Am 15. November 2016 wurde die Änderung im Schweizerischen Handelsamtsblatt publiziert: Die Enzian Shipping AG des Reeders Hans-Jürg Grunder firmierte neu unter dem Namen TS Investor AG. «TS» steht für Timo Sas. Der 45-jährige Este aus Tallinn übernahm das Präsidium der Gesellschaft.

Grunder blieb Verwaltungsrat, ebenso Pete Hirsch, Zürcher Jurist und Vertrauter des Reeders. Der hoch verschuldete Reeder Grunder wollte dem Esten seine Flotte abtreten. Sas hätte im Gegenzug die Schulden übernehmen sollen. Verträge waren bereits unterschrieben. So wollte Grunder seine zwölf vom Bund verbürgten Schiffen retten und selbst im Geschäft bleiben.

Investor Sas, ein Mann mit zweifelhaftem Ruf, war im Sommer 2016 auf der Bildfläche aufgetaucht. Der Bund unter Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann sei zunächst durchaus interessiert gewesen an dieser Lösung. Die Aussicht, dass ein Käufer die Schiffe samt der Schulden übernahm, schien verlockend. Denn die Alternative waren Millionenverluste für den Bund.

Die Spur führt zu Putin

Aber wer ist Timo Sas? Ein Beobachter aus der Schifffahrt, der den Fall kennt, sagt: «Sas hatte die Russen im Rücken.» Hinter dem Esten habe letztlich kein Geringerer als der russische Präsident Wladimir Putin gestanden. Eine zweite Person sagt unabhängig davon: «Es bestand die Gefahr, dass Schiffe in die Hände eines ausländischen Staates kamen, nämlich Russland.»

Die Spur führt zu Putin. Fakt ist: Es gibt mehrere nachweisbare Verbindungen von Sas zu den Russen. Eine finden wir dank dem Datenleck «Panama Papers», also den vertraulichen Unterlagen zu Briefkastenfirmen, die einem internationalen Journalistenkonsortium zugespielt wurden. In diesen Daten taucht eine Gesellschaft namens Triza Express Incorporated mit Sitz auf den British Virgin Islands auf.

Einer der Aktionäre ist der Este Timo Sas. Aber: Wirtschaftlich Berechtigter, also Inhaber der Gesellschaft ist Sergey Zelenskiy, ein Russe mit Adresse in St. Petersburg. Sergey Zelenskiy ist auch Direktor bei Gazpromneft, Division Schiffstreibstoffe. Der Erdölproduzent Gazpromneft mit Sitz in St. Petersburg ist eine Tochter des Gazprom-Konzerns, der dem russischen Staat gehört.

Sas tauchte zudem unlängst als Mitglied des Direktoriums des Pregol Shiprepair Yards in der russischen Enklave Kaliningrad an der Ostsee auf. Die Pregol-Werft liegt beim Militärhafen von Kaliningrad. Dort befindet sich der Hauptstützpunkt der Baltischen Flotte, einer der vier Hochseeflotten der russischen Marine. Ein Beobachter sagt: «Wer derartige Zugänge hat, muss über extrem gute Beziehungen zum russischen Militär und zum Staat verfügen.»

Warum sollte Putin Interesse an den vier Tankern und acht Frachtern unter Schweizer Flagge haben? Hauptmotiv waren die internationalen Sanktionen gegen Russland. Die Schiffe unter der Flagge der neutralen Schweiz hätten den Russen ermöglicht, die Sanktionen zu umgehen. Und Waffen zu transportieren, beispielsweise nach Syrien.

Die Tarnung wäre perfekt, Schweizer Schiffe brachten auch schon Hilfsgüter nach Jemen. «Weil Sas Este ist und damit EU-Bürger, kann er sich in Europa frei bewegen und agieren, um Sanktionen zu umgehen», so ein Beobachter. «Er könnte sogar Verträge mit der Nato über militärische Transporte eingehen und diese von russischen Seeleuten durchführen lassen.»

Internationaler Skandal drohte

Der Plan war, die Schiffe zu entschulden und über die TS Investor zu betreiben, die heute Helvetia Shipping heisst. Mit den Schweizer Strohmännern im Verwaltungsrat wäre die Reederei nominell eine Schweizer Firma gewesen. Aber laut Beobachtern drohte ein internationaler Skandal. «Die USA hätten wegen Umgehung von Sanktionen scharf interveniert», heisst es.

Warum kam der Deal letztlich nicht zustande? Einerseits wurde der Bund laut Recherchen gewarnt. In einem Geheimpapier des Bundesrats vom Dezember 2016 steht: «Der vom Eigner der SCL-/SCT-Gruppe, H.J. Grunder, angekündigte neue Investor T. Sas ist seinen vertraglichen Verpflichtungen nicht nachgekommen. Neben der fehlenden zugesicherten Einlage wurden auch die vom Bund und den Banken geforderten Nachweise zu seinen Geschäftstätigkeiten und zur Mittelherkunft bis heute nicht erbracht.»

Der Rest ist bekannt. Der Bund liquidierte Grunders Pleite-Flotte und musste 215 Millionen Franken aufwerfen, um die hoch verschuldeten Schiffe mit Verlust zu verkaufen.