Verkehr
Die SBB ersetzen den Pannen-Cisalpino

Nach dem Desaster mit der Cisalpino-Flottebeschaffen die SBB 29 neue Hochgeschwindigkeitszüge für die Nord-Süd-Achse. Statt Neigezügen setzt man wieder auf konventionelles Rollmaterial.

Gerhard Lob, Locarno
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Nach den schlechten Erfahrungen mit dem Cisalpino (hier zwischen Horgen Oberdorf und Oberrieden Dorf) setzen die SBB wieder auf konventionelles Rollmaterial.HO

Nach den schlechten Erfahrungen mit dem Cisalpino (hier zwischen Horgen Oberdorf und Oberrieden Dorf) setzen die SBB wieder auf konventionelles Rollmaterial.HO

Im Zugsverkehr mit Italien zeichnet sich Besserung ab. Die SBB haben gestern die Beschaffung von 29 neuen Triebfahrzeugen öffentlich ausgeschrieben. Nicht weniger als 800 Millionen Franken wollen die Schweizer Bundesbahnen in diese Flotte investieren.

Die neuen Kompositionen sollen dereinst den nationalen Nord-Süd-Verkehr auf der Gotthard- und Lötschberg-Linie garantieren sowie die Anbindung der Schweiz an die grenznahen internationalen Zentren, insbesondere Mailand. Die neuen internationalen Hochgeschwindigkeitszüge müssen laut Ausschreibung auf dem italienischen, dem deutschen und dem österreichischen Netz einsetzbar sein.

Erst ab Dezember 2017 im Einsatz

Allerdings ist Geduld gefragt: Das erste Triebfahrzeug soll laut SBB auf den Fahrplanwechsel im Dezember 2017 zwischen der Deutschschweiz und dem Tessin verkehren und damit erst ein Jahr nach der für 2016 vorgesehen Inbetriebnahme des neuen Gotthard-Basistunnels. Die neue Flotte wird danach sukzessive zum Einsatz kommen.

Die SBB setzen auf Komfort und Schnelligkeit. Die neuen Triebzüge müssen eine Höchstgeschwindigkeit von mindestens 249 km/h erreichen. Vorgesehen sind Speisewagen, Ruhe-, Familien- und Businesszonen, Steckdosen an allen Sitzplätzen, neue Repeater für guten Handyempfang und WLAN. Bei Doppelführung mit bis zu 400 Meter Länge bieten die Kompositionen rund 70 Prozent mehr Sitzplätze als die heutigen, 230 Meter langen ETR-470-Züge, die im Volksmund immer noch als «Cisalpino-Pannenzüge» bekannt sind.

Wegen der Negativerfahrungen mit den ETR 470 setzen die SBB auf der Nord-Süd-Achse wieder auf konventionelles Rollmaterial. Dieser Entscheid ist vernünftig, weil nach der Eröffnung von Gotthard-Basis- und Ceneri-Basistunnel (2019) mit einer Neigezugtechnik nur minimale Zeitgewinne herausgefahren werden könnten. Wichtiger ist die angestrebte Fahrplanstabilität. Mit den neuen Zügen soll die erwartete Verdoppelung der Nachfrage auf der Nord-Süd-Achse nach der Eröffnung der beiden Basistunnel aufgefangen werden. Die neuen Züge ersetzen somit langfristig die störanfälligen ETR-470-Züge, die Ende 2014 ausrangiert werden. Ein Blick auf den Zeitplan macht deutlich, dass zwischen 2015 und 2017 eine Lücke entsteht, in der keine Triebwagen für den grenzüberschreitenden Bahnverkehr nach Italien zur Verfügung stehen.

Wie das Angebot auf der Gotthard-Achse ab 2015 aussehen wird, wollen die SBB gemeinsam mit dem Gotthard-Komitee noch in diesem Frühsommer kommunizieren. Zurzeit ist man laut SBB daran, «eine Übergangslösung mit einem möglichst hohen Komfort für die Kundinnen und Kunden zu erarbeiten». Sowohl die Pünktlichkeit als auch die Zuverlässigkeit im Nord-Süd-Verkehr sollen schrittweise verbessert werden.

Weniger Fahrgäste

Dies ist dringend nötig. Denn das Fahrgastaufkommen im Nord-Süd-Verkehr ist rückläufig. Nach Angaben der Eisenbahnergewerkschaft SEV wurden 1979 – ein Jahr vor Inbetriebnahme des Gotthard-Strassentunnels – täglich 20000 Personen per Bahn über den Gotthard befördert. Inzwischen sind es nur noch 8500 Personen.