Angela sitzt wie ein Vogel in einem Nest. Ein kleiner, verrückter Vogel in einem Nest aus Baumwolle und Tüll. Sorgfältig hat sie den Stoff um sich gebettet, streicht ihn zärtlich glatt, ordnet die Falten. Die Beine hat sie übereinandergeschlagen, der eine Fuss wippt leicht, wenn der Zug über die Weichen wankt. Dann schaut sie aus dem Fenster, die Hände im Schoss gefaltet, den Rücken gestrafft, die Schnürung ihrer Jacke zwingt sie dazu. Die Landschaft fliegt vorbei, verschleiert vom Schnee.

Lolita-Treffen auf der Kunsteisbahn Dolder in Zürich

An speziellen Tagen trägt Angela nie Hosen. Sie trägt Röcke, die die Taille tief einschnüren, Petticoats, Blusen mit Puffärmeln, Jacken mit Schnürung, Kniestrümpfe und Schuhe mit dicken Sohlen und abgerundeter Kappe, die Haare kullern in grossen Zapfenlocken über ihre Schulter. An Tagen wie diesem kleidet Angela sich wie ein Mädchen aus längst vergangener Zeit. Niedlich und zart wie eine Puppe. Aufwendig und prunkvoll wie eine Prinzessin. Angela ist eine Lolita.

Stil der Widersprüche

Die kindliche Verführerin, das Naivchen, das Männer um den Verstand bringt, verbotene Fantasien weckt. Das ist Lolita. In Nabokovs Roman, in der Vorstellung der meisten. Lolita ist aber auch das pure Gegenteil: ein japanischer Modestil, geprägt von viktorianischer Kindermode, opulenten Rokoko- und Barock-Kostümen. Verspielt, aber zugeknöpft bis obenhin, ohne jeglichen Anspruch auf sexuelle Attraktivität. Erfunden von einem Mann, getragen von Frauen. Ein Stil, der Kleidung, Farbgebung und Körperhaltung bis ins letzte Detail vorschreibt. Ein Stil für Mädchen, die Angst vor dem Erwachsenwerden haben. Raupen, die sich vor der Metamorphose sträuben, nicht zum Schmetterling werden wollen.

Angela fährt nach Zürich. Sie trifft sich mit Lolitas aus der ganzen Schweiz, alle um die 20 Jahre alt. Sie kennen sich nur dank dem Internet. In Foren schaffen sie eigene Welten, ohne Internet keine Lolitas. Das Netz ist der einzige Ort, um Gleichgesinnte zu treffen, zu loben und zu frotzeln, Tipps auszutauschen. Oder seltene Lolita-Treffen wie heute. Hier können sie sein, wie sie sind. «Die Leute an solchen Treffen verstehen dich, wissen, warum du so gekleidet bist. Du musst dich nicht erklären, kannst über Dinge sprechen, über die du sonst mit niemandem reden kannst», sagt Angela und sortiert zum dritten Mal den Inhalt ihres Handtäschchens. Angela ist aufgeregt, sie hat das Treffen organisiert. Erst wollen die Lolitas Schlittschuh laufen beim Dolder, danach gibt es Kaffee und Kuchen und Geschenke. Es ist bald Weihnachten.

Treffpunkt Zürich Hauptbahnhof: Auch wenn sie alle Lolitas sind, sind die Mädchen, die hier eintrudeln, doch ganz unterschiedlich: die Mädchen aus der Romandie, in Rosa und Weiss gehüllt, zuckersüss. Die Haare nachlässig hochgerafft und mit Samtbändern zu Schwänzchen gebunden. Dann die Erdigen, in geblümten Stoff gehüllt, unaufgeregt und schlicht. Daneben die hochgeschossene Elegante in betörendem Schwarz, mit gazellenhaften Beinen. Wie eine schweigsame Wächterin lässt sie den Blick über die Köpfe schweifen, nur die Wimpern flattern. Die Lolitas sind keine optische Einheit, es gibt keine Musikrichtung, die sie eint, keine politische Einstellung – und doch sind sie eins: Eine kleine Schmetterlings-Armee in Uniformen aus Baumwolle und Tüll, puppenhafte Kriegerinnen im Kampf gegen das Erwachsenwerden.

Die Zeit einfrieren

Der Stil erlaubt kein halbherziges Getue. Eine Lolita zu sein, bedeutet, Regeln einzuhalten. Im Internet findet man seitenlange Abhandlungen über Kleiderregeln und die Handhabung von Accessoires, kiloweise Accessoires; Schirme, Taschen, Körbchen, Ketten, Broschen, Maschen, Hütchen, Hauben, Kronen. Schlicht ist nicht.

