Ein 19-Jähriger springt am 25. April 1972 im LSD-Rausch aus dem Fenster eines Hauses an der Zürcher Bändlistrasse. Die Polizei rückt an. Per Zufall entdeckt sie, was damals hierzulande niemand vermutet: terroristische Aktivitäten. Die Wohnung im dritten Stock dient nicht als Wohnraum, sondern ist ein Sprengstofflabor. Die Polizei ermittelt und hebt im Zug der Ermittlungen eine Anarchistengruppe aus.

Die rund 35-köpfige Gruppe erhält den Namen «Bändlistrasse». Etwa hundert Einbrüche und Einbruchsversuche gehen auf das Konto der Anarchisten, die Verbindungen zur linksextremen Baader-Meinhof-Gruppe unterhalten. Für die deutschen Waffenbrüder beschafften sie Geld, Waffen und Munition. Mehr noch: Sie arbeiteten an Serien-Bomben.

Noch während die Bändlistrasse-Ermittlungen laufen, wird in Zürich Höngg, Hochfelden und Ponte Brolla in Zeughäuser der Armee eingebrochen. Einige erbeutete Minen und Handgranaten werden kurz danach in RAF-Verstecken in Deutschland sichergestellt.

Annebäbi bombt in Zürich

Die Einbrecher bilden eine Terrorzelle, die später unter dem Namen «Annebäbi» bekannt und von der Linksaktivistin Petra Krause geführt wird. Was die Zelle nicht an die RAF weitergibt, verwendet sie 1973 und 1974 selbst. Für Attentate auf das spanische und italienische Generalkonsulat oder die Hanover Trust Company in Zürich etwa. Auch für die Unterbringung flüchtiger RAF-Terroristen steht «Annebäbi» bereit: So findet die unter Mordverdacht stehende RAF-Mitbegründerin Astrid Proll kurzzeitig in Zürich Unterschlupf.

Verhaftet werden die Terroristen 1975 per Zufall. Aufmerksamen Nachbarn fallen sie in der Nähe des Zürcher Hotels Dolder auf. Fortan können sie nicht mehr für die RAF wirken. Ihre Waffenlieferungen jedoch schon. Als die RAF noch im selben Jahr die deutsche Botschaft in Stockholm stürmt, zwölf Geiseln nimmt, zwei hinrichtet und eine Bombe zündet, stammen Waffen und Sprengstoff aus der Schweiz. Fast zeitgleich kauft ein RAF-Terrorist bei der luzernischen Waffenfirma Grünig & Elmiger ein HK-43-Gewehr. Zwei Jahre dauert es, bis die RAF in der Schweiz erneut in Erscheinung tritt: Am 5. Januar 1977 treffen Grenzwächter in Riehen BS auf die zwei Topterroristen Christian Klar und Günter Sonnenberg. Als ein Zöllner ihre gefälschten Pässe kontrolliert, eröffnen sie das Feuer. Ein Beamter überlebt schwer verletzt. Es sind dieselben Täter, die drei Monate später beim Mord an Generalstaatsanwalt Siegfried Buback in Karlsruhe dabei sind. Die Tatwaffe, eine HK 43, stammt aus Malters bei Luzern.

Sichergestellt wird sie unweit der Schweizer Grenze in Singen: Nach einer Schiesserei werden am 3. Mai 1977 die mutmasslichen Buback-Attentäter Günter Sonnenberg und Verena Becker verhaftet. Die Waffe und eine Reihe gefälschter Pässe führen sie im Gepäck. Das Ziel: über die grüne Grenze in die Schweiz. Ein Abgleich der falschen Identitäten mit dem Schweizer Hotel-Register zeigt zudem: Sonnenberg, Becker und weitere RAF-Terroristen stiegen wiederholt unter falschem Namen im Badener Hotel «Verenahof» oder im Zürcher Hotel «Plattenhof» ab. Sonnenberg liess sich in Wettingen AG gar die Haare schneiden. Von Christian Klar aber fehlt jede Spur.

«Spinnsch eigentli?»

Derselbe Klar, inzwischen auch der Entführung und Ermordung von Hanns Martin Schleyer bezichtigt, taucht 1979 wieder in der Schweiz auf. Er überfällt am 19. November gemeinsam mit weiteren RAF-Terroristen die Volksbank an der Zürcher Bahnhofstrasse und erbeutet 550 000 Franken. Die Terroristen fliehen Richtung Bahnhof Zürich. Im Shopville kommt es zu einer Schiesserei mit der Polizei. Eine Kugel tötet dabei eine Passantin. Klar entkommt und klaut auf der Flucht das Auto einer Frau. Sie wehrt sich: «Spinnsch eigentli?», ruft sie dem Terroristen zu, er schiesst ihr daraufhin in die Brust. Sie überlebt schwer verletzt. Die Terroristen können fliehen, nur einer geht den Fahndern ins Netz. Immerhin ist die Schiesserei das Ende der blutigen RAF-Terrorjahre in der Schweiz.