Fast zwei Jahre sind vergangen, seit wir den Freizeitpark der Zirkusdynastie um den verstorbenen Konrad «Conny» Gasser in Lipperswil besucht haben. Der Anlass damals war ein trauriger: Der Park schlummerte bereits in Winterruhe. Innert einer Woche waren die beiden Delfine Shadow (8) und Chelmers (30) verendet.

Vor dem Aquarium, in dem die übrigen Delfine Chicky mit ihren beiden Söhnen Angel und Secret überwintern sollten, patrouillierte ein bewaffneter Sicherheitsmann. Ein erschütterter Geschäftsführer Erich Brandenberger stand den Journalisten Red und Antwort und reichte erhaltene Drohmails herum: Die Tiere seien vergiftet worden – von militanten Tierschützern und Delfinarien-Gegnern. Womöglich stecke sogar ein ehemaliger Park-Angestellter dahinter, so seine Version.

Die Delfine wären wegen des Stresses zugrunde gegangen, zurückzuführen auf die Haltung in Gefangenschaft. Der Lärm einer Technoparty, die Tage zuvor auf dem Gelände des Freizeitparks gestiegen war, hätte zusätzlichen Stress und damit den Tod verursacht, behaupteten Tierschützer auf der anderen Seite.

Todesursache: Antibiotika

Die Staatsanwaltschaft ermittelte und befand nach veterinären Untersuchungen: Beide Delfine starben an einer Überdosis Antibiotika. Diesen Sommer hat die Staatsanwaltschaft die Strafuntersuchung gegen zwei Tierärzte abgeschlossen. Einer der beiden wurde mit 4000 Franken gebüsst.

Tropisches Ambiente soll die erst 2003 eröffnete Delfinlagune verströmen. Stattdessen herrscht an diesem grauen Herbsttag, zwei Jahre nach dem dramatischen Tod der Delfine, Tristesse. Denn nun gilt es, von den verbliebenen drei Delfinen Abschied zu nehmen. Morgen Sonntag ist Saisonschluss im Connyland. Und damit geht eine Ära zu Ende: jene der Delfine in der Schweiz.

Die letzte Vorstellung

Ein bissiger Wind zieht über das Gelände mit Karussells, Putschautos und Achterbahn mit dem Namen «Cobra». Laut kreischende Kinder verbreiten trotzdem Chilbi-Stimmung. Es sind Herbstferien, die Zuschauer haben sich dicht gedrängt ans Delfin-Becken gesetzt, um eine der letzten Shows zu sehen. Noch ist das Wasser dank des Austauschs mit dem beheizten Indoor-Pool mit 16 Grad Celsius warm genug für die Meeressäuger. Erst wenn die Temperatur unter die 14-Grad-Marke falle, sei Schluss, erklärt Erich Brandenberger am Beckenrand.

Sein Zorn von einst ist der Wehmut gewichen. Der Ärger aber bleibt. Ein Interview, das die «Nordwestschweiz» vor Ort führte, hat Brandenberger wieder zurückgezogen, nachdem klar wurde, dass der Tod der Delfine vor zwei Jahren in dieser Reportage angesprochen würde. Man habe sich darauf verlassen, dass nicht wieder «im Dreck von damals herumgewühlt» würde, so Brandenbergers Worte.

Lex-Connyland als Resultat

Die beiden Todesfälle von damals aber hatten neben den rechtlichen politische Folgen: Das Parlament stimmte im Mai letzten Jahres einer Motion zu, welche den Import von Delfinen und Walen in die Schweiz verbietet. Allen war klar: Es war eine «Lex Connyland». Die Tierschützer hatten gewonnen, die Betreiber des letzten Delfinariums der Schweiz verloren. Denn das Importverbot kam für den Freizeitpark in Lipperswil einem Halteverbot gleich, drohte doch mit dem Heranwachsen des 7-jährigen Angel Ungemach in der dreiköpfigen Delfinfamilie.

Angel sei zwar noch nicht geschlechtsreif, zeige aber bereits sexuelles Verhalten, heisst es. Weil Biologen nicht genau vorhersagen können, wann Angel geschlechtsreif werden wird, droht Inzest in der Lagune.

Mit ihrem Entscheid, im Ausland nach einem neuen Platz für die drei Delfine zu suchen, fällten die Park-Betreiber einen schmerzlichen Entscheid. Er bedeutete das vorzeitige Aus fürs Delfinarium. Zwar sieht sich das Connyland in Zukunft sowieso als Vergnügungspark ohne Tiere. Doch den Zeitpunkt der Umstellung hätten die Betreiber lieber selber bestimmt.

Natürliches Verhalten simulieren

Das Aus fürs Delfinarium beschert dem Freizeitpark noch einmal volle Kassen. Gerade während der Herbstferien nutzen viele Besucher die Gelegenheit, die Delfine ein letztes Mal zu sehen. So auch Familie Frommenwiler aus Geroldswil, die an der Lagune gespannt auf die Lieblingstiere ihrer Tochter Lisa wartet. Und die gebotene Show hält, was sie verspricht. Nadja Gasser, Tochter des Parkgründers Conny Gasser, lässt die Delfine mit zwei weiteren Tiertrainerinnen Kunststücke vollführen.

Dabei schwimmen diese mit rasender Geschwindigkeit durchs Becken, vollführen meterhohe Sprünge, schieben mit ihren Schnauzen sogar eine der Trainerinnen durchs Wasser und lassen sie meterhoch durch die Luft fliegen. Dazu stimmige Musik sowie Wissenswertes zu den Tieren und ihrem Verhalten in der freien Wildbahn. Alle Übungen sollen das natürliche Verhalten simulieren, wird dem Publikum mitgeteilt.

Keint Wort zum neuen Heim

Zum Schluss der Vorstellung heisst es: «Chicky, Secret und Angel sind in der Schweiz leider nicht mehr erwünscht.» Deshalb – so die Durchsage – könne man die Delfine dieser Tage letztmals sehen. Weshalb die Delfine überhaupt wegmüssen, ist manchen Zuschauern nicht auf Anhieb klar. «Ob es die Delfine an ihrem neuen Ort aber besser haben werden?», fragt Franziska Frommenwiler rhetorisch. Aus Angst vor angekündigten Störaktionen militanter Tierschützer hüllen sich die Connyland-Betreiber in Sachen Bestimmungsort und Zügeltermin in Schweigen.

Letzte Tage, ehe die Delfine in ihr neues Zuhause gebracht werden. Dabei gilt es nicht nur, von den Delfinen Abschied zu nehmen, sondern auch von Nadja Gasser und einer zweiten Tiertrainerin, die mit den Delfinen das Connyland verlassen. Nadja Gasser tut sich sichtlich schwer damit. «Ich muss die eine Hälfte der Familie, die Seelöwen, verlassen», erklärt die preisgekrönte Zirkusartistin.

Doch die Delfine sind Gassers Leben. Mit einer Kuschelsequenz verabschiedet sie sich mit ihren Lieblingen vom Publikum in Richtung Winterhalle. Die drei Tiere lassen es sich nicht nehmen, das Publikum vorher nass zu duschen.

Im Connyland wird bald der letzte Delfin zu einem meterhohen Sprung angesetzt haben. Laut johlen dafür die Kinder, als sie über die «Cobra» krachen.