Im Fokus stehen nach dem Anschlag in Paris die Islamisten, die nach Syrien reisen, weniger die über drei Millionen Flüchtlinge der Syrienkrise. Wie haben Sie auf den Anschlag reagiert?

Susin Park: Persönlich war ich sehr betroffen. Und leider sind viel zu viele solche und ähnliche Gräueltaten auch der Grund, dass es immer mehr Flüchtlinge gibt. Im Moment zählen wir so viele Flüchtlinge wie zuletzt nach dem Zweiten Weltkrieg. Ende 2013 waren es über 51 Millionen Flüchtlinge. Im ersten Halbjahr 2014 kamen nochmals mindestens 5,5 Millionen Vertriebene dazu.

Islamkritische Stimmen werden auch in der Schweiz lauter. SVP-Nationalrat Walter Wobmann (SO) hat gefordert, dass die Schweiz Muslimen kein Asyl mehr gewähren soll. Was sagen Sie dazu?

Es handelt sich um einzelne Extremisten, die solche Taten begehen. Und es sind wohl die Muslime selber, die am meisten unter solchen Taten leiden, sei es in Syrien, im Irak oder sonst in der muslimischen Welt. Es ist in diesem Zusammenhang sehr wichtig, dass nicht die ganze Religionsgemeinschaft verurteilt und abgestraft wird, nur weil Dschihadisten eine solch schlimme Tat begangen haben. Wir dürfen die vielen unschuldigen muslimischen Flüchtlinge nicht doppelt bestrafen.

Wie will das UNHCR der erstarkenden Islamophobie entgegentreten?

Indem wir auf das Nicht-Diskriminierungsgebot hinweisen. Alle Flüchtlinge, gleich welcher Religionszugehörigkeit, sollten gleich behandelt werden. Wenn dieser Grundsatz nicht beachtet wird, kann das auch sehr negative Auswirkungen und Konfliktpotenzial haben. Stellen Sie sich nur mal vor, bei einer Resettlementoperation, bei der die schutzbedürftigsten Flüchtlinge von einem Erstaufnahmestaat in einen sicheren Staat gebracht werden, würde eine Religionszugehörigkeitsschranke eingebaut – das würde auf absolutes Unverständnis stossen.

Auf dem führerlosen Flüchtlingsschiff waren es wohl nicht die Schutzbedürftigsten. Bis zu 8000 Dollar konnten sie ja zahlen . . .

Da würde ich Ihnen widersprechen. Es waren grösstenteils Syrer, die auf diesem Schiff waren. Und dass Syrer nicht schutzbedürftig sind, kann man wohl kaum behaupten. Dass es Personen gibt, die sich auf führerlosen Schiffen übers Mittelmeer fahren lassen, zeigt im Gegenteil, wie gross die Verzweiflung ist und dass es kaum noch legale Reisewege gibt. Flüchtlinge sind gezwungen, auf illegalen und gefährlichen Wegen nach Europa zu kommen. Das machen sich die Schlepper zunutze und verlangen horrende Preise. Wer dieses Angebot in Anspruch nimmt, zahlt es aber meist nicht aus der eigenen Tasche. Es wird zusammengespart.

Bezüglich eines Migrationssystems hat der Entwicklungsökonom Sir Paul Collier eine Lotterie-Lösung vorgeschlagen, ähnlich dem US-Greencard-System. Was halten Sie davon?

Das Greencard-System der USA ist für die Migration gedacht. Aber wir müssen klar unterscheiden zwischen Flucht und Migration. Migration kann ein Staat nach seinen Bedürfnissen steuern. Bei Vertriebenen steht das Schutzbedürfnis im Vordergrund; es gibt eine Verpflichtung, Flüchtlinge aufzunehmen und nicht in die Gefahr zurückzuschicken. Aber natürlich fänden wir es gut, wenn es – wie vorgeschlagen – mehr legale Möglichkeiten für Flüchtlinge gäbe. Das sogenannte Resettlement ist global gesehen für einige wenige Flüchtlinge vorgesehen – die besonders gefährdet sind. Wir bräuchten viel mehr Plätze. Auch die Familienzusammenführung passiert viel zu häufig auf irregulärem Wege.

