Zwangsumsiedlung
Die letzten Stunden eines Aquariums, ehe es zertrümmert wird

Der 86-jährige Oskar Wieser darf sein gefährdetes Haus in Weggis nie wieder betreten. Er wird zwangsumgesiedelt. Instabile Felsbänder bedrohen die Siedlung.

Daniel Fuchs, Weggis
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«Le grand bleu», Bürgenstock und das Defilee der Dampfschiffe vor der Fensterfront: Oskar Wieser muss sich nun von dieser Aussicht trennen.Mischa Christen

«Le grand bleu», Bürgenstock und das Defilee der Dampfschiffe vor der Fensterfront: Oskar Wieser muss sich nun von dieser Aussicht trennen.Mischa Christen

Die fünf Häuser scheinen längst verlassen. Doch war da nicht ein Geräusch? Die Natur wuchert am steilen Horlaui-Hang bei Weggis LU. Bald hat sie das Gebiet ganz zurückerobert. Ab dem 1. August soll kein Mensch mehr das steinschlag- und felssturzgefährdete Gebiet betreten. Ausser als Abbrucharbeiter, um die alten Häuser abzureissen. Nur die stark befahrene Kantonsstrasse nach Vitznau trennt die Wohnhäuser vom blau schimmernden Vierwaldstättersee. Steil führen die Treppen vom Strassenrand zu den Häusern hoch. Der Besitzer des zuoberst gelegenen hat sogar eine kleine Seilbahn installiert, um Einkäufe oder Gepäck zu befördern.

Das Geräusch drang hinter dem Schopf hervor. «Hallo, ist da jemand?» Nichts. War es ein Tier? Oder gar ein Stein, der die steile Böschung runterkullerte? Ein Vorbote von dem, was noch kommen wird? Schon möglich: Wir erschaudern, befinden wir uns doch ausserhalb der Bauzone. Die Gefahrenkarte dokumentiert, dass die Häuser stark gefährdet sind. So stark, dass die Gemeinde Weggis rasch handeln musste. Dringliches Polizeirecht ermöglichte es: Am 1. Juni dieses Jahres erhielten die zehn Bewohner – Hausbesitzer und Mieter – des Gebiets den Brief: Bis zum 1. August müssen sie raus. Danach werden die Häuser versiegelt, die Felsmassen soweit gesichert, dass ein Abriss der Gebäude möglich ist. Sie werden zwangsumgesiedelt. Nie wieder sollen in der Horlaui Menschen und ihre Tiere leben.

Oskar Wiesers Haus ist eines von fünf Gebäuden, die abgerissen werden. Zu gefährlich ist der Hang in der Horlaui. Mischa Christen

Oskar Wiesers Haus ist eines von fünf Gebäuden, die abgerissen werden. Zu gefährlich ist der Hang in der Horlaui. Mischa Christen

Die Männer mit dem Geissfuss

Zwar ist ein Richterspruch unausweichlich. Er wird letztlich darüber bestimmen, ob die Zwangsumsiedlung rechtens ist. Doch wer will sich schon gegen den Entscheid von Gemeinde, Kanton und Bund stellen und damit die Verantwortung übernehmen, wenn der Berg kommt?

Sogar der 86-jährige Oskar Wieser musste sich fügen. Über 50 Jahre hat er in seinem Haus gelebt. Nun bekommt er Besuch von drei Männern. Der Sammler streift mit seinen beiden Gehilfen durchs Haus, auf der Suche nach Stücken, die noch zu gebrauchen sind. Etwas hilflos steht Oskar Wieser daneben. «Was soll ich tun? Die Sachen müssen raus», sagt er. Das Geschäft wurde mit Wiesers Sohn abgeschlossen. Der ehemalige Carrosseriespengler führt uns ins Wohnzimmer. Die Aussicht verschlägt uns den Atem: vor der grossen Fensterfront nichts als Wasser. Wie in einem Aquarium.

Auch Oskar Wieser ist ein Sammler. Polierte Kupferpfannen hängen an der Wand über dem Kamin. Daneben Geweihe. Die Männer demontieren die guten Stücke. Es geht schnell. Ohne besondere Sorgfalt. Effizient kommt der Geissfuss des Anführers zum Einsatz. Er reisst die Nägel aus der Wand. Seine Gehilfen tragen die Stücke die steile Treppe runter zum parkierten Lieferwagen.

