Am Tag seiner Abwahl versteckt sich Oskar Freysinger. Er tritt vor keine Kamera, er gibt kein Interview. Sowohl den Aufstieg als auch den Fall seiner Karriere hat er seiner Medienpräsenz zu verdanken.

Doch kurz bevor 2017 der letzte Vorhang fällt, verweigert er seinen Auftritt als Schauspieler auf der politischen Bühne. Er sabotiert die Schlussszene, womit aus seiner Sicht der wichtigste Teil der Mediengeschichte über Oskar Freysinger fehlt, das morbide Ende. Ohne Hauptdarsteller verliere das Drehbuch seinen Sinn. Er sieht sich als Bösewicht eines Horrorfilms: «Es ist, als müsste ‹Das Schweigen der Lämmer› ohne Hannibal Lecter gedreht werden.»

Freysinger gibt vor seinem letzten Arbeitstag als Walliser Staatsrat auch nicht wie üblich eine Medienkonferenz, um die Erfolge seiner Amtszeit zu würdigen, sondern veröffentlicht lediglich ein trockenes Communiqué. Es findet wenig Beachtung.

Freysinger erinnert sich: «Einer der Journalisten, der ehrlicher oder doofer ist als die anderen, lässt mich wissen, dass er eher an der menschlichen Bilanz interessiert sei, nicht an dem, was ich während meiner Amtszeit geleistet habe. Ach so? Die menschliche Bilanz? Das Ausmass der psychischen und körperlichen Schäden?»

Eine Krankheitsgeschichte

Heute Freitag veröffentlicht Freysinger sein bisher persönlichstes Buch. Das Interesse an seinem Gefühlszustand, das er eingangs spöttisch kommentiert, befriedigt er auf den restlichen 360 Seiten. Als Buchautor geht es ihm paradoxerweise gleich wie den Journalisten, die sich nicht für das Communiqué mit seinen Erfolgen interessieren.

Er verfasst keine politische Bilanz, sondern eine persönliche. In tagebuchartigen Einträgen und Gedichten beschreibt er das Ausmass der psychischen Schäden, die er in seiner Zeit als Walliser Bildungsdirektor erlitten hat.

In der Einleitung blickt er auf sein Politikerleben zurück: «Was mir von diesem langen Werdegang im Gedächtnis haften bleibt, ist kein Erfolg, kein Sieg, kein Triumph, obwohl einige davon aufsehenerregend waren. Nein, woran ich mich lebhaft erinnern werde, ist paradoxerweise eine Niederlage.» Freysinger dichtet sich eine Inschrift auf einen fiktiven Grabstein: «Hier ruht der Politiker Oskar Freysinger, 1997 - 2017, Aus Versehen geboren und versehentlich gestorben, RIP».

Mit seinem Galgenhumor lockert Freysinger seine Krankheitsgeschichte auf. Unverblümt schildert er, wie er in seiner Amtszeit eine Depression erlitten hat. Am Tag seines grössten Sieges, am Tag seiner Wahl in die Walliser Regierung, habe die Angst bereits begonnen, seinen Rücken emporzukriechen.

2013 notiert er: «Meine Panik vor der bevorstehenden Hölle wird fassbar.» Er liegt im Ferienparadies von Korsika am Strand, als ihn die Meldung seines Generalsekretärs erreicht. Es gebe da ein Problem mit einem Dienstchef. Er gerät in eine der ersten Turbulenzen als Regierungsrat, Freysinger bricht die Ferien ab.

Auf der Rückreise spürt er, wie ein Druck auf seinem Zwerchfell lastet. In dieser Zeit redet er sich noch Mut zu: «Das ist die dunkle Seite meines politischen Engagements, der Preis, den ich als Emporkömmling bezahlen muss, weil ich es gewagt habe, im Licht zu stehen.» Der Satz erklärt den Buchtitel «Die dunkle Seite des Lichts».

Kollaps im Regierungsgebäude

Sich im Scheinwerferlicht zu bewegen, fällt Freysinger schwerer, als er in dieser Zeit vorgibt. Er kommt nicht dazu, der Politik seinen eigenen Takt zu verpassen. Er rennt den Problemen hinterher. An einem Feierabend schreibt er in sein Tagebuch: «Ich bin von meinem Arbeitstag erschöpft, der wie üblich von kleinlichen, hinterlistigen Machenschaften durchzogen war, die es nacheinander zu neutralisieren galt und lasse mich wie ein Sack in einen Sessel fallen.»

Den Tiefpunkt erlebt er während eines einsamen Moments in seinem Büro kurz vor einem seiner letzten Radiointerviews: «Eine unbändige Angst lähmt mich und entzieht mir die Kontrolle über meinen Körper. Alles in mir krampft sich zusammen, ich bin nur mehr ein stummer Schrei.»