Das Bild muss stimmen, eine Lolita ist ein Gesamtkunstwerk, nichts, was man einfach überstreifen könnte. Ein Lolita-Outfit ist durchdacht, komponiert. «You can take away a couple of ingredients, but if you take away the butter, the sugar and the milk, it just stops being cake», steht zu einem Bericht zur «Anatomy of a Lolita Outfit». Dann gibt es Regeln für Fotos; für den Inhalt, den Hintergrund, die Bearbeitung, die Pose, sogar die Fussstellung. Es gibt Listen für Einsteiger mit der Lolita-Basisgarderobe, dazu eine mehrseitige Farbenlehre für das stimmige Outfit. Regeln geben Halt und Struktur, Regeln geben Sicherheit. Das Kind braucht eine Hand, an der es sich festhalten kann. Angela sagt, ihr seien diese Regeln zu blöd. Heute, für das Treffen aber, ist sie die perfekte Lolita. Jede will so aussehen, wie sie. Angela ist die heimliche Königin unter den Prinzessinnen.

Langsam schwankt die Entourage durch die Bahnhofhalle, unbeeindruckt von den grossäugigen Gegenübern, die ehrfürchtig zurückweichen, unempfindlich gegen die Horde wutschnaubender Drängler, die hinter ihr herkriechen. Gemeinsam sind sie stark, die gehässigen Sprüche scheinen abzuperlen, stoisch lassen sie sich von wildfremden Wunderfitzen fotografieren. Wäre Angela alleine unterwegs, würde sie darauf bestehen, dass man sie erst um Erlaubnis fragt.

Lolitas sind schön anzuschauen, wollen aber keinesfalls erotisch oder sexuell anziehend wirken. Sie wollen nur die Zeit einfrieren. Lolitas leben in der Zeit vor der Pubertät, wie die Raupe vor dem Verpuppen, sagt die Psychologie. Eine heile Welt ohne Schmerz, ohne Sexualität, ohne Liebesbeziehungen, ohne Suizidversuche, weil der Freund eine andere hat.

Erwachsen werden – warum sollten sie auch? Für den Psychologen Thomas Spielmann ist das keine ungewöhnliche Angst: «Wir leben in einer Kultur, in der man an Oberflächlichkeiten gemessen wird, an Kleidung, Make-up, an sexuellen Attributen. Und dann sind da die Mädchen: Sie kommen aus guten Familien, sind glücklich, haben ein schönes Leben. Diese Mädchen haben einen Cinderella-Komplex, sie sind Papas Prinzessin. Ihr Leben ist wunderschön; warum sollten sie zur Frau werden wollen?»

Lolitas reden über Kleider, über Kuchenrezepte, über Make-up. Nicht über den ersten Kuss, nicht über Brustvergrösserungen, nicht über Sex. Lolitas sind keine Rebellen und keine Feministinnen, sagt Psychologe Spielmann. Sie entziehen sich vielmehr dem heutigen Körperfetisch, indem sie sich ihre eigene Welt mit ihren eigenen Regeln schaffen. Eine Lolita schreit nach Aufmerksamkeit. Keine sexuelle, sondern die Aufmerksamkeit einer Elfjährigen, die Prinzessin sein will.

Schöne, heile Welt

Eine Lolita trinkt kein Bier und raucht nicht, eine Lolita trinkt Tee und isst Kuchen. Eine Lolita sitzt gerade. Eine Lolita lächelt, wenn sie auf der Strasse schief angemacht wird. Eine Lolita hat viel vom bürgerlichen Idealbild einer Frau im viktorianischen Zeitalter: ein hochmoralisches und geistig reines Wesen, unterwürfig. Doch diesen Vergleich lassen sie nicht gelten. Die Lolitas sehen sich als selbstbewusste, mutige Frauen. Wer in solchen Kleidern öffentlich auftrete, könne nicht unterwürfig sein, ganz einfach. Simple Antworten; wie auch die auf die Frage nach dem Warum. «Hobby», mehr nicht. Laquaza, eine Lolita aus Bern, sagt: «Ich esse Schokolade, weil ich es mag. Ich studiere Physik, weil es mich interessiert. Ich zeichne, weil ich das gerne tue. Und ich trage Lolita, weil es mir gefällt.» Irgendwie zu simpel. Auch bei Angela tönt es nicht anders: «Für mich ist Lolita ein Modetrend. Ein Stil halt.» Es sind die Kleider, die ihr gefallen, die Silhouette mit der eingeschnürten Taille. Mehr nicht? Keine tieferliegenden Gründe, keine Ängste, die sie verdrängen will? «Es ist eine Traumwelt, in der wir leben. Das gefällt mir auch. Reicht das?» Angela saugt an ihrem Lippenpiercing und wendet sich ab.

