Peter Siegrist

Am Montag hat das Reinacher Generalbauunternehmen Kurt Weber AG den ansässigen Gewerbetreibenden und Behörden seine Ideen von wirtschaftlichen «Entwicklungsschwerpunkten» im oberen Wynental präsentiert (AZ vom 20. 10.). Martin Heiz, Gemeindeammann und selber Gewerbler in Reinach, ordnet die Vorschläge ein.

Martin Heiz, hat die von der Kurt Weber AG bereits projektierte Seniorenresidenz im Dorfkern einen planerischen Aufbruch ausgelöst?
Martin Heiz: Ja, es ist ein Startschuss. Die Residenz wird auf dem brachliegenden Industriegelände gebaut, wo einst eine Brandruine stand. Als die Idee des Wohnens mit Service auf dem Tisch lag, hat der Gemeinderat sich daran beteiligt, indem er für eine Million Land aus einer Konkursmasse kaufte. Es zeigt, dass Projekte, wenn sie auch gelegentlich utopisch aussehen, durchaus realisiert werden können.

Sie sehen dieses Bauvorhaben in einem grösseren Zusammenhang?
Heiz: Der ganze Gebäudekomplex zusammen mit der alten Mühle steht im Zusammenhang mit einer Lösung für den Verkehrsknoten Lindenplatz, wo wir einen dreiarmigen Kreisel vorschlagen. Unbestritten ist für mich die perfekte Lage des Seniorenzentrums mitten im Dorf.

Wurden Sie von den jetzt gezeigten anderen Ideen überrascht?
Heiz: Ich hatte bereits Kenntnis von diesen Visionen, weil im Vorfeld wiederholt Gespräche zwischen uns und den Planern stattfanden. Im Hintergrund hängt vieles an diesen Ideen: Raumplanung, Bauordnung, Rechtliches.

Hat der Gemeinderat diesen Planungsauftrag erteilt?
Heiz: Nein. Alle Skizzen und Ideen sind aus privater Initiative entstanden. Ich persönlich begrüsse das, denn um irgendetwas anzustossen, braucht es Visionäre. Aus vielen «verrückten» Ideen ist mehrfach etwas Gutes entstanden.

Was halten Sie persönlich von diesen Ideen für Wohn-, Dienstleistungs- und Industriebauten?
Heiz: Wenn es nur gelingt, die Metallindustrie, die im Tal einst dominierte, auf dem heutigen Stand zu halten und zu sichern, müssen wir froh sein. Aber sich neue Industriearbeitsplätze im Oberwynental zu wünschen, wäre vermessen. Die langen Wege der Rohstoffe und Fertigprodukte lassen dies kaum zu. Die Zukunft sehe ich bei Dienstleistern, zum Beispiel der Informatik.

Wie steht es mit Hochtechnikgewerbe?
Heiz: Das ist wichtig, soll aber regional gesehen werden. Wir sind doch froh, wenn wie heute auch in Leimbach oder Gontenschwil derartige Betriebe arbeiten. Regional ist zwingend.

Welche der gezeigten Projekte haben reelle Chancen, einst realisiert zu werden?
Heiz: Das erste wird die «Schneggli»-Überbauung mit Seniorenzentrum und der Renovation der alten Mühle sein. Ebenso sehe ich das Datacenter in Menziken, von der Technologie her ist das durchaus möglich. Ob die Architektur dereinst so wird wie gezeichnet, ist natürlich offen. Mir gefällt es.

In der Richtplanänderung, die gegenwärtig in der Vernehmlassung ist, setzt der Kanton für das Oberwynental nicht auf Dienstleister, sondern auf eine produzierende und verarbeitende Industrie. Sie teilen diese Ansicht wohl kaum.
Heiz: Das wird noch diskutiert. Ich will nicht, dass man die Entwicklung einschränkt. Das Credo der Richtplanung ist klar die Stärkung der Achse Baden-Aarau-Zofingen. Von den Talregionen spricht man lediglich noch bruchstückhaft. Gegen diese Einschränkung wird sich die ganze Region, Repla und Gemeinden, massiv wehren müssen.

Sie rechnen mit einer breiten Diskussion?
Heiz: Das wird zu einer politischen, vielleicht auch ideologischen Diskussion führen. Man darf doch nicht auf dem Papier eine Entwicklung für die Regionen verhindern. Die Regionen brauchen einen Spielraum. Entscheiden über verschiedene Anpassungen sollen am Schluss die Stimmbürger in der Region und nicht der Grosse Rat.

Ist die Aufbruchstimmung bei der Bevölkerung und den Politikern gross genug für Wohn- und Gewerbeprojekte dieser Grössenordnung?
Heiz: Diese Auslegung kam frisch auf den Tisch. Ich habe angeregt, dass diese Visionen einem grösseren Publikum vorgestellt werden. Eine breite Diskussion muss darüber geführt werden. Der Startschuss dazu ist erfolgt.

