Radioaktive Abfälle
Die Nagra wehrt sich gegen Kritik an Tiefenlager-Strategie

Die Nagra verteidigt sich gegen die Kritik des Geologen Walter Wildi, sie stelle bei der Entsorgung die Machbarkeit vor die Sicherheit. Die Nagra hält die Vorwürfe für haltlos

Doris Kleck
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Gestaltungsmodell einer Oberflächenanlage für hochaktive Abfälle (HAA)

Gestaltungsmodell einer Oberflächenanlage für hochaktive Abfälle (HAA)

Zur Verfügung gestellt

Geologieprofessor Walter Wildi hat im az-Interview schwere Vorwürfe gegen die Nagra erhoben. Wildi war im August aus dem Beirat Entsorgung ausgetreten, der die Suche nach einem Tiefenlager für radioaktive Abfälle begleitet. Wildis Hauptkritik: Es sei falsch, zunächst 20 mögliche Standorte für die Oberflächenanlagen zu bestimmen, bevor feststehe, wo das Tiefenlager hinkomme. Damit nehme man in Kauf, dass lange Tunnel gebaut werden müssen. «Das Vorgehen der Nagra ist falsch», so Wildi.

Sachplan gibt Verfahren vor

In den Augen von Nagra-Chef Thomas Ernst sind diese Vorwürfe haltlos. Er hält fest, dass das Vorgehen nicht die Nagra bestimmt, sondern im «Sachplan geologische Tiefenlager» vorgegeben ist. Der Bundesrat hatte diesem Sachplan im Frühling 2008 zugestimmt. In der Vernehmlassung zum Sachplan äusserte sich auch die KSA, Vorgängerorganisation der Kommission für nukleare Sicherheit, die damals von Walter Wildi geleitet wurde. «Auch die KSA hat dieses Vorgehen nicht kritisiert», sagte Ernst. Auch inhaltlich sei der Vorwurf nicht gerechtfertigt.

«Die Tiefenlager lassen sich von allen 20 Standorten sicher erschliessen.» Die Diskussion, ob ein vertikaler Schacht besser sei als eine Rampe, ist laut Ernst sicherheitstechnisch nicht relevant. In Frankreich, Schweden und Finnland, wo die Pläne für ein Tiefenlager weit fortgeschritten sind, sei ebenfalls eine Kombination aus Schacht und Rampe vorgesehen. Die Schweiz habe viel Erfahrung im Tunnelbau: So werde die Durchmesserlinie unter dem Hauptbahnhof Zürich direkt neben den Grundwasserleitern Limmat und Sihl gebaut. Der Vorwurf, der Nagra sei die Machbarkeit und die Akzeptanz der Oberflächenstandorte durch die Bevölkerung wichtiger als die Sicherheit, bestreitet Ernst vehement: «Wenn dem so wäre, hätten wir den Wellenberg und die Standorte nahe der Grenze zu Deutschland nicht für ein Tiefenlager vorgeschlagen.

«Heu nicht auf der gleichen Bühne»

Wildi ging auch mit der Nagra selbst hart ins Gericht: Die Nagra habe ihre Geologen und Hydrologen bei der Standortwahl für die Oberflächenanlagen nicht miteinbezogen, sie habe kein brauchbares Qualitätsmanagement und dem Leiter Technik und Wissenschaft spricht er die Fachkompetenz ab.

«Alles falsch», sagt Ernst. Natürlich seien Geologen und Hydrologen in die Suche nach den Standorten miteinbezogen worden – ein Prozess, der zwei bis drei Jahre gedauert hat. Das Qualitätsmanagement der Nagra sei isozertifiziert. Und der Leiter Technik und Wissenschaft sei ein renommierter Entsorgungsexperte, der immer wieder von internationalen Organisationen beigezogen werde. Allerdings sei bekannt, dass er und Wildi das Heu nicht auf der gleichen Bühne haben, sagt Ernst.

Offensichtlich ist das Verhältnis zwischen Wildi und Nagra zerrüttet. Weshalb, dazu will sich niemand richtig äussern. Ernst meint lediglich, Wildi habe sich schon in den 80er-Jahren kritisch zur Nagra geäussert. «Wildi hat eine tiefe Abneigung gegen die Kernenergiebranche. Und die Nagra ist Teil davon.»