N4

«Die Nulllösung war kein Thema»

Hägi

Hägi

Während vieler Jahre hat er als Präsident der Arbeitsgruppe autobahnfreies Knonauer Amt für die Zimmerbergvariante und damit gegen den Bau der N4 in der jetzigen Zeit gekämpft. «Die Nulllösung war bei uns kein Thema», sagt Hans Rudolf Haegi.

Was geht Hans Rudolf Haegi durch den Kopf, wenn er heute die für den Verkehr bereite Autobahn sieht? Er, der während der Bauzeit oft mit dem Velo vom Arbeitsplatz in Uerzlikon zurück nach Affoltern ein Stück weit dem Trassee entlanggefahren ist? «Sie entspricht nicht mehr dem Projekt von einst», sagt dieser nüchtern. Und meint damit: Die N4, die nun A4 heisst, ist besser eingepasst als in den damaligen Plänen vorgesehen. Zwillikon, Hedingen, Bonstetten und Teile von Wettswil sind autobahnfrei geblieben. Und es gibt den Islisbergtunnel, der - einmalig in Europa - längs durch den Berg führt! All die Projektänderungen, die zum Teil neue Linienführung und flankierende Massnahmen - das wertet Hans Rudolf Haegi auch als einen zumindest indirekten Erfolg für die Arbeitsgruppe. «Heute sagen sogar Autobahnfreunde: Gut, dass ihr euch damals gewehrt habt», fügt er bei. Und gleichzeitig sieht er diese sehr aufwändige Arbeit um die N4 als ein sehr gutes Beispiel einer funktionierenden Demokratie in der Schweiz. «Wir haben uns im Rahmen der Gesetze eingebracht, unsere Ideen lanciert, Lobbyarbeit betrieben, versucht, die Leute von unserer Sache zu überzeugen. Und wir haben immer mit Fakten und Argumenten gearbeitet - frei von persönlichen Zielen oder persönlichen Anfeindungen», stellt Haegi fest. «Weder die Polizei noch die Gerichte hatten je Arbeit mit uns.»

Einsatz für die Zimmerbergvariante

Unbequem ja, aber nicht militant: So sieht Hans Rudolf Haegi seine Arbeit, bzw. diejenige des Vorstands, innerhalb der Arbeitsgruppe, die 1976 gegründet wurde und mit Exponenten aus den verschiedenen politischen Lagern bestückt war. Neben Haegi (SVP-Bezirkspräsident) gehörten Emil Attenhofer (FDP), Franz Waser (CVP-Bezirkspräsident), Erna Köchli (LdU), Anna Gantert (SP) und Fritz Locher jun. zu den Gründungsmitgliedern. Die Gruppe hat sich für die Alternative einer Zimmerbergvariante eingesetzt, für eine Verbindung der N4a mit der N3 via Hirzeltunnel ab Sihlbrugg bis Horgen. Haegi, mit gutem Erinnerungsvermögen ausgerüstet, erwähnt den ersten Brief in dieser Sache vom 5. Mai 1976 an den damaligen Zürcher Regierungsrat Jakob Stucki. Die Diskussion über diese Variante wurde dann mit einem Artikel im «Anzeiger» richtig lanciert. Sie fand bald eine Fortsetzung in Form einer von 5000 Personen unterzeichneten Petition im Jahr 1977 an die Eidgenössischen Räte. «Wir marschierten damals im Bundeshaus in Bern mit dem Handörgeler Ruedi Hägi aus Zwillikon auf, verteilten Äpfel, Brot und Käse - und erhielten damit erstmals volle Aufmerksamkeit von den Medien», erinnert sich Hans Rudolf Haegi.

Hans Rudolf Haegi, der Fichierte

Der Aspekt des Landschaftsschutzes trieb ihn schon wegen seiner Herkunft an: H.R. Haegi, der Bauernsohn aus Uerzlikon und spätere SVP-Bezirkspräsident, wurde Ingenieur Agronom ETH. Er setzte sich nach seiner Wahl durch die Gemeindeversammlung Affoltern in die Zürcher Planungsgruppe Knonaueramt (1978) für den Landschaftsschutz ein - hartnäckig oder auch - wie das seine Gegner zu sagen pflegten: verbissen - für die Sache ein. «Aber immer auf der sachlichen, argumentativen Ebene», fügt er auch dieses Mal an. «Die Jungen Säuliämtler fuhren damals auf einem anderen, parallelen Gleis. Sie haben uns mit ihren spektakulären, medienwirksamen Aktionen im Feld sehr geholfen», ergänzt Haegi.

Hat er auch negative Seiten seiner Arbeit um die N4 erlebt? «Bedroht worden bin ich nie, wenige Telefone gingen ein, kaum je anonyme, von Beschimpfung kann nicht gesprochen werden - eigentlich erstaunlich bei diesem hochemotionalen Thema». Als Ing. Agronom bekam er trotz seines Engagements um die Autobahn auch Aufträge von der Baudirektion des Kantons Zürich. Einen wirklich negativen Punkt erwähnt er aber doch noch: «Anlässlich einer ausserordentlichen Mitgliederversammlung der Arbeitsgruppe in Hedingen wurden wir fichiert. Es waren Kantonspolizisten in Zivil anwesend, was wir jedoch damals nicht wussten.» Schnee von gestern ...

