Das Casino gewinnt immer. Klar, ein paar Franken schauen in der Regel heraus, manchmal sind es mehr. Aber eigentlich gibt es nur einen Gewinner: das Casino. Auch Reto Brunner weiss das. Doch er ist einer, der schlecht aufhören kann. «Das Ganze», wie es Brunner nennt, hat schliesslich mit einem Gewinn angefangen. 650 Franken erspielte er in jener Nacht vor vier Jahren, als er vor seinem Laptop sass und zum ersten Mal bei einer Poker-Seite reinklickte.

In diesem Moment habe er alles vergessen, was um ihn herum lief, berichtet Brunner. Die Sorgen und Probleme, seine Freundin und seinen Job. «Einfach alles.» Darum wollte der Mittdreissiger das wieder erleben: So einfach zu Geld kommen. Die Welt der Online-Casinos, die Welt von Poker, Black Jack und Roulette, sie wurde seine. Brunner wollte sein Glück erzwingen, wieder und wieder. Und wenn es mal nicht klappte? «Neue Runde, neues Glück», antwortet Brunner. Es ist kein flapsiger Spruch, sondern ein innerer Zwang.

Viele Spielerkarrieren starten mit einem Gewinn – nicht wenige enden mit einem leeren Konto, Problemen bei der Arbeit und einem Scherbenhaufen im Privatleben. Brunner geriet in einen Teufelskreis. Gewann er, machte er weiter. «Ich glaubte an meine Glückssträhne.» Verlor er, machte er auch weiter. «Ich wollte ja den Verlust wieder reinholen.» Er dachte, aufhören zu können, wenn er es nur will. Erst, als seine Freundin drohte, ihn zu verlassen, suchte er sich Hilfe bei einem Psychologen. «Ohne die Behandlung wäre mir die Sache bald um die Ohren geflogen», sagt er.

Mit dem Geldspielgesetz, das am 10. Juni an die Urne kommt, sollen Glücksspiele im Internet reguliert und der Spielerschutz verbessert werden. Brunner sagt, von Politik verstehe er nichts. «Was ich aber weiss: Man kann nicht genug tun, um die Leute vor dem Zeugs zu schützen.» Pathologische Spielsucht nennen Mediziner das, was ihn an Grenzen gebracht hat. Reto Brunner, der in Wirklichkeit anders heisst, ist ein Betroffener exzessiven Geldspiels. Rund 75'000 Personen sollen hierzulande darunter leiden, wobei die Spieler von Online-Casinos in offiziellen Zahlen noch gar nicht eingerechnet sind. Experten mögen nicht einmal eine Schätzung wagen.

Höchste Selbstmordrate

Spielsucht ist ein schleichender Prozess, gezeichnet vom Verlangen, so schnell wie möglich so viel wie möglich zu gewinnen. Äusserliche Begleiterscheinungen gibt es keine. Betroffene riechen nicht nach Alkohol und zittern nicht, wenn sie keinen Nachschub für ihren Stoff bekommen.

Unter allen Suchtkranken weisen Geldspielsüchtige jedoch die höchste Selbstmordrate auf. Wer um Geld spielen will, kann das heute bequem von seinem Computer oder Smartphone aus tun. Gemäss Studien ist das Suchtpotenzial von Online-Geldspielen bis zu siebenmal höher als bei klassischen Casinos. Zwar sind Internetangebote in der Schweiz noch verboten. Ungeachtet dessen ist es problemlos möglich, bei einem ausländischen Anbieter zu spielen. Der Bund schätzt, dass jährlich über 250 Millionen Franken zu Online-Casinos im Ausland abwandern.

Das Geldspielgesetz will den heimischen Casinos nun erlauben, die Möglichkeiten der digitalen Welt zu nutzen. Spiele im Internet werden zugelassen, wenn sie von konzessionierten Anbietern stammen. Zu ausländischen Angeboten wird der Zugang mittels Netzsperren eingeschränkt. Mit dem neuen Gesetz schaffe man sowohl für physische Casinos als auch für Online-Angebote glasklare Vorgaben: So lautet die Argumentation der zuständigen Bundesrätin Simonetta Sommaruga. «Kein Süchtiger darf mehr spielen», betont sie im Abstimmungskampf unermüdlich. Der nationale Casinoverband spricht gar vom «weltweit strengsten Schutz vor Spielsucht».