Haben Sie einen Vorschlag für einen legalen Weg?

Eine Möglichkeit wären Studentenvisa und Stipendien. Viele junge Syrer mussten ihr Studium wegen des Kriegs abbrechen. Wir müssen schauen, dass dieses Potenzial nicht verloren geht.

Europa hat vier Prozent aller syrischen Flüchtlingen Zuflucht verschafft. Braucht es eine offenere Flüchtlingspolitik?

Die meisten bleiben in den Nachbarstaaten. Darum appellieren wir für mehr Solidarität mit den Ländern und haben alle Staaten angefragt, mehr Flüchtlinge aufzunehmen. Für 2015 und 2016 sollen 100 000 Plätze zur Verfügung gestellt werden. Ziel ist es, dass zehn Prozent der syrischen Flüchtlinge in Drittstaaten Europas untergebracht werden können. Neben dem Resettlement steht die humanitäre Aufnahme – wie sie Deutschland und Österreich kennen – im Vordergrund. Erleichterte und erweiterte Familienzusammenführungen sind auch wichtig. Wir dürfen nicht zulassen, dass sich Menschen auf gefährliche Wege begeben, nur um wieder mit ihren Familien zusammen sein zu können. In der Schweiz ist dies für viele Syrier allerdings schwierig, weil sie nur «vorläufig aufgenommen» werden – also keinen Schutzstatus oder keine Aufenthaltsbewilligung erhalten. Zusammenführungen sind für sie zumeist nicht möglich. Aus unserer Sicht handelt es sich bei der Mehrheit der Syrer um Flüchtlinge, die Asyl erhalten sollten.

Ihnen geht also der Status der «vorläufigen Aufnahme» zu wenig weit. Wie wollen Sie daran etwas ändern?

Über Sensibilisierung. In der Öffentlichkeit werden Syrer als Flüchtlinge bezeichnet. Aber sie bekommen Negativ-Entscheide und Wegweisungsverfügungen. Die Schweiz – und Liechtenstein – sind die einzigen Länder in Europa, die die «vorläufige Aufnahme» kennen. In den Niederlanden – das Modell der Schweiz bezüglich des Asylsystems – erhalten Syrer schon länger einen Schutzstatus und bekommen die gleichen Rechte wie Flüchtlinge. In 28 Ländern Europas sollen Kriegs- und Gewaltvertriebene mehr oder weniger ähnliche Rechte erhalten wie Flüchtlinge.

Die Schweiz muss also nachbessern.

Wir fänden dies gut und wichtig. Kriegs- und Gewaltvertriebene – wie etwa die Syrer oder Eritreer – haben die gleichen Bedürfnisse wie Flüchtlinge, und zumeist für eine ähnliche Dauer wegen lang andauernder Konflikte.

Der Bundesrat will über eine Neuzuweisung und Erhöhung der Mittel für Syrien nachdenken. Worauf soll er sich konzentrieren?

Es ist begrüssenswert, dass der Bund verschiedene Optionen prüft. Es braucht noch viel mehr Möglichkeiten, syrische Flüchtlinge in Drittstaaten aufzunehmen – die Nachbarstaaten sind völlig überlastet und viele Flüchtlinge bleiben gefährdet. Und wir sind um jede Unterstützung für die Hilfe vor Ort froh. Unsere Operationen sind unterfinanziert. In Syrien fehlt es uns an der Hälfte der Gelder, damit wir nur schon die minimalsten Bedürfnisse der Vertriebenen decken können. Das sind Öfen, Decken, Matratzen oder Zelte.

Was ist die Kapazität der Schweiz?

Flüchtlinge gibt es leider nicht entsprechend Kapazitäten von Ländern, sondern, weil sie zur Flucht gezwungen werden. Der Libanon konnte keine Kapazität festlegen, sondern hat entsprechend den Bedürfnissen seine Grenzen offen gehalten. Flüchtlingskrisen müssen global gelöst werden. Wir alle tragen Verantwortung gegenüber den Schutzbedürftigsten.