Tag der offenen Moschee
«Die Leute haben viel mehr Angst vor Muslimen»

Im Rahmen des schweizweiten «Tag der offenen Moschee» lud auch der Türkische Moscheeverein Uster und Umgebung die Bevölkerung am Wochenende ins Gotteshaus ein.

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Moschee Uster

Moschee Uster

Limmattaler Zeitung

Judith Hochstrasser

Die Ustermer Moschee: Ein unscheinbares Haus, direkt an den Bahngleisen. So gar nichts deutet darauf hin, dass sich an diesem etwas trostlosen Platz eine Religionsgemeinschaft regelmässig trifft. Und doch, betritt man das Gebäude, so lässt das grosse, ziemlich volle Schuhregal im ersten Stock einen etwas ungewöhnlichen Mieter erahnen.

Stadtpräsident zu Besuch

Ganz im Gegensatz zum letzten Jahr, als sich am «Tag der offenen Tür» gerade mal zwei Personen für die Diyanet Moschee interessiert hatten, stiess die Aktion diesmal auf reges Interesse. Gegen 50 Leute besuchten die Moschee in Uster. Stadtpräsident Martin Bornhauser, Stadträtin Barbara Thalmann und die Ustermer Kantonsrätin Ornella Ferro gaben sich die Klinke in die Hand.

«Ich habe gar nicht gewusst, dass es in Uster ein Moschee gibt. Als ich vom ‹Tag der offenen Tür› in der Moschee Uster gehört habe, war ich überrascht. Und dann wurde ich neugierig. Eine Moschee quasi vor der eigenen Haustür, das hat mich interessiert», begründete Ferro ihren Besuch. «Das Ambiente hier gefällt mir. Ich wurde offen und sehr herzlich empfangen. Alle Fragen, die ich gestellt habe, wurden beantwortet», so die Kantonsrätin zu ihren Eindrücken.

Fatih Dursun, der durch den Anlass führte, forderte alle Gäste erst einmal dazu auf, sich auf den mit einem hellblauen Teppich ausgelegten Boden zu setzen und sich wohlzufühlen. «Bevor ein Muslim mit dem Gebet beginnt, vollzieht er eine rituelle Waschung der Hände und des Gesichts. Danach reinigt er im Gebet sein Herz», so Dursun zur muslimischen Zwiesprache mit Gott, oder eben mit Allah. Doch obwohl der Gebetsraum das Zentrum der Moschee sei, gebe es meistens auch angeschlossen Gemeinschafts- und Unterrichtsräume. So werde in der Moschee auch gekocht und unterrichtet. Das Gemeinschaftsleben sei sehr wichtig. «Hier werden Geburten und Hochzeiten gefeiert, und natürlich wird auch von den Toten Abschied genommen. Wir feiern und trauern gemeinsam. So wie Sie es von der Kirche kennen», beschrieb Dursun die Funktion der Moschee im Alltag der Muslime.

Dursun und der Imam Ridvan Sarimert beantworteten alle Fragen geduldig. Ein Pfarrer aus dem Unterengadin, gerade in Uster zu Besuch, zeigte sich von der Spiritualität der Muslime beeindruckt. Aber: «Im Koran kommen militante Worte wie Krieg und Kampf vor. Gibt es kritische Instanzen im Islam, die solche Koranverse ablehnen?» Natürlich gebe es verschiedene Auslegungen jedes Koranverses, und darüber werde in der muslimischen Welt intensiv diskutiert. Der Vers als solcher würde nicht abgelehnt oder anders übersetzt, erklärte der Imam. «Es gibt aber keinen Mord im Namen der Religion. Zwischen dem Menschen und Allah steht keine Instanz. Im Islam wird an den gesunden Menschenverstand jedes Einzelnen appelliert», so Sarimert.

Kein dunkler Verschwörungsort

Bei Börek, Pogaca und türkischem Schwarztee wurden dann auch persönlichere Erfahrungen ausgetauscht. So erzählte ein Besucher, dass er nach dem «Tag der offenen Moschee» nicht den Eindruck habe, hinter die Kulissen sehen zu können: «Wir sehen hier quasi den Sonntag, nicht den Alltag. Was der Imam während den Predigten erzählt, wissen wir ja nicht.»

Oder Ikbar Özcan, deren Mann Ali Özcan sich im Moscheevorstand engagiert, erzählte, wie sie sich fühlt, wenn sie ein Plakat der Minarett-Gegner sieht: «Ich trage ein Kopftuch. Wenn ich die Frau im Tschador auf dem Plakat sehe, habe ich das Gefühl, dass mich alle anstarren. Während eines Spaziergangs mit meinem Mann fuhr letzthin ein älterer Herr auf dem Velo an uns vorbei und rief ‹Scheiss Kopftuch!›» Das Kopftuch werde leider mit Islamismus und Terrorismus gleichgesetzt. «Die Leute haben viel mehr Angst vor Muslimen als früher», so Ikbar Özcan.

Auch wenn am «Tag der offenen Moschee» kaum alle Vorurteile aufgehoben wurden, so zeigte er doch, dass die Moschee in Uster, die es seit 15 Jahren gibt und in der sich an den Freitagsgebeten jeweils 150 bis 200 Gläubige treffen, kein geheimnisvoller Raum ist, in dem Verschwörungen besprochen werden. Sondern ein Gebets- und Begegnungshaus, in dem schlicht muslimisches Gemeindeleben praktiziert wird.

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