Zunächst lief alles wie am Schnürchen: SP und CVP schmiedeten den Kompromiss zur Altersreform. GLP, BDP, Grüne und die Lega dei Ticinesi verhalfen zu einem äusserst knappen Sieg im Parlament. Trotzdem ergriffen linke Kreise das Referendum gegen die Reform. Doch die SP wie auch die Gewerkschaften schlossen ihre Reihen schnell: In der Urabstimmung der SP stimmte die Basis mit 90,6 Prozent der Vorlage zu. Auch die grossen Gewerkschaften sagten klar Ja. Das Signal war unmissverständlich: Wir stehen hinter dieser Reform.

Sechs Wochen vor der Abstimmung zeigt sich ein differenzierteres Bild. Gut 30 Prozent der SP-Basis lehnen die Vorlage ab, wie eine Umfrage des «Tages-Anzeigers» ergibt. Allgemein überwiegen die Skeptiker sogar: 54 Prozent aller Befragten lehnen die Vorlage ab.

Für die Befürworter ist das ein Dämpfer, ging man davon aus, dass die Bevölkerung mehrheitlich positiv gestimmt ist. «Das Ergebnis der Umfrage überrascht», sagt CVP-Kampagnenleiterin Laura Curau. Sie gibt sich aber unbeeindruckt: «Ich schätze die Stimmung anders ein. Auch meine Quellen melden mir: Ein Ja ist machbar.»

«Keine Wunschvorlage»

Die Befürworter seien überzeugt, dass heutige und künftige Renten nur mit der Vorlage zu sichern seien, sagt Curau weiter. Tatsächlich will auch die SP «die Renten sichern». Allerdings erklärte Sprecher Michael Sorg dem «Tages-Anzeiger», dass es sich um «keine Wunschreform» handelt. Nur seien die Alternativen wie Rentenalter 67 eben noch weniger wünschenswert.

Ähnlich argumentieren die SP-Nationalrätinnen Bea Heim (SO) und Yvonne Feri (AG). Sie habe mehr von der Reform erwartet, sagt Heim. Den Bürgern müsse man erklären, was die Alternativen sind. Neben der Erhöhung des Rentenalters nennt sie das Rauskippen des Mischindexes, wodurch die Renten gekürzt würden. Feri ist der Meinung, dass unter dem Strich ein «guter Kompromiss» mit «wichtigen Verbesserungen» entstanden sei. Und vor allem: «Wir konnten Schlimmeres verhindern.» Doch Feri sagt eben auch: «Wir sind im Parlament mit fast allen Forderungen unterlegen. Insofern ist die Altersreform nicht ‹unsere› Vorlage.»

Doris Bianchi, Leiterin Sozialpolitik beim Gewerkschaftsbund, spricht ebenfalls von «keiner Wunschreform»: «Gewisse Aspekte der Vorlage beurteilen wir aber als derart positiv, dass sie die negativen Punkte überwiegen.» So sei es besser, jetzt Ja zu sagen, als eine ungewisse Quittung abzuwarten.

Frauenrentenalter 64 unhaltbar

Nun liegt es zwar in der Natur eines Kompromisses, dass jede Partei nicht alle Aspekte für unterstützenswert hält. Doch lassen sich die Wähler mit einer eher halbherzigen Argumentation von einem Ja noch überzeugen?

Zwar gingen die Linken immer von einem knappen Ergebnis aus, wie die befragten Parlamentarierinnen angeben. Dass die Basis nun aber kritischer eingestellt sei, als die Urabstimmung vermuten liess, rüttele wach, sagt die St. Galler Nationalrätin Barbara Gysi. Immerhin bleibe noch Zeit, die eigenen Reihen zu überzeugen. «Ein Nein wäre ein schlimmes Ergebnis, verlieren darum eigentlich verboten.» Sie zweifelt im Gegensatz zu den Kolleginnen nicht daran, das Bestmögliche erreicht zu haben: «Wir müssen realistisch sein: Das Frauenrentenalter können wir auch in künftigen Revisionen nicht halten.»

Informationen dringend nötig

Den Gegnern bleibt wenig Zeit, sich über das positive Umfrageergebnis zu freuen. Nächste Woche rollen die grossen Kampagnen an. Mit Plakaten, Flyern und über die Social-Media-Kanäle soll die Bevölkerung überzeugt werden. Fakten seien wichtig, sind sich alle einig. Denn der Informationsstand ist relativ klein. Das zeigt sich etwa daran, dass gemäss der Umfrage die Mehrheit die Reform zwar ablehnt, der Finanzierung über höhere Mehrwertsteuern jedoch zustimmt.