Die Planer äussern, sie wollten die Läden im Mitteldorf stärken, und schlagen gleichzeitig am Dorfrand ein Einkaufszentrum vor. Sie sind selber Gewerbler, geht hier die Rechnung auf?
Heiz: Die Idee der Planer sagt, dass der Schwerpunkt Einkaufen im Zentrum bleibt, dass aber die Läden rund um die Hochhauskreuzung ins neue Zentrum zügeln, gemeinsam mit weiteren Geschäften.

Gräbt man damit den Läden im Dorf nicht das Wasser ab?
Heiz: Ich bin Gewerbler und bin Realist. Wer heute ein Einkaufszentrum sucht, fährt jetzt schon nach Buchs, Spreitenbach oder Emmen. Unter diesem Aspekt hätte ein Zentrum sicher eine Berechtigung. Wichtig ist, dass die richtige Mixtur bei den Angeboten stimmt. Das Einkaufsverhalten hat sich geändert, das ist eine Tatsache.

Wird sich das Gewerbe nicht gegen ein neues Zentrum stellen?
Heiz: Für mich wäre der Ausbau im Norden ein Weg. Das ist aber nur meine Sicht. Hier muss eine Diskussion stattfinden.

Die Planer reden von einem Grossverteiler, an wen denkt man?
Heiz: Wird das Zentrum gestärkt und werden die Angebote um die Kreuzung herum nordwärts verlagert, liegt es auf der Hand, dass die Migros Interesse haben könnte.

Sie betonen die regionale Sicht der Entwicklung, da braucht es bestimmt die Zusammenarbeit mit Menziken?
Heiz: Wir müssen regional zusammenarbeiten und nicht punktuell in den Gemeinden einzelne Projekte vorantreiben. Zusätzlich haben beide Gemeinden im Gebiet Bromen Landparzellen, die aneinanderstossen und für Wohnbauten gedacht sind. Da braucht es eine gemeinsame Sicht. Ebenso ist der Vorschlag, auf dem Voco-Areal ein Pflegeheim zu bauen, etwas für die ganze Region.

Wird das Oberwynental gegen den Richtplan auf die Barrikaden steigen?
Heiz: Wir müssen gegen die Idee des Kantons ankämpfen, das Wynental nur als Wohngebiet zu sehen und dafür den «Speckgürtel an der A1» zu fördern. Das muss unter der Führung der Repla geschehen.
Zum Verkehr: Entlastet die von den Planern skizzierte Strassenverbindung vom Norden Reinachs nach Beinwil am See die Hochhaus-Kreuzung?
Heiz: Ein solcher Bypass ist machbar, die Idee muss genauer beurteilt werden. Eine Studie zur Hochhaus-Kreuzung hat gezeigt, dass hier ein Kreisel die Situation um 15 Prozent verbessern könnte. Aber bis der Kreisel realisiert wäre, wären wir wieder auf dem Stand der Verkehrsfrequenz von heute. Und ein Zentrum mit Publikumsverkehr kann nur gebaut werden, wenn das Gelände auch mit Bus und Bahn erschlossen ist.

Was ist da vorgesehen?
Heiz: Die Haltestelle WSB auf der Höhe Coop-do-it ist im Plan des Kantons aufgeführt. Die Idee, die Buslinie in den Norden zu verlängern, wurde am Montag auch vorgestellt. Sollte ein Einkaufszentrum gebaut werden, wäre diese Erschliessung mit dem öffentlichen Verkehr Pflicht.

Ist ein Hochhaus-Kreisel überhaupt das Richtige?
Heiz: Die ständige Zunahme des Verkehrs führt dazu, dass die Kreisel-Lösung nur zu einer punktuellen Verbesserung führt. Die Nähe von WSB-Übergang und Kreuzung ist ein zusätzliches Problem. Handeln müssen wir, aber sicher nicht, indem wir schnell einen Kreisel bauen und das Problem nicht lösen.

Für den Anschluss des Oberwynentals an die A1 kennen wir den Vorschlag Böhlertunnel. Jetzt wird eine weitereTunnelvariante vom Wynental ins Suhrental ins Spiel gebracht. Ein Hirngespinst?
Heiz: Für mich wäre eine Aargauer Lösung richtig. Mit dem A1-Anschluss in Suhr rechne ich persönlich nicht. Diese Lösung würde uns auch den Schwerverkehr in die Dörfer bringen und die Lebensqualität schwer beeinträchtigen.

Ein Tunnel wäre also ideal, aber ist das zu realisieren?
Heiz: Da reden wir klar von einem Generationenprojekt.