Schweiz
«Die Kunden wechseln die Kassen zu früh»

Der Krankenkassen-Ombudsman kritisiert die Versicherungsverkäufer, die bereits jetzt wieder zum Wechsel antreiben. Eine rekordhohe Zahl von 1,2 Millionen Versicherten hat auf dieses Jahr hin die Krankenkasse gewechselt. Die Folgen des Ansturms bekommt auch Krankenkassen-Ombudsman Rudolf Luginbühl zu spüren.

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Ombudsmann Luginbühl

Ombudsmann Luginbühl

Aargauer Zeitung

Ruedi Studer
Herr Luginbühl, laut Internetvergleichsdienst Comparis haben rekordhohe 1,2 Millionen Krankenversicherte auf dieses Jahr hin die Krankenkasse gewechselt. Bekommen Sie als Ombudsmann den Rekord zu spüren?
Rudolf Luginbühl: Ja. Einerseits haben wir im Vorfeld von verunsicherten Versicherten mehr Anfragen erhalten, ob sie die Kasse wechseln sollen oder Grund- und Zusatzversicherung bei verschiedenen Anbietern abschliessen können. Und über den Jahreswechsel hinweg sind die gescheiterten Kassenwechsel das grosse Thema.
Nennen Sie Zahlen!
Luginbühl: Die Anfragen zum Kassenwechsel haben im Zeitraum von November bis Februar im Vergleich zum Vorjahr um 41 Prozent zugenommen. Das Thema entwickelt sich mehr und mehr zu einem Dauerbrenner.
Warum?
Luginbühl: Je mehr Leute die Kasse wechseln, umso mehr geht auch daneben. Eine so hohe Zahl von Kassenwechslern hat es bisher kaum gegeben. Doch die Versicherten werden vermehrt zum Kassenwechsel angetrieben - einerseits durch Versicherungsverkäufer und -vermittler, aber auch durch Vergleichsdienste im Internet. Die vielen Kündigungen überfordern einzelne Kassen.
Inwiefern?
Luginbühl: Innert kurzer Zeit müssen sehr viele Mutationen durchgeführt werden. Das schaffen nicht alle. Das Resultat: Nicht alle Wechsel laufen problemlos ab. Der Wechseltermin verschiebt sich um ein oder zwei Monate, weil etwa die Weiterversicherungsbestätigung der neuen Kasse noch fehlt. Dann lässt die alte Krankenkasse die Versicherten noch nicht gehen. Das ist ein Grund für gescheiterte Kassenwechsel. Besonders ärgerlich ist es, wenn der Versicherte dabei von beiden Kassen Rechnungen bekommt, obwohl die Grundversicherung doppelt gar nicht möglich ist.
Das ist aber nicht der einzige Grund für gescheiterte Wechsel, oder?
Luginbühl: Nein. In der Grundversicherung kommen zwei weitere Gründe hinzu. Einerseits kann ein Kunde die Kasse nur wechseln, wenn keine gemahnten Zahlungsausstände vorhanden sind. Derartige Fälle haben wir zurzeit ziemlich viele, wobei der Fehler nicht selten beim Kunden liegt.
Und der andere Grund?
Luginbühl: Andererseits führt die Einhaltung des Kündigungstermins zu Problemen: Viele meinen, der Poststempel sei massgebend. Doch eine Kündigung gilt nur als fristgerecht, wenn der Versicherer das Kündigungsschreiben spätestens am letzten Kündigungstag - in der Grundversicherung ist dies in der Regel der 30. November - effektiv in den Hände hält. Massgebend ist also nicht der Poststempel, sondern der Eingang.
Das dürfte kaum jemand wissen.
Luginbühl: Diese Regelung gibt immer wieder zu Diskussionen Anlass. Gilt beispielsweise ein Fax, der am frühen Abend eintrifft, noch als fristgerecht? Oder was passiert, wenn die Kündigung wegen eines Postfehlers verspätet eintrifft? Klar ist: Die Verantwortung für eine rechtzeitige Kündigung liegt in jedem Fall beim Kunden.
Lassen einzelne Kassen den eingeschriebenen Brief ein, zwei Tage auf der Post liegen, weshalb die Kündigung so verspätet eintrifft?
Luginbühl: Solche Vorwürfe bekommen wir jedes Jahr zu hören. Früher liessen sich solche Fälle vereinzelt nachvollziehen. Dieses Jahr hingegen sind wir mehreren Fällen nachgegangen, und der Vorwurf hat sich jedes Mal in Luft aufgelöst. Womit ich aber nicht ausschliessen will, dass es solche Fälle gibt. Auf der anderen Seite frage ich mich manchmal aber auch: Warum kündigen einige Versicherte erst im allerletzten Moment?
SP-Ständerätin Anita Fetz fordert in einem neuen Vorstoss eine konsumentenfreundlichere Regelung, indem der Poststempel als Termin für die rechtsgültige Aufgabe der Kündigung massgebend sein soll.
Luginbühl: Ich bin grundsätzlich für alles, was mehr Klarheit bringt. Auch juristisch hätte diese Regelung in der Grundversicherung eine gewisse Berechtigung, weil es sich bei dieser um eine öffentlich-rechtliche Angelegenheit handelt - und da ist der Poststempel naheliegend. Für die Grundversicherung würde ich diese Regelung begrüssen, weil sie Klarheit schafft.
Gehen Sie davon aus, dass die Kassenwechsel-Problematik weiterhin zunehmen wird?
Luginbühl: Ich bin kein Prophet, aber davon gehe ich aus. Einerseits, weil die Prämien für nächstes Jahr wohl wieder stark ansteigen werden. Andererseits, weil die Versicherungsverkäufer schon jetzt wieder am Werk sind. Die Kunden werden immer früher zu Kassenwechseln veranlasst. Dies aufgrund von Prämien, die noch gar nicht genehmigt sind. Dies ist ein neues Phänomen und ein Problem. Wollen diese Kunden später doch auf den Abschluss zurückkommen, stellen sich eine Reihe von Rechtsfragen. Wir bearbeiten bereits jetzt Anfragen für einen Kassenwechsel 2011.
Sie haben im Bereich Kassenwechsel einen starken Anstieg der Fallzahlen erlebt. Wie sieht es eigentlich insgesamt aus?
Luginbühl: Insgesamt ist die Fallzahl in der Kassenwechselperiode zwischen November und Februar im Vergleich zum Vorjahr um 13 Prozent gestiegen. Dies, nachdem wir im Gesamtvergleich von 2008 auf das Jahr 2009 schon einen Anstieg um 14 Prozent auf rund 5500 Fälle pro Jahr zu verzeichnen hatten. Der Hauptanteil der Fälle betrifft zwar nach wie vor Versicherungsleistungen, aber der Anteil der Kassenwechselprobleme steigt gegen einen Drittel.