Weihnachten
Die Mär von der Entchristlichung: Die Weihnachtstradition lebt!

An Schulen dürfe man keine Weihnachtslieder mehr singen, das Christentum verschwinde aus unserer Gesellschaft, es gehe nur noch um den Konsum. Seit langem hören wir diese Klage. Aber stimmt sie auch?

Rebecca Wyss und Patrik Müller
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Christliche Rituale halten sich hartnäckig: So wie hier in der katholischen Stadtkirche Baden finden landauf, landab Schulweihnachtsfeiern und Krippenspiele statt.

Christliche Rituale halten sich hartnäckig: So wie hier in der katholischen Stadtkirche Baden finden landauf, landab Schulweihnachtsfeiern und Krippenspiele statt.

Luis Hartl

Stadtkirche Baden am vergangenen Montagabend. Die Schule Tannegg lädt zum Weihnachtssingen, und wer sich umschaut, sieht nur noch rotbackige Gesichter. Die 800 Sitzplätze reichen nicht: «Die Kirche ist zu klein geworden», entschuldigt sich der Schulleiter bei der Begrüssung bei denjenigen Besuchern, die stehen müssen. Die Kinder singen und musizieren, tragen Weihnachtsgedichte vor.

Dabei lesen wir doch Jahr für Jahr: Weihnachten wird aus der Schule verdrängt. Politiker empören sich, weil sie fürchten, dass aus Rücksicht auf Muslime keine Weihnachtslieder mehr gesungen werden dürfen. Der Lehrplan 21, so wurde kritisiert, verbanne alles, was mit der christlich-abendländischen Kultur zu tun habe, aus den Schulen. Kirchenvertreter stimmen gern das Klagelied von der «Entchristlichung» an.

Kurt Koch etwa, der frühere Bischof von Basel und heutige Kardinal, sagte 2010 in der «Schweiz am Sonntag», Religion werde aus unserer Gesellschaft «abgedrängt», die Schweiz verstehe sich «nicht mehr als ein besonders christliches Land». 2005 warnte Papst Benedikt XVI. vor einer «Verschmutzung» des Weihnachtsfestes durch zu viel Konsum.

Gewiss, es ist auch ein Fest des Konsums. Aber nicht nur. So wie in Baden werden dieser Tage im ganzen Land Krippenspiele und Weihnachtsfeiern aufgeführt. Paul Burkhards «Zäller Wiehnacht», 1960 im kleinen Dorf Zell bei Winterthur uraufgeführt, ist heute beliebter denn je.

Kaum ein Kind, das den Evergreeen «Das isch dä Schtärn vo Bethlehem» nicht zumindest mitsummen kann. Auch der Kinderhit-Produzent Andrew Bond hat den Boom bemerkt und das Krippenspiel «De Himmel chunnt uf d Erde» komponiert. Es wird diesen Heiligabend in Aarau in der reformierten Stadtkirche aufgeführt – und vom Schweizer Fernsehen SRF 1 live übertragen.

Jeder Dritte betet regelmässig

Zwar haben die Landeskirchen seit Jahren mit Mitgliederschwund zu kämpfen; zuletzt hat sich dieser aber zumindest bei den Katholiken abgeschwächt, dank der Zuwanderung aus Südeuropa und der Popularität von Papst Franziskus. Wenn die Landeskirchen schrumpfen, heisst das aber nicht, dass Christentum und Religiosität aus unserer Gesellschaft verschwinden.

Eine Studie des Bundesamts für Statistik zeigt, dass noch immer jeder Zweite an einen Gott glaubt. Und jeder Dritte regelmässig betet. Religionssoziologe Rafael Walthert von der Universität Zürich wundert das nicht: Das Christentum spiele in unserer Gesellschaft eine Rolle, aber eine andere als früher. «Die Menschen beteiligen sich heute punktuell an christlichen Bräuchen.»

Einst stand die Zugehörigkeit zur Kirche nicht zur Diskussion. Man wurde in eine Konfessionsgemeinschaft mit fixen Feiertagen und Kirchgängen hineingeboren. Heute bastelt man sich die eigene religiöse Überzeugung mit Bräuchen und Praktiken selbst zusammen. Alles ist möglich: Sich morgens zur buddhistischen Meditation aufs Kissen setzen, abends vor dem Zubettgehen die Hände zum christlichen Gebet falten und sonst allerlei Engel verehren.

