Wahlen 2015
Die Ostschweiz: So ticken die bodenständigen Eigenbrötler

Am 18. Oktober werden National- und Ständerat gewählt. Die Inlandredaktion der «Nordwestschweiz» analysiert die Ausgangslagen in acht Schweizer Regionen. Heute: Die Ostschweiz

Stefan Schmid
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Die Ostschweiz (im Bild ein Senn in Appenzell Ausserrhoden) hat mehr zu bieten als einen spitzen Dialekt. Ennio Leanza/Keystone

Die Ostschweiz (im Bild ein Senn in Appenzell Ausserrhoden) hat mehr zu bieten als einen spitzen Dialekt. Ennio Leanza/Keystone

KEYSTONE

Kennen Sie die Ostschweiz? Wahrscheinlich nicht. Für viele Schweizer hört das Land beim Flughafen Zürich, spätestens aber in Winterthur auf. So zumindest nehmen es viele St. Galler oder Thurgauer wahr, die ihrerseits oft nach Zürich oder Bern pendeln und dort jeweils wegen ihres spitzen Dialekts gehänselt werden. Dabei hat die Ostschweiz, die es nur als geografische Bezeichnung gibt, sehr viel mehr zu bieten als eine klare Sprache. Doch stopp! Dieser Artikel soll keine touristische Werbekampagne für den Seealpsee, das Kloster St. Gallen oder die Kartause Ittingen sein.

Lieber nicht ins Rheintal

Es geht um die Identität einer Region. Eine Identität, die es eigentlich nicht gibt. Und wenn, dann ist sie höchst fragil und vielschichtig. Der wohltuende Nebeneffekt: Die Ostschweizer sind offener, als viele Miteidgenossen denken. Sie sind weniger selbstverliebt als etwa die Berner, die ihr Bern für das Nonplusultra halten. Und sie sind weniger neurotisch wie etwa Basler oder Zürcher, die glauben, ihre Städte seien der Nabel der Welt.

Blick in die Regionen

Am 18. Oktober werden National- und Ständerat gewählt. Die Inlandredaktion der «Nordwestschweiz» analysiert im August die Ausgangslagen in acht Schweizer Regionen und schildert, welche Themen derzeit wo zu reden geben. Gleichzeitig stellen wir jeweils einen hoffnungsvollen Kandidaten vor. (nch)

St. Gallen – Zentrum ohne Macht

Gespalten ist auch der Thurgau. Der Westen mit der Hauptstadt Frauenfeld blickt nach Winterthur und Zürich. Der Norden Richtung Konstanz. Und im Osten rund um die historische Hafenstadt Arbon geht man in St. Gallen in den Ausgang und ans Fussballspiel. Die Schaffhauser wiederum sehen sich als etwas Eigenständiges – weder Zürich noch Ostschweiz. Dass man die Projektarbeiten für die geplante Landesausstellung Expo 2027 Bodensee-Ostschweiz mitfinanzieren würde, ist am Fusse des Munot unvorstellbar. Bleiben die beiden Appenzell. Zwei Minikantone mit zusammen gerade einmal 70 000 Einwohnern – halb so viel wie die Stadt Bern. Auch die stolzen Innerrhoder, fast alles Katholiken, weigern sich, die Expo 2027 finanziell zu unterstützen, als gehörten sie nicht zur Ostschweiz. Man entscheide dann später, ob man auf den fahrenden Zug aufspringen will. Die Ausserrhoder, fast alle evangelisch-reformiert, sind da solidarischer. Ihr Lebensmittelpunkt ist die Stadt St. Gallen. Und sie stehen dazu.

Überhaupt, die Expo. Sie ist der Lackmustest, ob die Ostschweiz fähig ist, gemeinsam etwas Grosses, Unbekanntes, Gewagtes, Teures für den Rest des Landes zu stemmen. Im Herbst entscheiden die kantonalen Parlamente über die Planungskredite. Es besteht zumindest im Thurgau eine latente Absturzgefahr. Ein Erfolg wäre der Region zu gönnen. Mit dem nationalen Innovationspark hat es nicht geklappt. Und die Thurgauer wollen nichts von der St. Galler Idee einer Metropolitanregion Ostschweiz wissen. Aus ihrer Sicht ist die grösste Ostschweizer Stadt nur ein Fixpunkt unter vielen.

Vorher aber wird gewählt. In Innerrhoden ist die Sache weitgehend gelaufen. Ständerat Ivo Bischofberger (CVP) wurde an der Landsgemeinde im April im Amt bestätigt. Und auch Nationalrat und Landammann Daniel Fässler (CVP) hat den Job in Bern auf sicher. In Ausserrhoden ist der bisherige Nationalrat Andrea Caroni (FDP) so gut wie in den Ständerat gewählt. Gegenkandidaten gibt es keine. Seinen Sitz in der Grossen Kammer dürfte Parteikollege Markus Bänziger erben, die Herausforderer von SP und SVP ziehen wohl den Kürzeren. Langweilig werden auch die Thurgauer Ständeratswahlen. Brigitte Häberli (CVP) und Roland Eberle (SVP) sind gesetzt. Ein Comeback könnte im Nationalrat die FDP feiern, die ihren Sitz vor vier Jahren an die GLP verloren hat. Dank einer grossen Listenverbindung in der Mitte liegt gar ein zweiter FDP- oder CVP-Sitz drin, auf Kosten der SVP, die im Thurgau drei von sechs Sitzen für sich beanspruchen darf.

In Schaffhausen sind die zwei bisherigen Nationalräte Thomas Hurter (SVP) und Martina Munz (SP) ungefährdet. Ansatzweise Spannung verspricht der Ständeratswahlkampf. Die FDP versucht mit Regierungsrat Reto Dubach den vor vier Jahren an Thomas Minder (parteilos) verlorenen Sitz im Stöckli zurückzuerobern. Bleibt St. Gallen: Im grössten Ostschweizer Kanton fokussiert sich vieles auf den Ständerat. Während Karin Keller-Sutter (FDP) die Wiederwahl auf Anhieb zugetraut wird, muss Paul Rechsteiner (SP) wohl in einen zweiten Wahlgang. Doch auch der Gewerkschaftspräsident dürfte reüssieren – zu schwach ist die Konkurrenz von SVP und CVP. Im Nationalrat zeichnen sich geringe Verschiebungen ab. Stark gefährdet ist Patientenschützerin Margrit Kessler (GLP). Den Grünliberalen ist es nicht gelungen, eine breite Allianz zu zimmern. Die Freisinnigen könnten den Sitz erben. Die SVP mit vier und rot-grün mit drei Vertretern dürften ihre Mandate derweil erfolgreich verteidigen.