Interview

Die Landwirtschaft verfehlt laut Bund die Umweltziele – Bauernpräsident Markus Ritter widerspricht: «Das ist blanker Unsinn!»

«Es war eine völlig unerwartete Niederlage»: Markus Ritter, St. Galler CVP-Nationalrat, musste in der Pestizid-Debatte eine Schlappe einstecken.

«Es war eine völlig unerwartete Niederlage»: Markus Ritter, St. Galler CVP-Nationalrat, musste in der Pestizid-Debatte eine Schlappe einstecken.

Pestizide, Gülle, Methan: Die Umweltbelastung durch die Landwirtschaft müsse sinken, findet der Bundesrat. Doch Bauernpräsident Markus Ritter bekämpft die Reform. Er spricht von einer «Fehlkonstruktion» – und sagt, die Landwirtschaft werde schlecht geredet.

Er hat gerade viel zu tun: CVP-Nationalrat Markus Ritter, seit acht Jahren Präsident des Schweizerischen Bauernverbands. Am heutigen Montag kommt die sogenannte Agrarpolitik 22+ in den Ständerat. Im telefonischen Interview erzählt Ritter, weshalb er diese bekämpft – und wer ihn jüngst auf dem falschen Fuss erwischt hat.

Sie sind Biobauer und wehren sich als Bauernpräsident gegen eine Reform, welche die Landwirtschaft ökologischer machen will. Ist Ihnen wohl dabei?

Markus Ritter: Ja, mir ist sehr wohl dabei. Unser Widerstand gründet auf den Analysen des Bundesrats, welche Konsequenzen die Agrarpolitik 22+ in dieser Form hätte. Der Bruttoselbstversorgungsgrad würde laut den Berechnungen wesentlich sinken, von 60 Prozent im Durchschnitt der letzten zehn Jahre auf 52 Prozent. Auch die Erlöse aus den Produkteverkäufen gingen um 265 Millionen Franken zurück. Das ist keine Basis für eine Diskussion.

Wenn die Böden und die Umwelt zu sehr leiden, sinkt der Selbstversorgungsgrad längerfristig ebenfalls.

Es ist unser Ziel, dass die Böden gesund und ertragreich bleiben. Das ist unsere Existenzgrundlage. Für uns ist wichtig, dass wir eine nachhaltige Agrarpolitik haben: Produktion, Ökologie und auch soziale Aspekte müssen im Einklang stehen. Wir erfüllen heute den ökologischen Leistungsnachweis. Wenn man sieht, dass wir nur einen Selbstversorgungsgrad von 60 Prozent haben, müssen wir auch der Produktion Sorge tragen.

Die Landwirtschaft erreicht keines der 13 Umweltziele…

Das muss ich in aller Entschiedenheit zurückweisen, das ist blanker Unsinn! Diese Beurteilung stammt aus einem Bericht aus dem Jahr 2016, der sich auf Daten aus 2013 stützt. Die aktuell laufende Agrarpolitik, die 2014 in Kraft trat, wird gar nicht berücksichtigt. Fakt ist: Von den 39 Unterzielen haben wir sieben vollumfänglich erreicht, bei 23 haben wir 60 bis 80 Prozent erfüllt, bei neun ist keine Aussage möglich. Wir haben die Umweltziele also zu überwiegendem Teil vollumfänglich oder zum grössten Teil erreicht. Hier wird die Bevölkerung falsch informiert.

Der Bundesrat hielt letztes Jahr fest, dass keines der 13 Ziele vollständig erreicht sei.

Er stützt sich auf alte Zahlen. Das ist genau das Problem, das wir beim Bericht zur Agrarpolitik 22+ haben. Der Effekt der laufenden Agrarpolitik muss berücksichtigt werden. In dieser Frage hat der Bundesrat komplett versagt!

Sie sagen also, die Landwirtschaft werde schlecht geredet?