Er rappelt sich auf, schluckt ein paar Notfalltropfen und fährt ins Radiostudio. In der Debatte habe er einen lässigen, heiteren Ton angeschlagen und Witze gemacht. Doch das ist nicht der Mensch Freysinger. Es ist der Politiker Freysinger. Er verrät sein Geheimnis: «Mit dem Vortäuschen von Gelassenheit kenne ich mich aus. Schliesslich mache ich das schon seit zwanzig Jahren.»

Ausschnitte aus dem "Talk Täglich" mit Oskar Freysinger

Ausschnitte aus dem "Talk Täglich" mit Oskar Freysinger

Der ehemalige Walliser SVP-Staatsrat stellte sich den Fragen von Moderator Markus Gilli zur Zeit nach seiner Abwahl, seiner Rente und seinen Plänen als Schriftsteller.

Freysinger war als Politiker erfolgreich, weil er anders war als die anderen, weil er sagte, was er dachte. Als erster SVP-Regierungsrat im traditionell christlich-konservativ geprägten Kanton tat er so, als sei er weiterhin der einzige Walliser Politiker, der keine Rolle spiele. Tatsächlich aber war er in einer der schwierigsten Rollen gefangen.

Er musste den unbeschwerten Politiker Oskar Freysinger spielen, der so tat, als sei es ihm egal, wenn er nicht von allen geliebt wurde. So wurde er zum ersten Walliser Staatsrat seit 80 Jahren, der in einer Wiederwahl scheiterte.

Freysinger beschreibt seinen Zustand, als es mit seiner Karriere abwärts geht: «Die Welt kommt mir allmählich vor wie ein Fernsehschirm mit gestörtem Empfang. Das Bild verzerrt sich, verschwindet für einen Moment und erscheint dann seltsam verformt wieder. Ich habe den Zugang zur Welt verloren.» Für die Verzerrung des Bildes gibt er hauptsächlich dem Fernseher die Schuld, beziehungsweise den Medien, die ihn verzerrt darstellen würden.

Dennoch bleibt er süchtig nach dem medialen Scheinwerferlicht. Als er realisiert, dass er seine Macht bald verlieren könnte, sinniert er: «Kann ich wirklich und dauerhaft ohne mein mediales Spiegelbild leben, das in gewisser Weise zu meinem Alter Ego wurde?»

Intimfeind Christophe Darbellay

Frustrierend ist für Freysinger, dass seine Gegner – er bezeichnet sie als graue Mäuse – im medialen Spiegel eine gute Figur abgeben, während er als hässliche Fratze erscheint. Der Gipfel der Ungerechtigkeit ist für ihn, wie der «Blick» mit seinem Intimfeind Christophe Darbellay umgeht. Die Zeitung macht publik, dass der CVP-Politiker seiner Ehefrau beichten musste, dass er eine heimliche Geliebte hatte und mit dieser ein Kind gezeugt hatte.

Freysinger: «Wenn ich dasselbe getan hätte, wäre ich bereits öffentlich gevierteilt, gehängt und verbrannt worden.» Doch Darbellay gelingt es, den Skandal zu kontrollieren. Er geht mit einem Geständnis in die Offensive und inszeniert sich als reuigen Sünder. Darbellay habe die Medien auf seiner Seite und drohe jedem mit dem Prozess, der über die Angelegenheit spreche, schreibt Freysinger.

Er glaubt zu wissen, was in Darbellay vorgegangen ist: «Falls er zu einem gewissen Zeitpunkt gelitten hat, dann nicht, weil er seine Frau betrogen und seinen Fehltritt vor seiner Partei und seinen Wählern vertuscht hat, sondern weil er befürchtete, das für ihn vorgesehene Programm nicht zu erfüllen.»

Freysinger schreibt, er habe instinktiv gespürt, was Darbellay an ihm hasse: die Fantasie, die Frechheit und die Unabhängigkeit, die ihn bei Debatten unvorhersehbar machen würden. «Ich scheine ihn zu faszinieren wie ein seltsames Tier aus einer fremden Welt, die ihm verschlossen ist», meint er. Mittlerweile bleibt Freysinger die Welt verschlossen, in der sich Darbellay bewegt. Dieser sitzt nun im Büro, in dem Freysinger vier Jahre lang gelitten hat. Freysinger zeigt sich erleichtert, dass er diese Rolle nicht mehr spielen muss.

Während die Literatur im Leben des Politikers Freysinger die Nebenbeschäftigung war, hofft er nun auf eine zweite Karriere als Poet. Noch immer ist er beleidigt, dass ihn der Schweizer Schriftstellerverband nicht aufgenommen hat. Er vermutet politische Gründe für seinen ausbleibenden literarischen Erfolg. Auf anonym verschickte Manuskripte habe er oft enthusiastische Antworten erhalten, doch sobald er seinen Namen genannt habe, sei ihm die Türe vor der Nase zugeschlagen worden.

Sein neues Buch sei vor allem das Resultat einer psychoanalytischen Schreibtherapie. So liest es sich auch: roh und unredigiert. Obwohl er es als Thriller ankündigt, entsteht keine Spannung wie in «Das Schweigen der Lämmer». Die Beklemmung ist stellenweise allerdings ähnlich.