Wie von Geisterhand getrieben, wird es plötzlich still im Saal des Kirchgemeindehauses Johannes in Bern. Es sind Sven und Rosanna, die Moderatoren, die es mit dem «Schweigefuchs» schaffen, die Klima-Jugendlichen innert Sekunden zum Verstummen zu bringen. Mit erhobener Hand legen sie Zeige- bis Kleinfinger an den Daumen und bilden so das Zeichen des Fuchses. Das Symbol für das Schweigen.

Es sind 150 Klima-Jugendliche, die sich am Samstag und Sonntag zum 4. nationalen Klima-Gipfel der Bewegung Klimastreik Schweiz treffen. Ihr Hauptziel: Aktionen für die Wahlen vom 20. Oktober aufgleisen und einen Aktionsplan für 2020 ausarbeiten. Dazu gibt es je eine Arbeitsgruppe.

Klimajugend setzt Politiker mit Klima-Charta unter Druck

Klimajugend setzt Politiker mit Klima-Charta unter Druck

Drei Monate vor den eidgenössischen Wahlen erhöhen die Jugendlichen den Druck auf die Politiker. Wer sich nicht ihren Umweltforderungen bekennt, erhält quasi einen negativen Klimastempel.

Stuhlreihen für jene, die nicht auf Fotos wollen

Sven warnt die Plenarversammlung zu Beginn gleich vor: Es seien Medienschaffende im Saal. Die Medienverantwortliche Fanny betont, für Journalisten und Kameraleute gebe es einen Medienkodex. «Alle Teilnehmer können die Publikation von allem Inhalt jederzeit verweigern, wenn sie damit nicht einverstanden sind», steht da unter anderem. Wer sich nicht fotografieren oder filmen lassen will, kann in zwei markierten Stuhlreihen beim Haupteingang sitzen.

Dann gehts los. Sven erklärt die Zeichensprache, die im Treffen benutzt wird: Nach oben gestreckte, wackelnde Hände bedeuten «wow, super»; gekreuzte Hände signalisieren Unzufriedenheit; wer einen technischen Einwand hat, formt ein T; wer direkt entgegnen will, hält beide Hände nach oben und schwenkt die Zeigefinger hin und her. Und wer sich positiv berührt fühlt, formt ein Herz. Die Zeichensprache sorgt für Tempo und Unmittelbarkeit in den Diskussionen.

Zwei professionelle Dolmetscherinnen sorgen dafür, dass sich TessinerInnen, Romands und DeutschschweizerInnen verstehen. Ist - etwa bei Gruppenarbeiten - keine Dolmetscherin anwesend, wird bei Verständigungs-Schwierigkeiten Englisch gesprochen.

Die Gruppe «Nationale Wahlen» trifft sich in Raum 11 des zweiten Untergeschosses. 25 Personen diskutieren über Konzepte, die eine Arbeitsgruppe vorbereitet hat. «Ich möchte etwas verändern», sagt Anina aus Burgdorf in der Vorstellungsrunde. «Doch ich habe nicht allzu viel Hoffnung.» Beni aus Basel betont, dass er «die Mehrheiten im Parlament ändern möchte».

Dann wird die Gruppe aufgesplittet, um die einzelnen Konzepte zu besprechen. Diskutiert wird etwa über eine Charta, welche die Nationalrats-Kandidaten aller Kantone unterschreiben sollen. Sie enthält die Forderungen der Bewegung Klimastreik: Erstens soll die Schweiz den Klimanotstand ausrufen, zweitens netto Null Treibhausgasemissionen bis 2030 verursachen. Drittens brauche es Klimagerechtigkeit. Und viertens einen Systemwechsel, falls die Forderungen im aktuellen System nicht erfüllt werden.

«Die Kandidatinnen und Kandidaten können unterschreiben oder nicht», sagt die Klima-Jugendliche Noëlle Ruoss (18) später bei der Präsentation vor der Plenarversammlung. Man werde online publizieren, wer geantwortet habe und wer nicht, wer die Forderungen unterstütze und wer nicht. «Ziel ist es, die Wahlen unparteiisch zu beeinflussen», sagt sie und sammelt Lacher mit dieser Aussage. Am Sonntag gibt das Plenum einer Arbeitsgruppe mit 67,9 Prozent der Stimmen grünes Licht für die Charta.

Auch über das Projekt einer neuen Webseite zu den Parteien wird diskutiert. Die Klima-Jugend möchte Journalisten dafür gewinnen, die Haltung der Parteien zum Klima einzuordnen. Unterstützt würden sie von einem wissenschaftlichen Rat, dem etwa der WWF angehört. Dieses Projekt kommt noch nicht vor das Plenum. Als Drittes thematisiert die Gruppe ein gedrucktes «Klima-Informationsblatt», das in alle 3,7 Millionen Haushalte der Schweiz verschickt werden soll. Die Zeitung wird nicht als Projekt der Bewegung umgesetzt. Private nehmen die Idee auf.

Nicht mit Handzeichen begrüsst wird Dominik. Der Koch erntet einen guten alten frenetischen Applaus, als er am Abend den Plenarsaal betritt und verrät, was er für das Nachtessen vorbereitet hat: Humus, Tofu, Salate, Gemüse und Bratkartoffeln aus dem Ofen. Seine veganen und glutenfreien Speisen stossen auf grosses Echo.

Erstmals nicht nur Entscheide im Konsens

Am Sonntag beschliesst dann das Plenum noch eine Präzisierung zur Forderung netto Null bis 2030: «Die netto Treibhausgasemissionen müssen zwischen 1.1.2020 und 1.1.2024 um mindestens 13 Prozent pro Jahr sinken und danach um mindestens acht Prozent pro Jahr, bis 1.1.2030.»

Dass der Klimastreik Entscheide erstmals nicht nur im Konsensverfahren traf, sondern auch mit Zwei-Drittel-Mehrheiten, bewährte sich. «Es ist keineswegs so, dass das Konsensverfahren schlecht war», betont der Klima-Jugendliche Jan Burckhardt (17). «Es hat sich bewährt. Doch wir möchten einen Schritt in die Zukunft machen.»