Jene Pendler, die vor 50 Jahren täglich von Zürich nach Basel zur Arbeit fuhren, haben sich wohl alle gekannt. Kein Wunder, gemeinsam füllten die rund 90 Nasen gerade einen Zugwaggon. Umgekehrt hätte es etwa drei gebraucht. Zwischen Zürich und Basel klafften damals mehr als 75 Kilometer Luftlinie, scheint es. Nämlich ganze Lebenswelten. Konkurrenzdenken bot in einer Stadt genügend Nährboden für ein ganzes Witz-Genre: Spott über Zürcher prägte nicht nur die Basler Fasnacht, sondern war auch an den 362 nicht ganz so «scheene Dääg» lustig.

Schnee von vorgestern, über diese Rivalität ist überall abseits der Fussballrasens Gras gewachsen. Das Sechseläuten, das am Freitag beginnt und mit der Verbrennung des Bööggs am Montag seinen Höhepunkt hat, stünde «auf jeden Fall» im Zeichen der Annäherung zwischen den grössten Deutschschweizer Städten, sagt die Basler Regierungspräsidentin Elisabeth Ackermann. Es ist ein Flirt zwischen Städten, und die Basler putzen sich heraus: «Basel wird sich für diesen Gastauftritt mächtig ins Zeug legen und Zürich erwartet uns mit grosser Gastfreundschaft», sagt Ackermann. Im Rahmen der Festivitäten käme es auch zu «vielen politischen Treffen». Die Regierungspräsidentin ist überzeugt: «Dieser Auftritt wird die Beziehung zwischen Basel und Zürich stärken.» Nicht nur die Politik freut sich auf diesen Anlass. Gerade die Fasnachtsszene streitet sich zünftig um einen Platz unter Zoiftern.

Diese Entwicklung ist kein Zufall, sondern die Folge soziologischer und politischer Prozesse.

Türme, Meistertitel, Kühe: Zürich und Basel im Vergleich.

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Ein Anfang eines Fadens, der sich später zu einer Seilschaft verdicken sollte, liegt im Drogensumpf der 80er-Jahre. In Zürich schossen sich die Junkies zwischen Limmat und Sihl Gift in die Venen, in Basel am Rheinbord. «Damals haben Städte gemeinsame Herausforderungen als solche erkannt», sagt Daniel Kübler, Professor am Zürcher Institut für Politikwissenschaft. Die Mobilität nahm zu, die Bevölkerung auch, der Platz wurde knapp: Die Probleme in Zürich, Basel und Bern begannen sich zu gleichen.

Gleich und gleich ...

Doch nicht nur das: Politisch ähnlicher wurden auch die Menschen, welche die Bevölkerung mit dem Lösen dieser Probleme betraute. Sowohl Kübler als auch Politologe Claude Longchamp beobachten wie sich die politischen Mehrheitsverhältnisse in den Zentren angleichen. Longchamp sieht die Anfänge dieser Tendenz vor etwas mehr als zehn Jahren. Bei der damaligen Europa-Abstimmung löste die Stadt-Land-Differenz erstmals den Röstigraben ab. «Der Trend ist seither recht konstant, denn er hat soziologische Gründe», sagt Longchamp. Entlang den Stadt-Land-Grenzen verlaufe ein «Bildungsgefälle, gelegentlich als ‹Verakademisierung› der Städte gescholten.» Eine rot-grüne Mehrheit erobert nicht nur die grossen, sondern auch die mittelgrossen Städte: Luzern, St. Gallen, Chur.