Dann fällt ihr Interesse auf messingfarbene Rohre. Hülsen von Zweitweltkriegsgranaten, erklärt Wieser. «Diese war in Kriegsgefangenschaft», sagt er und reicht mir eine reich verzierte Granatenhülse in der Grösse einer Vase. Ein Kriegsgefangener der Nazis habe sie während Stunden bearbeitet. Nach dem Krieg erstand Wieser sie in Romanshorn für ein Päckchen Zigaretten.

Das Defilee der Dampfschiffe

Wieser war auch ein Bastler. Den Männern ist ein grosses Eichenfass auf dem Balkon aufgefallen. Doch es ist nur der Deckel, den Wieser vor Jahren an die Mauer gezimmert hat. Er lässt sich öffnen. Dahinter nicht etwa der Rest vom Fass, sondern ein in den Fels eingelagerter kleiner Weinkeller. Wieser muss sich setzen. Der Umzugsstress, das grosse Medieninteresse und der Abschied setzen ihm zu: «Der Rücken. Immer kommt alles auf einmal. Doch ich muss aufpassen, dass am Schluss nichts fehlt, was wir nicht vereinbart haben.» Er sitzt mit dem Rücken zum See auf seinem Lieblingssessel. Wieser muss sich nicht mehr umdrehen, als sich zwei Dampfschiffe vor seinem Haus kreuzen und wie zum Abschied defilieren.

Am Vorabend haben Zügelmänner Wiesers Bett ins Dorfzentrum gebracht. Die letzte Nacht hat der 86-Jährige zum ersten Mal in seiner neuen Wohnung verbracht. «Es ging einigermassen. Muss es ja.» Wieser denkt pragmatisch. Er hegt weder Zorn noch hadert er mit seinem Schicksal. Doch die Erinnerungen bleiben. «Hier waren wir zu Hause. Nie fiel auch nur ein einziger Stein aufs Dach», sagt er. Wiesers verstorbene Frau kümmerte sich zeitlebens um die Wohnung und die Mietwohnung, die Wieser bis heute vermietet. Er selber um den steilen Umschwung. «Als Kinder kletterten die Buben direkt über die steile Böschung hinauf ins nächstliegende Wohnquartier, wenn sie zu ihren Freunden wollten», erinnert er sich. Dabei mussten sie auch die kleinen Felsbänder überwinden, von denen nun die grosse Gefahr ausgehen soll.

Unten vom Strassenrand hat Wieser eine Badeleiter in den See montiert. «Meine Frau ging fast täglich schwimmen.»

Aus insgesamt drei instabilen Felsbändern (zwei sind überwuchert) droht Steinschlag auf das Gebiet Horlaui, in dem auch Oskar Wiesers Haus steht (unten rechts).Keystone

Aus insgesamt drei instabilen Felsbändern (zwei sind überwuchert) droht Steinschlag auf das Gebiet Horlaui, in dem auch Oskar Wiesers Haus steht (unten rechts).Keystone

Die Bausünde der Vergangenheit

Ist es purer Pragmatismus? Oder Selbstschutz, den Wieser sich auferlegt hat, dass er die Zwangsumsiedlung so stoisch auf sich nimmt? Oder mischt doch eine Portion Erleichterung mit, dass er das Haus los wird und mit ihm die über 60 Treppenstufen, die er jeden Tag erklimmt mit seinem schmerzenden Rücken. Die Zwangsenteignung spült etwas Geld in die Kasse. Seine Söhne umsorgen ihn und haben ihm (vorübergehend) eine Wohnung in Weggis gefunden.

Aus heutiger Sicht hätte im Horlaui gar nie gebaut werden dürfen. In den Sechzigern aber gab es die Raumplanung noch nicht, die diesen Namen verdient. In der Horlaui zeigen sie sich aber besonders, die schräg abfallenden, so typischen Gesteinsterrassen der Rigi. Diesem schönen, aber labilen Steinhaufen. Es handelt sich um Nagelfluh, ein Gesteinskonglomerat, das schnell erodiert. Von den Felsbändern lösen sich zahlreiche Säulen. Laut Untersuchungen reicht ein einziger entwurzelter Baum aus für eine Katastrophe. Theoretisch wäre eine Sicherung durch bauliche Massnahmen möglich. In der Horlaui lohnte sich die Kosten-Nutzen-Rechnung aber nie.

Wieser und sein geplündertes Haus bleiben zurück, nachdem die drei Männer gegangen sind. Er wartet auf seinen Sohn. Noch gibt es einiges zu tun. Bereits ab nächster Woche wird er nie wieder einen Fuss in das Haus setzen dürfen, das er selber vor 52 Jahren gebaut hat. Wieser zuckt die Schultern. Auf dem See ertönt das Horn eines weiteren Dampfschiffs. Zum Abschied.