Vom Erfolg mit Standesinitiative...

Die Arbeitsgruppe pflegte regelmässigen Kontakt mit eidgenössischen Parlamentariern, namentlich mit dem damaligen SP-Vertreter Otto Nauer, mit LdU-Vorzeigedame Monika Weber, SVP-Mann Ruedi Reichling und anderen. 1982 erschien der Bericht Biel, der die Fertigstellung der Teilstücke empfahl, aber ziemlich unter Beschuss geriet. Hans Rudolf Haegi und seine Mitstreiter konnten in der Folge einige Erfolge buchen: Die Zürcher Planungsgruppe Knonaueramt sprach sich knapp für ein autobahnfreies Säuliamt aus. Als die Gemeinde Hedingen 1982 im Rahmen einer speziellen Gemeindeversammlung konsultativ über die N4 abstimmen liess, votierten 60% für autobahnfrei - dies nachdem Hans Rudolf Haegi und TCS-Präsident Werner Hausheer von den N4-Befürwortern die Klingen gekreuzt hatten.

Noch mehr Grund zur Freude für die N4-Gegner gabs 1985, als das Zürcher Volk Ja sagte zur Standesinitiative für ein autobahnfreies Knonauer Amt. Derweil die TCS-Initiative für die Fertigstellung gleichentags bachab geschickt wurde. «Das war grossartig - wir, die Arbeitsgruppe, mit 2000 Mitgliedern, der Zürcher TCS mit 200 000 Mitgliedern», erinnert sich Hans Rudolf Haegi.
Ob da die NZZ den Autobahngegnern Sukkurs geleistet hat? «Sie ist vor der Abstimmung über die beiden Initiativen auf unsere Seite geschwenkt. Vielleicht hat es genützt, dass ich damals dem zuständigen Redaktor Martin Neuenschwander die Sache vor Ort erklärt habe», mutmasst Haegi, der dann 1987 für die EVP in den Kantonsrat gewählt wurde - in jenem Jahr, als die Wahlen stark vom Streit über die N4 geprägt waren. Die erste Abstimmung über die N4 im Nationalrat ergab mit der zuletzt abgegebenen Stimme von Otto Zwygart (EVP, Bern) ein knappes Votum für die Streichung der N4 aus dem Nationalstrassennetz.

... zur Niederlage bei der Kleeblatt-Initiative

Nach äusserst intensiver Auseinandersetzung, Hunderten von Protokollseiten, Petitionen, Initiativen, neuen Ideen und viel Lobbyarbeit dann die alles entscheidende Abstimmung über die Kleeblattinitiativen am 1. April 1990: Über 70% des Schweizer Volks sagten Nein dazu - und damit Ja zur Fertigstellung der verbleibenden drei Teilstücke. Hans Rudolf Haegi akzeptierte dieses Verdikt, getreu seiner Aussage über die demokratischen Vorgänge. «Nur, die Kleeblatt-Initiative war eigentlich nicht für eine Volksabstimmung bestimmt gewesen», meint er selbstkritisch.
Aber Hans Rudolf Haegi bleibt auch jetzt, gut zwei Wochen vor der Verkehrsübergabe, skeptisch. Ja, er ist sogar überzeugt, dass es ganz und gar nicht gut kommt mit dieser Autobahn durchs Säuliamt und die Entlastung der Dörfer ein Wunsch bleiben wird. Je zwei vierspurige Anschlüsse im Norden, je zwei vierspurige Autobahnen im Süden - und die N4 als vierspuriger Schlauch oder enger Kanal dazwischen. «Sie wird von Anfang an überlastet sein», prognostiziert der langjährige Kämpfer. Und er geht jede Wette ein, dass eine Forderung noch vor Ablauf der nächsten Amtsdauer des Kantonsrates auf den Tisch kommen wird: nämlich ein Ausbau der Säuliämtler A4 auf sechs oder acht Spuren. Trotzdem, betont er, habe sich das Engagement gelohnt.
Ihn ärgert aber heute auch, dass nach der Kleeblatt-Abstimmung nichts geschah in Sachen Umfahrungen und flankierender Massnahmen. «Die Behörden haben damals leider nicht geschaltet. Es war für die Gemeinderäte verständlicherweise auch schwierig, am Tag nach dem ‹Sieg› verkünden zu müssen, dass es mit der Entlastung der Dörfer wohl nicht so weit her sein werde, wie vorher jahrelang verkündet. Mitglieder der Arbeitsgruppe aus Bickwil und Obfelden haben schon vor 30 Jahren vor den Gefahren des wachsenden Verkehrs durch diese Dörfer nach Eröffnung der Autobahn gewarnt.»

Meistgesehen

Artboard 1