Zeitgeschichte

Die Mission eines Kalten Kriegers

Die Schweiz im Fadenkreuz der DDR? Autor Erwin Bischof will es seinen Lesern vorgaukeln.Montage Stalder

Die Schweiz im Fadenkreuz der DDR? Autor Erwin Bischof will es seinen Lesern vorgaukeln.Montage Stalder

Der frühere FDP-Politiker Erwin Bischof ist überzeugt, dass die Schweiz von Stasi-Spitzeln unterwandert war.

Die Kalten Krieger schlagen zurück. Durch die Fichenaffäre diskreditiert, fordern sie ihren gerechten Platz in der Geschichte ein. An vorderster Front kämpft Erwin Bischof, Ex-Berner FDP-Grossrat und ehemaliger Redaktor der rechtsbürgerlichen Plattform «Trumpf Buur». Die Mission des promovierten Historikers und früheren Diplomaten: Kommunistische Seilschaften enttarnen.

Bischof, der mit dem Buch «Honeckers Handschlag» 2010 für Schlagzeilen sorgte, legt mit «Verräter und Versager: Wie Stasi-Spione im Kalten Krieg die Schweiz unterwanderten» sein zweites DDR-Schwarzbuch vor.

Auf 256 Seiten versucht er anhand von einem Dutzend Spionagefällen zu belegen, «wie stark die Freiheit und Unabhängigkeit der Schweiz durch den internationalen Kommunismus und seine Untergrundtätigkeit bedroht war».

Bischof denunziert nicht nur die Umtriebe des ostdeutschen Geheimdienstes in der Schweiz, sondern nimmt auch Journalisten, Professoren, Studenten, Schriftsteller und politische Aktivisten aufs Korn, die sich in linken Kreisen bewegten und dabei unbewusst mit Stasi-Leuten, die auf sie angesetzt worden waren, in Kontakt kamen.

Ideologische Geschichtsschreibung

Bischof ist überzeugt, dass die Schweiz durch die «Unterwanderung» von Stasi-Spitzeln einer grossen Gefahr ausgesetzt war. Ihm gelingt es jedoch nicht, diese These in einer stringenten Argumentationskette zu belegen.

Die handwerklichen Mängel fallen ins Auge: Nicht nur fehlt es dem Autor an einer ideologiefreien Herangehensweise, sondern auch am erkennbaren Streben nach wissenschaftlichem Erkenntnisgewinn.

Die Auswahl der Spionagefälle erscheint zufällig, eine Begründung dafür liefert der Autor nicht. Eine kritische Hinterfragung nach der tatsächlichen Bedeutung der von den Spionen an die DDR gelieferten Informationen bleibt er dem Leser schuldig. Dass sich die renommierte Freie Universität Berlin nun schon zum zweiten Mal auf eine Zusammenarbeit mit Bischof einliess, überrascht angesichts dieser Schwächen.

Das Ehepaar Gisela und Hans-Günter Wolf, das 1975 wegen verbotenem Nachrichtendienst zu einer mehrjährigen Zuchthausstrafe verurteilt wurde, und M. B. alias Mario, der mit der Auskundschaftung von Infrastrukturanlagen der Wasser- und Elektrizitätsversorgung beauftragt wurde, sind zwar spektakuläre Spionagefälle, genügen aber nicht als Beleg für Bischofs These, dass von der Ost-Spionage eine unmittelbare Bedrohung für die Schweiz ausging.

Auch die Bespitzelung von Intellektuellen ist unter dem Aspekt einer militärischen Bedrohung eher nebensächlich. Dass ein grosser Teil der Informationen, die an die DDR weitergeleitet wurde, öffentlich zugänglich war, unterschlägt Bischof ebenso wie den Umstand, dass die Schweiz für die DDR nicht ein primäres militärisches Angriffsziel war.

Das neutrale Land diente der DDR hingegen als Umschlagplatz für Embargogüter, für konspirative Treffen, als Operations- und Auskundschaftsbasis für die Ausspionierung des Klassenfeindes, aber auch als möglicher nachrichtendienstlicher Rückzugsort für operative Tätigkeiten gegen den Hauptgegner Nato im Kriegsfall, wie Peter Veleff in seinem Buch «Spionageziel Schweiz?» dargelegt hat.

Diese Fakten ignoriert Bischof und versucht stattdessen, in reisserischen Worten eine reale Gefahr zu konstruieren: Die Schweiz sei im «Fadenkreuz der Ostspionage» gestanden und von einer «geballten Kraft zahlreicher Nachrichtendienste» bedroht worden.

Schützenhilfe bekommt er von alt Bundesrat und Parteifreund Rudolf Friedrich, der im Vorwort mit den inneren Feinden der Schweiz, die der «kommunistischen Ideologie nahestanden», abrechnet und die Bespitzelung Tausender unbescholtener Bürger durch die Bundespolizei (Fichenaffäre) als notwendiges Übel im Kampf gegen den Kommunismus zu rechtfertigen versucht.

Kampf um Deutungshoheit

Über zwanzig Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs scheint der Kampf um die Deutungshoheit der Rolle der Schweiz während des Kalten Krieges vollends entbrannt zu sein. Bischofs Verdienst liegt darin, dass er mit seinen Publikationen die Aufmerksamkeit auf die vielfältigen Beziehungen der Schweiz und der DDR gelenkt hat, die einer gründlichen Aufarbeitung harren.

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