Jetkauf in der Schweiz scheitert, hat das schwedische Parlament eine Hintertür eingerichtet, die es dem Staat erlaubt, die Bestellung von 60 Gripen E für die eigene Luftwaffe wieder zu stornieren. Es ist fast so, als liege das Schicksal des Gripen in Schweizer Händen.

Ohne Partnerstaat müsste Schweden alle Entwicklungskosten für den Gripen E selber tragen, was in Zeiten schrumpfender Verteidigungsetats ein umstrittenes Unterfangen sein dürfte.

Es gibt zwar noch andere potenzielle Neukunden, darunter Länder wie Dänemark, Brasilien, Malaysia oder Indien, aber Entscheide sind dort noch keine absehbar.

Klar ist: Gibt die Schweiz den Schweden den Zuschlag, wird es zentral sein, ob und wie viele Staaten zur Käufergruppe stossen.

Je grösser die «User Group», desto mehr Schultern tragen die Kosten für Weiterentwicklungen am Kampfjet, die Saab ungefähr alle drei Jahre durchführt. Im Optimalfall erreicht der Konzern sein Ziel und verkauft im nächsten Jahrzehnt 300 Flugzeuge. Im schlechtesten Fall bleiben Schweden und die Schweiz die einzigen Kunden.

In Linköping, zwei Autostunden von Stockholm entfernt, befindet sich der Produktionsstandort der Gripen-Kampfjets. Gleichzeitig ist es der Wahlkreis der sozialdemokratischen Parlamentsabgeordneten Anna-Lena Sörenson.

Sie steht sinnbildlich für die Einigkeit, mit der das politische Establishment in Schweden hinter seiner Rüstungsindustrie steht. Aus Schweizer Sicht könnte Sörenson problemlos eine bürgerliche Sicherheitspolitikerin sein.

«Eine starke Verteidigung war immer das Fundament der schwedischen Neutralität», ist so ein Satz, den eine Schweizer Sozialdemokratin nie in den Mund nehmen würde. Sörenson bewegt sich mit ihrer Haltung jedoch im Mainstream von Schwedens Sozialdemokraten.

Sie betont, die Investition in den neuen Gripen sei in Schweden anfangs aus finanziellen, aber nie aus ideologischen Gründen umstritten gewesen. Im Parlament fand das Geschäft 2012 über 90 Prozent Zustimmung. Nun zittern Linke wie Rechte dem Entscheid aus Bern entgegen.