Sie stünden eben vor vergleichbaren, grossen Aufgaben, sagt Anna Schindler, Direktorin der Stadtentwicklung Zürich. Die Probleme: «Zentrumsaufgaben, höhere Soziallasten, Zunahme beim Personenverkehr in den Agglomerationen, Integrations- und Migrationsfragen, Verdichtung des Siedlungsgebiets, Finanzfragen», sagt Schindler. Für Basel gilt dasselbe. Es sei deshalb wichtig, «dass die grossen Städte bei diesen Herausforderungen wo möglich und sinnvoll mit geeinter Stimme auftreten.» Die Basler Stadtpräsidentin stimmt ihr zu. Basel und Zürich beschäftigten sich mit ähnlichen Fragestellungen. «Hier können die Städte im Austausch voneinander profitieren», sagt Ackermann.

Die Sechseläuten-Hauptprobe fiel ins Wasser:

Sechseläuten 2018: Die Hauptprobe fiel ins Wasser

Vor dem Rathaus zu Basel wurde schon einmal ein Mini-Böögg angezündet. Und der verspricht alles andere als einen guten Sommer. 

Geteiltes Leid ...

So schnell die Bedeutung der Städte wuchs, so träge verbesserte sich ihr Status in Bern. Es ist ein alter Zopf: Der Schweizer Föderalismus bevorzugt die Interessen der Sonderbundkantone – die Zentren gehen gerne vergessen. «Eine Änderung bewirkte der Städte-Artikel von 1999. Seither hat aber wieder ein Gegentrend Einzug gehalten, dem sich die Städte nun widersetzen wollen. Das Lobbying der Städte hat sich intensiviert, gerade in jüngerer Zeit», sagt Politologe Kübler. Während Longchamp den Aufstieg des Städteverbands zum Kennzeichen nimmt, sagt Berufskollege Kübler: «Ein wichtiger Wendepunkt war die Einführung eines Präsidialdepartements in Basel-Stadt.» Denn dort sind die Aussenbeziehungen angesiedelt und dort wird die Vernetzung vorangetrieben.

Das drängt an die Oberfläche, mehr und mehr. In diesem Kontext ist auch die geplante Nexpo zu sehen: Die zehn grössten Schweizer Städte nehmen die Landesaustellung zur Plattform, um Leistungsschau zu betreiben. Zürich wie Basel-Stadt befeuern das Projekt. «Es geht darum, die ganze Schweiz für die Bedeutung und Anliegen der Städte als kulturelle Zentren und Wirtschaftsmotoren für die Schweizer Volkswirtschaft zu sensibilisieren», sagt Regierungspräsidentin Ackermann. Die Botschaften, die sie mit ihren Amtskollegen aufnahm und ins Netz stellte, sind klar: Die Städte sehen sich als Vorreiter für die moderne Schweiz und wollen als solche wahrgenommen werden. Urbanisierung statt geistige Landesverteidigung, multikulturelles Zusammenleben statt Heimatdünkelei.

Sechseläuten: Wird aus Hassliebe eine dicke Freundschaft?

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So berichtete Tele Züri über den Empfang des Gastkantons Basel-Stadt in Zürich.

Längst haben die Stadtbasler ein neues Feindbild, konstatierte unlängst die «NZZ» treffend. Die Ländler, in ihrem Fall die Baselbieter, die Konservativen, die Bauern. Die Kultur- und Unibanausen, die das in der Stadt erwirtschaftete Geld verprassen. In Zürich brodelt dieser Konflikt schon länger, seit sich die Stadt die umliegenden Gemeinden nicht mehr einfach einverleibt, sondern sich mit ihnen auseindersetzen muss. Die sich die Wohnrosinen rauspicken und obendrein in der Verkehrspolitik dreinquasseln.

Auf der anderen Seite sind es die eingangs erwähnten Pendler, welche die Städte näher zueinander rücken lassen, von Zentrum zu Zentrum, im Schnellzug über das Land hinweg. Weit über 4000 sind es inzwischen aus den beiden Städten, aktuell ein bisschen mehr von Zürich nach Basel unterwegs. Jeder einzelne davon schlägt Brücken, von der Basler Pfalz zum Limmatquai, vom Rocheturm zum Primetower, die Beziehungen mischen sich. Und man erkennt: Man sitzt im gleichen Zug.