Gemeindeammann Schlossrued

«Die Schule als Bestandteil des Dorfes ist wichtig»

Gemeindeammann Martin Goldenberger erklärt, weshalb Schlossrued, wo das «Bildungskleeblatt» am wuchtigsten verworfen wurde, die Schule im Dorf behalten will.

Peter Siegrist

Martin Goldenberger ist im siebten Jahr Gemeindeammann in Schlossrued. Er hat in den letzten Jahren die Haltung seiner Gemeinde in den Verhandlungen über die Regionalisierung der Oberstufe (Regos) und die letzten Sonntag an der Urne gescheiterte umfassende Schulreform «Bildungskleeblatt» vertreten. In der Schulreform-Diskussion wurde die Realschule häufig als Restschule bezeichnet. Schlossrued führt im Regos-Verband mit Schöftland-Holziken-Hirschthal-Schmiedrued die 4. Real im Dorf und will daran festhalten.

Herr Goldenberger, wäre es nicht einfacher, die Realschule abzuschieben?
Martin Goldenberger: Wir fokussieren uns nicht auf die Realschule. In der Regos- und in der «Kleeblatt»-Diskussion galt für die Gemeinde immer: Wir wollen die Oberstufe behalten. Wir haben mit unserer Realschule, mit den auswärtigen Schülern gute Erfahrungen gemacht.

Finden Sie im ländlichen Ruedertal denn noch Lehrer?
Goldenberger: Ja. Ich stelle fest, die Lehrer, die bei uns die Realschule führen, machen dies mit Herzblut, sie setzen sich bis hin zur Stellensuche für ihre Schüler ein. Das ist nicht einfach, aber es klappt. Ganz wichtig für die Schüler ist die Nähe der Lehrer, die sich engagieren.

Erfüllen Sie überhaupt die Regos-Bedingungen für einen eigenen Oberstufenstandort?
Goldenberger: Die Oberstufen in Schmiedrued und Schlossrued erfüllen die Vorgaben zurzeit noch, aber es wird jetzt eng, sobald die Schülerzahlen zurückgehen.

Ihre Gemeinde hat einen Vertrag ausgehandelt, der 2009 ausläuft. Wie geht es weiter?
Goldenberger: Unser Ziel war immer klar, wir wollen die Schule im Dorf behalten. Die Schule als Bestandteil des Dorfes ist wichtig. Zum Beispiel auch für den Entscheid von Familien, die ins Ruedertal ziehen wollen. - Klar, zur Schule im Dorf gehören auch Kosten für Infrastruktur und Beteiligungen an Lehrerlöhnen.

Das hängt doch auch mit dem Schulraumangebot zusammen.
Goldenberger: Ja, es ist sinnlos, die Schüler in der Region herumzuführen. Es kann doch nicht sein, dass sie in Schöftland Schulbauten erweitern müssen und bei uns Schulräume leer stehen. In dieser Diskussion sind wir auch vom damaligen Bildungsdirektor Rainer Huber unterstützt worden.

Bedeutet dies, dass sich Schlossrued explizit für die Oberstufe im Dorf einsetzt?
Goldenberger: Das haben wir in den Regos-Verhandlungen so abgemacht. Die Vorteile dieser Lösung gelten heute immer noch. Die «Kleeblatt»-Abstimmung hat doch gezeigt, der Bürger wünscht den grossen Eintopf Schule nicht, er will nicht, dass möglichst viele Schüler herumgeschoben und in Klassen unterrichtet werden, die nach zwei Stunden wieder anders zusammengesetzt werden. Es werden eher klare, überschaubare Strukturen gefordert.

Wo sehen Sie für die Realschüler die Vorteile der Lösung Oberstufe im Dorf?
Goldenberger: Wir wissen vor allem, wie die Schüler reagieren, die aus dem Suhrental zu uns hinauffahren. Die Diskussion über Regos war ja für uns viel intensiver als das «Kleeblatt». In den Verhandlungen war es für die Schöftler zuerst unvorstellbar, dass ihre Schüler ins Ruedertal hinauf, in die Provinz fahren müssen. Die vernünftige Lösung der Schulraumfrage führte dann zu diesem Entscheid.

