25-jähriges Bestehen
Die Lega dei Ticinesi hat die Parteilandschaft im Tessin umgepflügt

Die Lega dei Ticinesi feierte am Sonntag in Lugano Geburtstag. Seit Jahren gibt es die Tessiner Lega. Aus der Protest-, wurde eine Regierungspartei, die nun auch Verantwortung übernehmen muss. Das hält sie nicht davon ab, das Image der Oppositionskraft weiter zu pflegen.

Gerhard Lob, Lugano
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Die Partei-Gründer Giuliano Bignasca, vorne, und Flavio Maspoli halten Fahnen der Lega dei Ticinesi bei einer Wahlkundgebung 1991 in Lugano. key

Die Partei-Gründer Giuliano Bignasca, vorne, und Flavio Maspoli halten Fahnen der Lega dei Ticinesi bei einer Wahlkundgebung 1991 in Lugano. key

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Wenn die Tessiner Lega zum Mittagessen mit Gratis-Risotto ruft, kann sie stets auf ein volles Haus zählen. So auch am gestrigen Sonntag, als sich zwischen 800 und 1000 Personen in der düsteren Messehalle Conza von Lugano einfanden, während draussen die Sonne schien. Doch der Anlass war eben wichtig: 25 Jahre Lega dei Ticinesi galt es zu feiern, ausserdem Stimmung für ein bevorstehendes Wahlgeschäft zu machen.

Am 10. April finden Gemeindewahlen statt, unter anderem in Lugano, wo die Lega ihren spektakulären Wahlerfolg von 2013 bestätigen will. Damals entriss sie den Freisinnigen das Zepter in der wichtigsten Tessiner Stadt. Mit Marco Borradori ist seither ein Leghist der ersten Stunde Chef der dortigen Exekutive. Nun kämpft er um die Bestätigung. Lugano soll Lega-Hochburg bleiben.

Keine vorübergehende Erscheinung

Dass die Lega seit einem Vierteljahrhundert besteht, ist keine Selbstverständlichkeit. Als die Bewegung 1991 vom legendären Bauunternehmer Giuliano Bignasca und seinem Mitstreiter, dem Journalisten Flavio Maspoli, gegründet wurde, glaubten viele politische Beobachter an eine vorübergehende Erscheinung.

Die Auguren sollten sich täuschen. Mittlerweile ist die Lega mit ihrer EU-Kritik und dem Slogan «Das Tessin den Tessinern» ein bestimmende Grösse im Politalltag des Südkantons und zugleich als populistische Regionalbewegung ein Schweizer Sonderfall. Sie kann auf bedeutende Wahlerfolge zurückblicken.

In der Kantonsregierung stellt sie zwei von fünf Regierungsräten und damit die relative Mehrheit, das Gleiche gilt für den Stadtrat von Lugano (drei von sieben Stadträten), im Grossen Rat ist sie zur zweitstärksten Fraktion avanciert, im Nationalrat verfügt sie über zwei Mandate sowie in den Gemeinden über 45 Exekutivmitglieder. Vor kurzem übernahm ein Leghist die Präsidentschaft des kantonalen Spitalamts EOC. In Chiasso hat Lega-Nationalrätin Roberta Pantani beste Chancen, im April zur Stadtpräsidentin gewählt zu werden – einmal mehr zulasten der Freisinnigen Partei.

Ist die Protestbewegung von damals nicht längst selbst zu einer Machtpartei geworden? Attilio Bignasca (72), strohweisses Haar und Bruder des 2013 verstorbenen Giuliano, winkt ab. «Die Mehrheit ist ja immer noch gegen uns», murmelt er. Attilio gehört als Koordinator zum inneren Kreis der Entscheidungsträger der Bewegung, die traditionell keine Parteikongresse, gewählte Vorstandsmitglieder oder Statutendiskussionen kennt.

Zum grossen Geburtstagsfest sind die Mitglieder des «Inner Circle» alle gekommen. Neben Pantani der Nationalratskollege Lorenzo Quadri, der als Chefredaktor des Sonntagsblatts «Mattino della Domenica» gerne fest und schon mal ordinär auf den Putz haut. Und natürlich die beiden Regierungsräte. Claudio Zali, der ehemalige Richter, sowie der amtierende Regierungspräsident Norman Gobbi.

«Wir sind noch da»

Die Lega ist keine Partei der langen Reden. Auch an diesem Sonntag nicht. Zu gross ist der Appetit auf Salametti und Risotto. Doch die kurzen Statements machen klar, wer der neue Wortführer der Lega ist. Eindeutig Norman Gobbi. «Siamo ancora qui» (Wir sind noch da) brüllt der 38-Jährige wiederholt ins Mikrofon.

Häufig sei die Bewegung totgesagt worden. Das Gegenteil sei der Fall. Gobbi: «Ohne die Lega wären die Tessiner noch immer Sklaven der historischen Parteien.» Auch eine Bemerkung zu Asyl- und Ausländerfragen darf vom Justiz- und Innendirektor nicht fehlen. Über Giuliano Bignasca habe man gelacht, als er vor Jahren gefordert hatte, eine Mauer an der Grenze zu errichten: «Nun machen es alle Staaten um uns herum.»

«Die Zeiten ändern sich, aber das Herz der Lega bleibt gleich», steht sinngemäss auf einem grossen Wahlplakat. Tatsächlich aber musste sich die Lega ihrem Erfolg anpassen. Das Herz schlägt heute ein wenig anders als früher; das Image einer Oppositionskraft wird gepflegt, aber aus der Protest- ist eine Regierungspartei geworden. «Das musste passieren, denn die Wähler haben uns Verantwortung gegeben», sagt Michele Foletti, Stadtrat von Lugano.