Deshalb wehren wir uns auch g gen die Agrarpolitik 22+. Sehen Sie: Mit uns kann man über alles diskutieren. Aber wir brauchen aktuelle Grundlagen, saubere Analysen und Fakten. Dass der Bauernverband die aktuelleren Zahlen hat als der Bund, zeigt: Hier stimmt etwas nicht.

Ein Bauer düngt sein Feld.

Ein Bauer düngt sein Feld.

Trotzdem: Zu viele Pestizide, zu viel Gülle und der Verlust von Biodiversität machen vielen Sorgen.

Wir müssen diese Sorgen ernst nehmen. Das sind Themen, die mir persönlich wichtig sind – und die auch dem Bauernverband wichtig sind. Aber man muss sie in den richtigen Kontext stellen. Wir haben heute zum Beispiel auf jedem Betrieb eine Nährstoffbilanz, die ausgeglichen sein muss: Wir dürfen nicht mehr Dünger ausbringen, als die Pflanzen aufnehmen können.

Die Bilanz basiert allerdings auf Selbstdeklaration. Gegen eine Offenlegungspflicht haben Sie sich im Nationalrat gewehrt.

Da muss man differenzieren: Wir stellen uns nicht gegen eine Offenlegungspflicht bei Kunstdünger. Aber bei den Futtermitteln gibt es mehrere Probleme: Erstens der administrative Aufwand, weil viele Bauern zum Beispiel Stroh, Heu oder Mais untereinander handeln. Zweitens gibt es einige Fehler, die zuerst behoben werden müssten. Ein Beispiel: Kühe fressen heute mehr als früher – das wird nicht korrekt abgebildet. Zudem können Lagerbestände nicht abgegrenzt werden. Darum kann man eine solche Offenlegungspflicht nicht in einer Hau-Ruck-Übung einführen, sondern man muss es vertieft anschauen.

Kritiker sagen, der Bauernverband trete bei ökologischen Fragen auch auf die Bremse, weil er die Interessen der vorgelagerten Branchen vertrete – Dünger- und Futtermittelhändler etwa. Was sagen Sie zu diesem Vorwurf?

Das ist eine böswillige Unterstellung! Man wirft damit den Bäuerinnen und Bauern in unserem Vorstand vor – und unser Vorstand besteht nur aus Bäuerinnen und Bauern – sie würden nicht die bäuerlichen Interessen vertreten. Der Vorwurf kommt auch von der «Agrarlobby stoppen»-Kampagne mehrerer Umweltverbände. Diese hat die Politik massiv verändert.

Inwiefern?

Wir hatten vorher einen guten Austausch mit den Umweltverbänden, aber jetzt versuchen der WWF und weitere Verbände mit einer 1,8-Millionen-Kampagne seit vier Monaten, den Bauernverband und seine Exponenten zu diskreditieren und uns durch den Lauch zu ziehen. Das hat mich sehr stark verletzt. Ich habe das noch nie erlebt, dass eine Organisation mit einer derartigen Kampagne angegriffen wird.

Am Rednerpult, umgeben von Plexiglas: Markus Ritter in der laufenden Wintersession im Bundeshaus.

Am Rednerpult, umgeben von Plexiglas: Markus Ritter in der laufenden Wintersession im Bundeshaus.

Sie haben Anfang Jahr einen möglichen Deal mit den Grünen skizziert für eine neue Agrarpolitik. Davon merkt man nichts mehr. Warum?

Auslöser war die «Agrarlobby-Stoppen»-Kampagne. Das war der Funke, der das Ölfass zum Brennen brachte. Der WWF sagt zwar, das stimme nicht – aber das kann ich wohl am besten beurteilen. Diese Kampagne hat zu einem Umdenken geführt. Erst nachher kam alles andere, die Gespräche mit der Wirtschaft. Ich habe mit den Grünen nach wie vor ein sehr gutes Verhältnis. Das Problem ist, dass sie sehr unter Druck der Umweltverbände stehen.

