Transparenz

Die Pharma-Firmen legen erstmals offen, wie viel Geld an Ärzte und Spitäler fliesst

Kommissionierautomat im Lager der Spitalpharmazie im Inselspital.

Kommissionierautomat im Lager der Spitalpharmazie im Inselspital.

Ende Juni folgt ein grosser Schritt hin zu mehr Transparenz in der Pharma- und Gesundheitsbranche. Die hiesigen Tabletten-Hersteller legen auf ihren Websites sämtliche geldwerten Leistungen offen, die sie an Ärzte überwiesen haben. Damit will die Industrie reinen Tisch machen.

Weder Billigkugelschreiber noch Notizblöcke oder Müsterchen von Arzneimitteln dürfen Pharma-Firmen abgeben, wenn sie Ärzte zu Konferenzen einladen.

Seit 2014 hat sich die Branche ein striktes Geschenkverbot auferlegt: Der Pharma-Kooperations-Kodex schreibt vor, wie sich die Firmen gegenüber Leistungserbringern zu verhalten haben.

In zwei Monaten folgt ein weiterer Schritt hin zu mehr Transparenz. Ende Juni legen die Pharma-Firmen auf ihren Websites sämtliche geldwerten Leistungen offen, die sie an Ärzte, Spitäler und Apotheker überwiesen haben.

So will die Branche den latenten Vorwurf entkräften, sie würde Ärzte mit Geschenken beeinflussen, damit diese die «richtigen» Medikamente verschreiben.

Das Problem der Freiwilligkeit

Allerdings hat das Unterfangen einen Haken: Für Ärzte, Apotheker und Spitäler ist die Offenlegung freiwillig.

Aus Datenschutzgründen können sie darauf bestehen, dass ihre Anonymität gewahrt bleibt.

Falls also der Arzt nicht einwilligt, gibt die Pharma-Firma zwar den Betrag bekannt, den sie überwiesen hat, nicht aber, wer der Empfänger ist.

In diesem Fall bleibt dem Patienten verborgen, ob der eigene Arzt regelmässig Geld für Vorträge oder Weiterbildungen erhält – oder nicht.

Das ist für die Industrie ein Problem. «Die Zusammenarbeit zwischen Pharma und Ärzten wird gemeinhin geschätzt», sagt Thomas Cueni vom Branchenverband Interpharma.

Er hat über das Institut GfS Bern die Bevölkerung befragen lassen. Das Resultat: Ärzte sollen sich weiterbilden und klinische Forschung betreiben können.

Es muss nur klar kommuniziert werden, wer was finanziert. «Transparenz schafft Akzeptanz», sagt Cueni. «Deshalb will die Industrie nun reinen Tisch machen.»

Transparenz wird «begrüsst»

Laut Jürg Granwehr vom Branchenverband Scienceindustries liegen noch keine Zahlen vor, wie viele Ärzte der Namensnennung zugestimmt haben. Er sagt aber: «Systematischen Widerstand haben wir bisher keinen wahrgenommen.»

Branchenkreise rechnen damit, dass über 70 Prozent der Leistungserbringer in die Veröffentlichung ihrer Namen einwilligen werden.

Betroffene Verbände, wie die Ärzteverbindung FMH, erklären denn auch, dass sie das Bestreben für mehr Transparenz «begrüssen». Dasselbe gilt für Unispitäler, die mutmasslich am meisten Geld für ihre Forschung erhalten haben.

38 Millionen Zustupf pro Jahr

Obwohl sie beteuern, dass sie Transparenz befürworten, geben sich die Spitäler auf Anfrage zugeknöpft.

So antwortet das Unispital Zürich (USZ), es unterstütze Bestrebungen, die Transparenz im Gesundheitswesen zu verbessern – insbesondere in Bezug auf die Geldflüsse.

Es habe seine Einwilligung zur Publikation gegeben. Doch: «Eine Gesamtübersicht der Zuwendungen publiziert das USZ nicht.»

Auch das Unispital Bern bestätigt, dass es Drittmittel offenlegen werde, es könne aber noch keine konkreten Zahlen nennen. Das Unispital Basel prüft, ob die Offenlegung «machbar und verhältnismässig» sei.

Immerhin publiziert es jedes Jahr, wie viele Drittmittel es für Forschungsaufträge erhalten hat. 2015 waren es rund 38 Millionen Franken. Was von der Pharma kommt, ist indes unklar.

Kaum US-Verhältnisse

Die Erfahrungen aus den USA, wo die Industrie seit 2013 verpflichtet ist, alle Zahlungen an Ärzte und Spitäler offenzulegen, dienen nur begrenzt als Massstab.

Amerikanische Ärzte erhielten mehrere zehntausend Dollars für Flug und Hotel bezahlt, um an internationalen Kongressen teilzunehmen. Insgesamt flossen 2013 rund 3,5 Milliarden Dollar von der Industrie an Spitäler und Ärzte, vor allem in die Forschung.

In der Schweiz gibt es aber nur einen Bruchteil an Ärzten und Spitälern. Zudem sind Geschenke verboten und teure Hotels mittlerweile verpönt. Nur Einladungen zum Essen im Gegenwert von maximal 150 Franken sind erlaubt.

Von der Transparenz-Initiative unangetastet bleiben die Rabatte, welche Pharma-Firmen beim Einkauf von Medikamenten gewähren; sowie das Sponsoring von Lehrstühlen – Verträge, die Pharma-Firmen mit Unis abschliessen.

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