WEF 2018
Die Ruhe vor dem Trump: Ein Rundgang im Schneetreiben von Davos

Bevor Staatschefs und Wirtschaftskapitäne eintreffen, wird in Davos noch gesägt und gehämmert. Wer den Ausnahmezustand sucht, findet ihn auf der Strasse. Ein Rundgang im Schneetreiben

Béla Zier
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Eindrücke aus Davos
7 Bilder
In Davos Platz werden bei heftigem Schneetreiben Läden zu temporären Firmendomizilen umgebaut.
Beim Kirchner-Museum entsteht eine mehrstöckige Temporärbaute, in welche am WEF Facebook einziehen wird.
Ein Helikopter kreist über dem beflaggten Kongresszentrum.
Die Gewerbetreibenden Adrian Weberreuen ...
... und Boris Bossi freuen sich auf den Besuch des US-Präsidenten.
Ein Rundgang im Schneetreiben von Davos bevor das WEF 2018 losgeht.

Eindrücke aus Davos

Yanik Bürkli

Ohalätz. Ein Mann, der als einer von vielen in orangefarbenen Jacken in Davos Platz den Verkehr regeln soll, liegt mit dem Gesicht im Schnee. Er ist im vielen Weiss, den das Sturmtief «Evi» beschert, ausgerutscht. Der Mann flucht nicht, schüttelt den Schnee ab, nimmt die Arbeit wieder auf. Es ist eine wichtige Aufgabe. Ohne die Männer und Frauen in Orange würde jetzt der Verkehr zusammenbrechen. Es sind nur noch wenige Tage bis zum Beginn des World Economic Forum (WEF). Das Tohuwabohu im näheren Umkreis des Davoser Kongresszentrums ist gross.

Hausbau im Sturm

Auf der Davoser Hauptstrasse, der Promenade, folgen sich dicht an dicht schwere Lastwagen und kleine Lieferwagen. Dadurch, dass im dichten Schneetreiben ein gewaltiger Pneukran fast mitten in der Strasse steht und tonnenweise Material verschiebt, fliesst der Verkehr auch nicht flüssiger. Es wird viel, enorm viel gebaut in diesen Tagen. Kritische Stimmen spötteln, dass der WEF-Jahrmarkt seine Zelte aufstellt. Es sind keine Zelte, sondern etliche Temporärbauten, die sich Firmen erhebliche Summen kosten lassen, um sich darin dem WEF-Publi- kum präsentieren zu können. Ein solches mehrstöckiges «Schaufenster», vier Familien könnten locker darin wohnen, entsteht direkt beim Kirchner-Museum in Davos Platz. Dutzende von Arbeitern sind damit beschäftigt, der derben Holzbaute, dem WEF- Repräsentationsdomizil des Social- Media-Giganten Facebook, optisch innen wie aussen einen ansprechenden Look zu verpassen.

Selbst Coiffeure schliessen

Mitten im Schneetreiben und dem Verkehrspuff finden zeitgleich etliche Zügelaktionen statt. In einem Buchladen sind dessen Mitarbeitenden damit beschäftigt, den gesamten Warenbestand in Kisten zu verpacken. Das Geschäft wird leergeräumt und ist an irgendeine Firma vermietet, die dafür sicher viel Geld springen lassen muss. An der Eingangstüre wird der Kundschaft auf einem Zettel beschieden: «Wir sind vom Dienstag, 30.1. mit vielen neuen Buchtipps und Geschenkideen wieder für Sie da.» Auf der anderen Strassenseite wird ein Bergsportladen zum temporären Firmensitz umgemodelt. Dekorateure arbeiten kniend auf dem eingeschneiten Trottoir an Gestaltungselementen, die an der Fassade des Geschäfts angebracht werden. Der kräftige Wind peitscht den Männern den Schnee heftig um die Ohren. Das ist nicht sonderlich spassig. Im Gesicht fühlt sich das an, als ob man mit Akupunkturnadeln behandelt wird.

