Wochenkommentar
Die Nationalbank muss rasch stabilisiert werden

Selten habe ich so viele Leserreaktionen erhalten wie in diesen Tagen zur Hildebrand-Affäre. Rund drei Viertel nahmen den gefallenen Nationalbankchef in Schutz, ähnlich wie in Leserbriefspalten und Onlineforen.

Christian Dorer
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Philipp Hildebrand hätte die Affäre überstehen können, hätte er nicht einen entscheidenden Fehler begangen. (Archiv)

Philipp Hildebrand hätte die Affäre überstehen können, hätte er nicht einen entscheidenden Fehler begangen. (Archiv)

Keystone

Ein Leser schrieb mir: «Das Wadenbeissertum wird unerträglich.» Ein anderer: «Ich bewundere alle, die sich für hohe Ämter zur Verfügung stellen, sie wissen nie, wann sie fertiggemacht werden.» Und ein Dritter: «Es schmerzt, wie die liberale Schweiz von Missgünstlingen zerfetzt wird.»

Ein entscheidender Fehler

Philipp Hildebrand hätte die Affäre überstehen können, hätte er nicht einen entscheidenden Fehler begangen: Er hat nicht von Anfang an alles offengelegt. Vor allem nicht das Mail seines Bankberaters, der am Tag nach dem fraglichen Dollar-Kauf schrieb: «Ich erinnere mich, dass du während unseres gestrigen Gesprächs sagtest, mit einer Erhöhung des Dollar-Anteils einverstanden zu sein, wenn Kashya dies wünsche.» Dieses Mail steht im Widerspruch zu Hildebrands Aussage, wonach seine Frau ohne sein Wissen gehandelt habe. Eine Lüge hingegen beweist es nicht. Oder ist es so abwegig, dass ein Berater nach einem Rüffel durch den wichtigsten Banker des Landes aus Selbstschutz ein solches Mail schreibt? Oder dass sich die beiden einfach missverstanden haben? Wir wissen es nicht. Und werden es wohl auch nie erfahren.

Drei Dinge hingegen wissen wir. Erstens: Die Schweiz verliert mit Hildebrand einen Ausnahmekönner. Zweitens: Hildebrand war zwar im höchsten Mass unsensibel, etwas Verbotenes kann man ihm bis dato nicht vorwerfen. Drittens: SVP-Exponenten und die «Weltwoche» haben Hildebrands Fall mit gestohlenen Bankdaten und zum Teil falschen Anschuldigungen entscheidend befördert.

Die az schrieb nach Hildebrands erstem Auftritt: «Gut möglich, dass er mit einem dunkelblauen Auge davonkommt und die Affäre übersteht - falls er restlos alles auf den Tisch gelegt hat. Denn nun verträgt es kein bisschen Vertuscheln und Verdrehen mehr.» Der Teufel mag ihn geritten haben, dass er damals das ominöse Mail verschwiegen hat. Es war der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.

Thomas Jordan wird kaum Risiken eingehen

Entscheidend für die Schweiz wird nun die Kontinuität in der Geldpolitik. Der «Sonntag» berichtete, die Nationalbank habe bereits im Dezember erwogen, die Euro-Untergrenze von 1.20 auf 1.30 Franken anzuheben - was Unternehmen Luft verschafft und Arbeitsplätze gesichert hätte. Die SNB habe aber wegen der sich anbahnenden Angriffe auf Hildebrand darauf verzichtet. Thomas Jordan wird nun als Interims-Präsident kaum Risiken eingehen und zu starken Massnahmen greifen.

Keine Institution trägt derzeit so viel Verantwortung für Konjunktur und Arbeitsplätze wie die SNB. Sie braucht eine starke Führung. Der Bundesrat muss deshalb rasch einen Präsidenten ernennen und das Direktorium komplettieren. Damit könnte es April oder Mai werden, liess er am Mittwoch verlauten. Das wäre definitiv zu lang.