Eklat beim Schweizer Fernsehen
Die neuen Studios von SRF funktionieren nicht: Jetzt verlässt der Projektleiter das Unternehmen

Sie hätten im Herbst 2019 in Betrieb gehen sollen. Noch immer kann das Schweizer Fernsehen aber nicht aus seinen neuen Studios senden. Die technischen Experten bekommen die Probleme nicht in den Griff.

Francesco Benini
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Die ungelösten technischen Probleme gehen ins Geld: Nathalie Wappler, Direktorin von Schweizer Radio und Fernsehen.

Die ungelösten technischen Probleme gehen ins Geld: Nathalie Wappler, Direktorin von Schweizer Radio und Fernsehen.

Gaetan Bally / KEYSTONE

Auf den Gängen am Leutschenbach in Zürich kursiert ein Witz: Was ist der Unterschied zwischen den neuen Fernsehstudios von SRF und dem Flughafen Berlin Brandenburg? Der Airport nahm seinen Betrieb schliesslich doch noch auf.

Aus den neuen Studios hätte ab November 2019 gesendet werden sollen. Mehr als ein Jahr später steht noch immer kein Datum für die Inbetriebnahme fest. «Nach aktuellem Projektplan sind erste Sendungen aus den Studioflächen im neuen News- und Sportcenter frühestens ab Mitte 2021 möglich», erklärt SRF-Sprecher Stefan Wyss.

Das fieberhafte Tüfteln bringt keine Resultate

Die anhaltenden Probleme rund um die Neubauten des Schweizer Fernsehens führen nun zu einem Eklat: Der «Gesamtprojektleiter Leutschenbach» verlässt das Unternehmen. Das hat SRF-Direktorin Nathalie Wappler der Belegschaft mitgeteilt. Stefan Wyss gibt als Grund «unterschiedliche Vorstellungen über die Weiterführung des Projektes Standortentwicklung Leutschenbach» an.

Der Gesamtprojektleiter arbeitete fünf Jahre für das Schweizer Fernsehen. Zunächst war er Teilprojektleiter, Anfang 2020 stieg er auf – und nach nicht einmal einem Jahr gibt er jetzt die Kaderfunktion ab. Auf Anfrage wollte er keinen Grund nennen für das ungewöhnlich schnelle Ausscheiden.

Mühe bereitet in den neuen Studios die Anwendung der sogenannten IP-Technologie. Wie man hört, versuchen Gruppen von Technikern fieberhaft, die Probleme in den Griff zu bekommen. Bis jetzt haben sie es nicht geschafft. Das verursacht zusätzliche Kosten. Wie viel mehr muss SRF wegen der Schwierigkeiten ausgeben? SRF-Sprecher Wyss meint:

Natürlich kostet jede Verlängerung der Projektzeit Geld.

Die genauen finanziellen Auswirkungen zeigten sich erst, wenn das Projekt abgeschlossen sei.

Wyss betont, dass die Organisation neu strukturiert und das komplexe Gesamtprojekt in mehrere, kleine Pakete aufgeteilt worden sei. Beim News- und Sportcenter handle es sich «um das technisch komplexeste Projekt», das SRF je umgesetzt habe. Es drängt sich allerdings die Frage auf: Ist das Unternehmen ein zu grosses Risiko eingegangen, als es auf eine kaum erprobte Technologie setzte?

Ärger mit der Infrastruktur gibt es bei SRF nicht nur in den neuen Studios. Direktorin Wappler begrub vor einem Jahr den bereits ausgearbeiteten Plan für ein neues Redaktionsgebäude, weil sie Einsparungen vornehmen muss. Nun gibt es Anlaufschwierigkeiten mit einem neuen Schnittsystem. Es heisst «Hive», ist von Sony entwickelt worden – und stellt für die Cutter, welche die Beiträge zusammenschneiden und sich bisher ein anderes System gewohnt waren, eine hohe Hürde dar. Die einzelnen Arbeitsschritte dauern länger. Es seien Cutter mit Erschöpfungsdepressionen ausgefallen, erzählt man sich am Leutschenbach. Stefan Wyss sagt zu diesem Thema: «Zu vereinzelten Krankheitsfällen geben wir keine Auskunft; solche aber allein auf Wechsel im Schnittsystem zurückzuführen, greift sicher zu kurz.»

Ein Kadermitarbeiter nach dem anderen geht

Die verschiedenen Probleme führen dazu, dass die Stimmung gedrückt ist unter den SRF-Angestellten. «Es wird geflucht wie noch nie», sagt ein Mitarbeiter. Diverse Arbeitsgruppen sind eingesetzt worden, welche die organisatorischen Defizite im Newsroom besprechen. Chefin Nathalie Wappler geht derweil forsch voran. Nicht nur der Projektleiter für die Bauten verlässt das Unternehmen, auch der Bereichsleiter für Gestaltung und Marketing, Alex Hefter, geht. Das gab das Schweizer Fernsehen Ende November bekannt.

Seit dem Amtsantritt Wapplers im März 2019 haben ausserdem der Programmleiter, der Kulturchef, die Leiterin von SRF News und diverse Moderatoren den Sender verlassen. Wappler will das Schweizer Fernsehen ins digitale Zeitalter führen. Auf der Strecke bleiben dabei etablierte Fernsehformate – und Kaderangestellte, denen Wappler einen Beitrag zur digitalen Umwandlung nicht zutraut.