Nicht nur der Bücherladen oder das Bergsportgeschäft machen am WEF dicht, auch weitere Geschäfte in Davos Platz, selbst Coiffeure, räumen alles aus und vermieten ihre Räumlichkeiten. Behäbiger präsentiert sich die Situation am Ortseingang, in Davos Dorf.

Die Davoser stehen nicht kopf

In Davos Dorf muss der Verkehr nicht geregelt werden. Zumindest nicht an diesem Tag. Hier wird nur an zwei grösseren Temporärbauten gewerkelt, in denen am WEF dann irgendwelche Anlässe stattfinden. Die Menschen gehen wie überall in Davos ihren alltäglichen Geschäften nach und lassen sich auch durch den bevorstehenden Besuch des US-Präsidenten nicht aus der Ruhe bringen.

«Die Stimmung ist locker, es herrscht business as usual», meint Boris Bossi. Der Geschäftsführer des «Parsenn»-Sportgeschäfts in Davos Dorf freut sich auf das WEF. Der Besuch von Trump sei für den Ort unbezahlbar. «Medien aus aller Welt werden phänomenale Bilder von Davos zeigen», ist Bossi überzeugt. Angebote, den grossen Laden am WEF zu mieten, hätten zwar vorgelegen, aber man verzichte darauf. Er wolle für seine Kundschaft auch am WEF da sein, sagt Bossi: «Für uns wäre der Imageschaden grösser als ein allfälliger kurzfristiger Gewinn.»

Prominente WEF-Teilnehmer 2018
24 Bilder
Indiens Regierungschef Narendra Modi.
Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel.
Der kanadische Premierminister Justin Trudeau.
EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker.
Bundespräsident Alain Berset.
Aussenminister Ignazio Cassis.
Umwelt- und Verkehrsministerin Doris Leuthard.
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron.
Die britische Regierungschefin Theresa May.
Italiens Premier Paolo Gentiloni gestern in Rom.
Israels Premierminister Benjamin Netanyahu.
Saad Hariri, libanesischer Regierungschef.
Simbabwes Präsident Emmerson Mnangagwa.
Brasiliens Präsident Michel Temer.
Argentiniens Präsident Mauricio Macri.
Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos.
Uno-Generalsekretär Antonio Guterres.
IKRK-Präsident Peter Maurer.
Nobelpreisträgerin Malala Yousafzai kommt als eine der "young global leaders", ebenso wie...
... der Genfer Regierungsrat Pierre Maudet. Er ist 39, die Alterslimite für die "young global leaders" ist 40.
Christine Lagarde, Chefin Internationaler Währungsfonds (IWF).
Roberto Azevêdo, Direktor der Welthandelsorganisation.
CERN-Chefin Fabiola Gianotti.

Prominente WEF-Teilnehmer 2018

Keystone/Montage: mwa

Erste US-Flagge ist gehisst

Im 4-Stern-Hotel «Victoria» eingangs Davos Dorf herrscht keinerlei vorzeitiger WEF-Trubel. Auf dem Dach des Hauses weht dafür bereits eine grosse US-Flagge im Wind. Hoteldirektor Ralph Pfiffner hat das Sternenbanner kürzlich gehisst und hofft auf viele Nachahmer im Ort: «Wir sollten die Amerikaner als Gäste willkommen heissen, nicht nur wegen Trump.» Wobei, so Pfiffner, Trump natürlich für Davos riesige Werbung bedeute.

Durch das Café Weber zieht sich der Duft frisch gebackener Gipfeli aus der hauseigenen Bäckerei. Von Hektik ist in dem Betrieb in Davos Dorf nicht die Spur. Am Stammtisch trinken Einheimische ihren Morgenkaffee. Man verzeichne seit kurzem vermehrt Amerikaner beim Frühstück, die mit Vorbereitungsarbeiten beschäftigt seien, sagt Geschäftsführer Adrian Weber. Auch ihn bringt das WEF nicht aus dem Konzept. Zeit dafür, die Ankunft des US-Präsidenten in Davos mitzuverfolgen, werde er wahrscheinlich keine haben.