Hauptforderungen nicht erfüllt

Experten sehen das freilich kritischer. Die «Koalition zum Schutz der Spielerinnen und Spieler» vereint Organisationen, die in der Prävention und Behandlung von Spielsucht tätig sind. «Das Gesetz umfasst keine ausreichenden Massnahmen zur Prävention und zum Spielerschutz», moniert sie in einem Positionspapier. Trotzdem kämpft die Koalition nicht gegen das Gesetz – sie sagt zähneknirschend Ja dazu. «Wir haben uns für das kleinere Übel entschieden», sagt Petra Baumberger, Generalsekretärin des federführenden Fachverbands Sucht. Die Gegner des Gesetzes hätten vor allem mit den Netzsperren ein Problem, die aus präventiver Sicht jedoch zumindest ein Anfang seien. «Das ist für uns ein Widerspruch.» Einen solchen sieht Baumberger auch darin, dass ausländische Geldspielanbieter im Abstimmungskampf mitmischen.

Vor diesem Hintergrund befürchtet die Koalition, dass nach einem Volks-Nein eine Vorlage ausgearbeitet werden könnte, die der Prävention noch weniger Rechnung trägt. Bereits bei der Beratung des aktuellen Gesetzes im Parlament wurden ihre wichtigsten Forderungen ignoriert. Die bürgerliche Mehrheit war gegen eine Spielsuchtabgabe für Casinos und wollte nichts wissen von einer unabhängigen Expertenkommission zur Spielsucht.

Lieber Ja stimmen, weil sonst alles noch schlimmer kommt? Das ist der falsche Weg, ist Sibel Arslan überzeugt. Für die Basler Grünen-Nationalrätin sind die Suchtgefährdeten die grossen Verlierer. «Das Geldspielgesetz beinhaltet nur sehr wenig wirksame Präventionsmassnahmen.» Deswegen will sie das Gesetz zurück ins Parlament schicken. Denn im Gegensatz zu den Fachverbänden glaubt Arslan, dass so eine bessere Vorlage herauskommt. Eine, welche die Forderungen der Experten aufnimmt. Arslan vertraut den Aussagen bürgerlicher Gegner des Gesetzes, die sich im Abstimmungskampf unterdessen ebenfalls für einen besseren Spielerschutz einsetzen.

Spielsperren als Prävention

Präventionsexperten wie Petra Baumberger erhoffen sich dank Netzsperren immerhin eine gewisse Regulierung des Onlinemarkts. Die Sperren wirkten auf viele Spieler abschreckend, sagt sie. Wie die Prävention im Netz genau funktionieren soll, muss noch in einer Verordnung geregelt werden.

Der Bundesrat hat jedoch bereits seine Stossrichtung präsentiert. So sollen Casinos ihre Kunden im Netz nicht einfach spielen lassen. Sie müssen ihnen die Möglichkeit bieten, die Einsätze von Anfang an zu begrenzen. Ebenso müssen sie eingreifen, wenn das Verhalten eines Spielers auffällig erscheint. Wer Gefahr laufen könnte, an Spielsucht zu erkranken, soll ausgeschlossen werden. Man kennt solche Sperren aus klassischen Casinos. Ungeklärt ist laut Baumberger die zentrale Frage, was Casinos bei einem Suchtverdacht genau tun müssen. «Da braucht es unbedingt klare Regeln.»

Klare Regeln gelten auch für Reto Brunner. Auferlegt hat sie ihm sein Psychologe. Brunner, der mehrere zehntausend Franken in Online-Casinos verspielt hat, muss den Umgang mit Geld neu erlernen. Ein bewusst knapp kalkuliertes Budget hilft ihm, den Wert eines Frankens wieder richtig einzuschätzen. Mit dem Therapeuten hat er Strategien entwickelt, wie er sein Denken und sein Verhalten umkrempeln kann. Wie er den Spieltrieb, seine krankhafte Jagd nach dem Glück, in den Griff bekommt. Kalter Entzug von Computer und Smartphone würde da nicht ausreichen.

Brunner besucht zudem Gruppengespräche mit anderen Spielsucht-Betroffenen, und auch seine Freundin wird vom Psychologen mit einbezogen. Andere Teile von Brunners Leben sollen wieder in den Vordergrund rücken, ihn die Scheinwelt der Poker-Seiten vergessen lassen. Ob er es schaffen wird? «Bald habe ich die Casinos besiegt», gibt sich Brunner zuversichtlich. Seit acht Monaten hat er nicht mehr gespielt.