Zurück zu den Schülern, was wissen Sie von den Realschülern und ihren Eltern?
Goldenberger: Wir stellen einfach fest, dass die Schüler der 4. Real sehr zufrieden sind. Auch mit den Eltern gibt es keine Probleme wegen des Standortes, wir erhalten viele positive Reaktionen. Die Eltern schätzen es, dass ihre Söhne und Töchter in einer kleineren Schule eng und gut betreut werden. Wir haben den Vorteil, dass wir bei den Klassenbeständen nicht die oberen Grenzen erreichen. Eher kleinere Klassen werden ja für die Realschule gewünscht, wir bieten dies an.

Ist es für Ihre Realschüler geradezu von Vorteil, nicht in einer Grossschule mit ihren sozialen Problemen unterrichtet zu werden?
Goldenberger: Davon bin ich überzeugt. Wenn ich in der Zeitung lese, was gelegentlich in Schöftland auf dem Pausenhof passiert, wo sich Schüler verschiedener Stufen bekämpfen. Das sage ich, ohne auf heile Welt zu machen. Das Bild und das allgemeine Verhalten der Jugendlichen sind bei uns überhaupt nicht anders.

Was erwarten Sie vom neuen Chef des Bildungsdepartements Alex Hürzeler?
Goldenberger: Mit Rainer Huber waren viele in bildungspolitischen Fragen uneins. Aus Sicht der Gemeinde - Schmiedrued würde mir zustimmen - haben wir mit Huber gute Erfahrungen gemacht, er hat uns zu unserer unkonventionellen Regos-Lösung verholfen. Offen ist für mich jetzt, wie der neue BKS-Chef, ein SVP-Mann, mit diesen Fragen umgeht und ob er auch kulant ist und Vernunftslösungen zustimmt.

Wie sehen Sie die Schule heute, was ist Ihnen wichtig?
Goldenberger: Für mich ist wichtig, dass gewisse Strukturen bleiben. Zum Beispiel der Klassenlehrer an der Oberstufe, der effektiv zuständig ist für die Kinder und die Jugendlichen. Das wäre bei der neuen Oberstufe mit Niveauunterricht ein Stück weit verloren gegangen. Die Kinder brauchen heute bei aller Wahlfreiheit eine Anlaufperson. Es darf nicht zur Entfremdung führen, wo Schüler das Schulhaus betreten und dann überall ein bisschen sind.

Diesen Wunsch betonen auch viele Real- und Seklehrer.
Goldenberger: Wichtig ist der Klassenlehrer als verantwortliche Anlaufstelle. Im Übrigen sollen durchaus mehrere Lehrpersonen an einer Klasse unterrichten. Der Klassenlehrer ist jedoch prädestiniert dazu, zu spüren, wenn bei seinen Schülern familiär etwas nicht stimmt. Dort liegen heute häufig die Probleme.

Herr Gemeindeammann, Schlossrueds Meinung zu den «Kleeblättern» war eindeutig ablehnend. Sind Ihre Bürger reformresistent?
Goldenberger: Nein, das sind sie nicht. Sie wehren sich schon! Das spüren wir als Behörde. Und das ist das gute Recht der Bürger. Das Problem ist ganz einfach: Wir sollten als Gemeinde immer wieder etwas abgeben, weil zentralisiert wird; alles soll grösser werden, die Verwaltungen zum Beispiel. Wir haben die Post verloren, wir mussten das Zivilstandsamt abgeben, jetzt ist vom Betreibungsamt die Rede. Für uns sind das auch Arbeitsstellen im Dorf. Wir wollen einen Teil der Infrastruktur behalten.

Wie sehen Sie diese Tendenz in Bezug auf die Schule?
Goldenberger: Wenn man einem Dorf die Schule wegnimmt, trifft man den Lebensnerv. Umfragen des Kantons haben gezeigt: Wichtig für die Bürger ist die Schule im Dorf. Die Schule ist ein Stück ganzheitliche Identität. Die Lehrer arbeiten im Dorf, unterstützen die Kultur, viele von ihnen arbeiten auch in anderen Bereichen mit. Ebenso steht die Infrastruktur auch andern, etwa den Vereinen, zur Verfügung.

Diese Tendenz auf den Punkt gebracht?
Goldenberger: Wenn am Morgen alle jungen Menschen das Dorf verlassen, dann fehlt etwas Wesentliches. Dagegen wehren wir uns. Reformresistent sind wir nicht. So haben wir bereits Blockzeiten eingeführt und bieten einen freiwilligen Mittagstisch an.

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