Angela nennt sich in der Szene Pinky. Ein Spitzname von früher-früher, als die Haare noch farbig waren. Heute sind sie weiss-blond, ihr Pony läuft zur Nasenwurzel hin spitz zusammen. Heute würde sie sich anders nennen. Vor sieben Jahren hat Angela den Stil in der Schweiz bekannt gemacht. Lolita ist ihre Möglichkeit, kreativ zu sein, sich selber zum Kunstwerk zu machen. Und ihr tägliches Brot: Angela lebt von Lolita, näht Kleider für ihr eigenes Label, führt gemeinsam mit ihrem Freund einen kleinen Laden in der Aarauer Altstadt. Sie näht, er verkauft. Es reicht gut zum Leben; die Lolitas geben viel Geld für ihre Mode aus.

Der Kinderwelt nah

Der Wind beim «Dolder» oben ist garstig. Unbarmherzig fährt er um die dünn bestrumpften Beine, unter die aufgebauschten Röcke. Die Schneeflocken zergehen auf der rosigen Haut, Eiskristalle krallen sich in den Haaren fest. Aber es scheint die Lolitas nicht zu stören. In ihrer Welt ist es nicht kalt, in ihrer Welt tut nichts weh. Runde für Runde rutschen sie über das aufgeraute Eis, halten sich an den Händen, verhaken sich in den Ellbogen. Runde für Runde ziehen sie um den Weihnachtsbaum in der Feldmitte, kleine zeitfremde Wesen zwischen neonfarbenem Jetzt.

Die Gazellenbeinige sitzt abseits auf einer Bank. Sie nennt sich Hime, «Prinzessin» auf Japanisch. Hime ist ein Mann. Seit er zehn Jahre alt ist, schlüpft er in Frauenkleidung, seit zwölf ist er eine Lolita. Hime fühlt sich weder als Mann noch als Frau, deshalb. «Mit Lolita kann ich mich identifizieren», sagt er. Für ihn ist Lolita nicht entweder oder, auch nicht der Ausdruck. «Eine Lolita ist herzig und doch düster und geheimnisvoll. Das widerspiegelt meine Gefühle.» Und Lolita stellt keine weiblichen Attribute in den Vordergrund. Wenn er sich so kleidet, fühlt er sich der Kinderwelt näher. Hime möchte ein Kind bleiben. Er fürchte sich vor dem Älterwerden. Warum? «Ich habe Angst davor meine androgynen Gesichtszüge, die kindliche Fantasie zu verlieren.» Es ist die Angst davor, zum Mann zu werden.

Tage später. Angela arbeitet in ihrem Atelier; ein Luftschutzkeller in einem Aarauer Geschäftsgebäude. Es ist ein Königreich für Entdecker; Konfitüregläser voller Knöpfe, Stangen voller Bänder aus Samt und Seide, Regale voller Stoffe, Wände voller Skizzen, Poster und Fotografien. Der Teppich ist grasgrün, wenigstens ein Hauch Natur in dem fensterlosen Raum. Im Hintergrund knattert die Lüftungsanlage. Hier sitzt Angela zehn bis zwölf Stunden am Tag. Sie ist ein Workaholic, kann nicht nichts tun. So schneidert sie bis zu zwei Kleider pro Tag. Ein Kleid kostet rund 600 Franken, ihre Auftragsliste ist bis Februar gefüllt. Keiner hat ihr gezeigt, wie man näht. Sie tut es einfach.

Energisch fährt Angela mit der Schere durch den Stoff, würgt Nieten in die Löcher. Sie füsselt auf ihrem Rollhocker zwischen Tisch und Nähmaschine hin und her. Jetzt ist sie nicht mehr Prinzessin, jetzt ist Alltag. Geparden-Strumpfhosen statt Kniesocken, derbe Nieten-Stiefel statt pelzbesetzter Schühlein, Shirt und Mini statt Rüschenbluse und Petticoat. Prinzessin Angela ist wieder Angi, die Lolita hängt im Kleiderschrank. Auch die Kunsthaar-Lockenmähne ist ab, der Pony fällt ihr schief über die Augen. Angela ist auch als Angi schön, aber ihren Glanz hat sie mit den Lolita-Kleidern abgelegt. Sie ist stolz, selbstbewusst, aber den Rücken hält sie nicht mehr gerade. Auch die Wangen sind nicht mehr gepudert; das Gesicht hat das Puppenhafte verloren.