Krankenkassen

Schweizer Post vermittelt Beratungen bei Concordia – Gesundheitspolitiker sind alarmiert

Geld einzahlen, Briefe oder Pakete verschicken – und dabei gleich einen Termin für ein Beratungsgespräch mit der Concordia vereinbaren. Das geht neuerdings. (Symbolbild)

Geld einzahlen, Briefe oder Pakete verschicken – und dabei gleich einen Termin für ein Beratungsgespräch mit der Concordia vereinbaren. Das geht neuerdings. (Symbolbild)

Neu empfiehlt die Post ihren Kunden Beratungsgespräche bei der Concordia-Versicherung. Gesundheitspolitiker sind wenig erfreut und drohen mit weiteren Regulierungen.

Geld einzahlen, Briefe oder Pakete verschicken – und dabei gleich einen Termin für ein Beratungsgespräch mit der Concordia vereinbaren: Die Post agiert neuerdings auch als Vermittlerin für die Krankenkasse. Ein entsprechendes Pilotprojekt läuft in zehn Filialen im Raum Luzern, wo die Concordia ihren Hauptsitz hat. Mit dabei sind auch neun Filialen in der Region Lausanne.

Das Ganze funktioniert so: Kommt ein Kunde an den Schalter, nimmt der Mitarbeiter nicht nur den Brief oder das Paket entgegen. Er fragt auch, ob der Kunde an einem Beratungsgespräch mit der Concordia interessiert sei. Ist er einverstanden, werden seine Daten an die Krankenkasse weitergeleitet, damit diese mit ihm Kontakt aufnehmen kann. Zudem erhält der Kunde einen Flyer – und die Kinder als kleines Präsent ein paar Concordia-Aufkleber.
Das Pilotprojekt wurde vor rund einem Monat gestartet und dauert noch bis Ende Juni, wie die Post Recherchen dieser Zeitung bestätigt.

Mediensprecherin Masha Foursova erklärt: «Es handelt sich um einen Markttest. Dabei wird geprüft, ob Kundinnen und Kunden in Post-Filialen Interesse an einer unverbindlichen Beratung durch einen Krankenversicherer haben.» Die Post arbeite immer wieder mit unterschiedlichen Partnern zusammen. So könne man am Postschalter etwa Straf- und Betreibungsregisterauszüge bestellen. Auch preisen dort Post-Mitarbeiter Versicherungen der Mobiliar an. Foursova begründet diese Tätigkeiten mit dem stark rückläufigen Schaltergeschäft seit der Jahrtausendwende.

Post erhält kein Geld für Pilot

Der Vorteil der Vermittlung eines Beratungsgesprächs am Postschalter sei, dass der Kunde statt eines anonymen Anrufers ein Gesicht vor sich habe. «Je persönlicher der Kontakt, desto sympathischer», sagt Foursova. Diese Aussage lässt aufhorchen, denn Anrufe von Vermittlern werden nicht nur von vielen als unsympathisch empfunden. Seit Jahren laufen Bestrebungen, diese zu unterbinden. Erst im Frühjahr haben National- und Ständerat beschlossen, Telefonanrufe zu verbieten. Zudem werden die Provisionen für Makler gedeckelt, die sich auf jährlich rund 74 Millionen Franken beliefen. Die meisten Krankenversicherer stehen hinter diesem Entscheid.

Weichen nun Krankenkassen als Konsequenz vom Telefonhörer auf den Post-Schalter aus, notabene einen bundeseigenen Betrieb? Ein Zusammenhang bestehe nicht, schreibt Concordia-Sprecherin Astrid Brändlin auf Anfrage. Erste Gespräche zwischen Krankenkasse und Post seien bereits vor zwei Jahren geführt worden. Die Initiative sei dabei von der Concordia ausgegangen. Die Post könnte mit ihren «kundenorientierten Mitarbeitern und ihrem flächendeckenden Filialnetz helfen, neue Kanäle für den Kontakt mit potenziellen Kunden zu schaffen. Es sei aber nicht die Absicht, einen Teil der 200 Concordia-Agenturen und Geschäftsstellen zu schliessen.

Gesundheitspolitiker alarmiert

Für ihre Vermittlungstätigkeit erhalte die Post während des Markttests von der Concordia «keine Provision und keinerlei finanzielle Entschädigung», hält Brändlin fest. Im Vordergrund stünden die Erfahrungen. Von Kunden sei die Vermittlung von Beratungsgesprächen bisher positiv aufgenommen worden, so die Post.

Gesundheitspolitiker reagieren überrascht auf das Pilotprojekt von Post und Concordia. Der Luzerner Ständerat Damian Müller (FDP) fragt sich, ob die Vermittlung eines Beratungsgesprächs zum Service public gehört. An die Adresse der Post sagt er, «sie soll sich auf ihren Leistungsauftrag konzentrieren und diesen so gut wie möglich erfüllen». Deutlich wird er auch gegenüber der Krankenkasse: «Das Parlament hat klar gesagt, dass es die Vermittlertätigkeiten einschränken will. Wenn die Concordia nun nach neuen Möglichkeiten sucht, riskiert die Branche weitere Regulierungen.»

Gleicher Meinung ist der Luzerner CVP-Ständerat Konrad Graber, der Mitglied der Gesundheits- und Sozialkommission sowie der Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen ist. Er findet das Pilotprojekt «sehr heikel – gerade im Kontext der Diskussionen über das Verbot der Telefonvermittlung und der Maklerprovisionen». Das Telefon könne man immerhin noch aufhängen. Hingegen sei der Gang zum Postschalter in gewissen Fällen unausweichlich. Diese Stellung dürfe sie nicht für Vermittlertätigkeiten ausnützen. «Wenn die Post so weitermacht, kommt sie nie mehr aus den Schlagzeilen.»

Die Aargauer SP-Ständerätin Pascale Bruderer hat das Verbot der Telefonvermittlung mit einem Vorstoss ins Rollen gebracht. Sie sagt, die Vermittlung am Postschalter sei mit der oft aggressiven Kaltakquise am Telefon nicht direkt vergleichbar. «Infrage stelle ich aber, ob es sich für die Post auszahlt, ihre traditionell hohe Vertrauenswürdigkeit am Schalter für diesen Dienst zu Verfügung zu stellen.» Bruderer kann sich nicht vorstellen, dass die Vermittlung von Krankenkassen gut ankommt bei Post-Kunden. «Ich gehe davon aus, dass es negative Rückmeldungen geben wird und sich die Sache somit rasch selbst regulieren wird – ohne staatliche Eingriffe.»

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