Es gibt die Vorstellung: Religion bedeutet, dass die Menschen einer bestimmten religiösen Disziplin mit Kirchengängen und sonstigen Ritualen konsequent folgen und über die jeweilige Lehre Bescheid wissen. Walthert hält das für einen Irrtum. «Schon im Mittelalter verfügten die wenigsten über vertiefte Kenntnisse des christlichen Glaubens.» Damals sei es hauptsächlich um die Rituale gegangen.

Das ist auch heute noch so. Die Weihnachtsfeiern in den Schweizer Haushalten verlaufen in vielen Familien nach demselben Drehbuch: Zuerst gibts Fondue chinoise, dann werden die Christbaumkerzen angezündet, dann stimmt man «Stille Nacht» an und es folgt die Bescherung.

Die Gesellschaft vereinzelt – das Gemeinschafts-Bedürfnis bleibt

Der Grossteil der Bevölkerung entscheidet sich also jedes Jahr von neuem dafür, den Brauch so zu feiern wie vergangene Generationen: Das Fest, das uns so viel Stress beschert – weil wir vorher auf Geschenke-Jagd gehen, ein Mehr-Gänge-Menü kochen und im Job noch letzte Aufträge abschliessen müssen. Das Fest, das so viel Konfliktpotenzial birgt – weil wir vielleicht der nörgelnden Schwiegermutter gegenübersitzen müssen oder dem Bruder, der die Frage aufwirft, warum die 30-jährige Schwester trotz der Drei auf dem Rücken noch immer Single und kinderlos ist. All das nehmen wir in Kauf; der Brauch ist wichtiger. Wieso eigentlich?

Gerade weil Weihnachten ein Familienfest ist. Das sagt Konrad Kuhn, der aus der Schweiz stammende Kulturwissenschafter an der Universität Innsbruck: «In der Familie fühlen sich viele trotz aller Spannungen aufgehoben.» Und das in einer Gesellschaft voller Individuen, die in der Anonymität der Städte und Agglomerationen leben, die keinen Partner oder keine Partnerin haben und immer öfter in einem Einzelhaushalt leben, der heute meistverbreiteten Wohnform.

«Das Bedürfnis bleibt, zu einer Gemeinschaft dazuzugehören, in dieser einen Platz zu haben», sagt Kuhn. «Weihnachten wird gesellschaftlich immer wichtiger.» Der Familien-Begriff indes hat sich geändert, oder besser gesagt: ist zu seinem Ursprung zurückgekehrt. Man kommt weg vom bürgerlichen Ideal des Kleinfamilienfestes. Die Familien werden zusammengewürfelter, gefeiert wird in den wildesten Patchworkkonstellationen.

Auch das hat Tradition, eine christliche sogar. «Die Geburt Jesu ist eigentlich kein richtiger Familienanlass», sagt der Theologe und Kulturwissenschafter Rolf Bossart. Im Zentrum der christlichen Weihnachtsgeschichte steht eine aussereheliche Empfängnis, ein deshalb ungewolltes Kind mit einem Vater, der sich extrem schwertut, dieses anzuerkennen. Und dann stehen plötzlich auch noch diese völlig fremden Weisen und die ausgestossenen Hirten im Stall von Bethlehem, um das Kind mit den Eltern zu feiern.

Das Ritual am 24. und 25. Dezember reicht längst nicht mehr. Weihnachtsmärkte öffnen mancherorts schon Ende November. Die Märkte boomen. Ursprünglich reisten die Schweizer dafür nach Nürnberg oder Hamburg. Zwar kannte man die Märkte auch bei uns schon da und dort, etwa in Bremgarten AG, dem grössten Weihnachtsmarkt der Schweiz. Doch mittlerweile gibt es kaum eine Stadt, in der kein Budendorf mit Glühwein, Punsch und Streetfood steht.

Der Kapitalismus profitiert

Solche Weihnachtsmärkte sowie der alljährliche Geschenke-Hype sind Teil der Konsummaschinerie. Aber deshalb gleich von einer «Verschmutzung» des christlichen Festes zu sprechen, das hält der Theologe Rolf Bossart für falsch. «Der Kapitalismus wäre alleine nicht fähig, den Geschenke-Brauch so zu etablieren.» Der Kapitalismus profitiere bloss von unserem Bedürfnis nach Versöhnung und auch vom schlechten Gewissen.

Dieses rührt laut Bossart vom christlichen Gedanken der Solidarität und vom Wunsch, Gutes zu tun. «Das ist alles tief in der Gesellschaft verankert.» Die Menschen hielten auch deshalb an Weihnachten fest: «Sie brauchen einen fixen Anlass, an dem sie ihrer Pflicht nachkommen, ihre Schuld begleichen können.»