Kritiker werfen dem Bauernverband vor, mit der Sistierung der Agrarpolitik 22+ auf Zeit zu spielen – damit der Druck durch die Pestizid-Initiativen vorbei ist, wenn sie ins Parlament kommt. Was sagen Sie dazu?

Da muss ich präzisieren: Wir wollten die Agrarpolitik 22+ ursprünglich nicht sistieren, sondern haben empfohlen, einzutreten und sie zur Überarbeitung an den Bundesrat zurückzuweisen. Die zuständige Kommission hat sich dann für die Sistierung ausgesprochen – weil sie die Vorschläge des Bundesrats noch kritischer beurteilte als der Bauernverband.

Egal ob Zurückweisung oder Sistierung: Beides bedeutet, dass sich der Parlamentsentscheid verzögert.

Das Problem ist, dass die Botschaft miserabel ist. Der Bundesrat schrieb darin etwa, wir hätten 113'000 Tonnen Stickstoffüberschüsse. Im Sommer musste er die Zahl bereits um 16'000 Tonnen nach unten korrigieren. Das ist ein Skandal! Wenn bei einer der wichtigsten Kennzahlen die Analyse nicht stimmt, dann stimmt allerhand nicht. Die Botschaft ist in der Analyse, bei wichtigen Massnahmen und im Gesamtergebnis eine Fehlkonstruktion.

Vor bald drei Jahren reichte die Fitnesstrainerin Franziska Herren zusammen mit Mitstreitern die Trinkwasserinitiative ein - und forderte damit den Bauernverband heraus. Im Juni 2021 kommt es zur Abstimmung.

Vor bald drei Jahren reichte die Fitnesstrainerin Franziska Herren zusammen mit Mitstreitern die Trinkwasserinitiative ein - und forderte damit den Bauernverband heraus. Im Juni 2021 kommt es zur Abstimmung.

Beim Thema Pestizide mussten Sie letzte Woche eine seltene Niederlage einstecken – wegen der FDP. Zwei Vorschläge, die Sie als «Schnapsidee» bezeichnet haben, kam durch. Bröckelt Ihre Allianz?

Es war eine völlig unerwartete Niederlage. Ich bin immer akribisch in der Vorbereitung. Von der FDP habe ich das nicht erwartet. In der Kommission hatte sie sich – und zwar mit einer sehr namhaften Delegation – anders ausgesprochen. Es war ein beispielloser Vorgang: Ein Grossteil der FDP fiel dem Fraktionschef, der auch noch Kommissionssprecher war, in wesentlichen Punkten in den Rücken. Wenn mir das passiert wäre, ich hätte die Wände rausgehauen.

Das Image der Bauern hat gelitten in letzter Zeit, man spricht vor allem über die negativen Auswirkungen auf die Umwelt. Schmerzt Sie das?

Das ist auch getrieben durch die Initiativen. Zudem ist die Landwirtschaft sehr exponiert: Die Bauern arbeiten nicht im stillen Kämmerlein, man hört, sieht und riecht sie. Ich sehe auch eine grosse Diskrepanz: Das Vertrauen in unsere Produkte ist gross, gerade in diesem Jahr sind regionale Produkte sehr gefragt. Das andere ist die politische Diskussion. Es werden weitere Initiativen kommen, weil diese Themen die Leute bewegen – und weil man damit Politik machen kann. Damit müssen wir leben können.

Was würden Sie sich als Weihnachtsgeschenk für die Bauern wünschen?

Sicher gute Gesundheit, das ist momentan besonders wichtig. Und dass sie über Weihnachten ein paar schöne Tage mit der Familie verbringen können. Die Landwirtschaft zeichnet aus, dass wir zusammenstehen. Wenn die Bauern zuversichtlich sind, auch für das nächste Jahr, wäre das für mich das Grösste.

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