Neuer Postchef
Die kleine Geschichte des Berner Filzes

Günstlings- oder Vetterliwirtschaft? Chüngeli- oder Klientelpolitik? Der Filz hat viele Namen – und in der Schweiz Tradition.

Doris Kleck
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Bundesrätin Simonetta Sommaruga hievt ihren Parteikollegen Christian Levrat an die Spitze der Post - und wird deswegen kritisiert.

Bundesrätin Simonetta Sommaruga hievt ihren Parteikollegen Christian Levrat an die Spitze der Post - und wird deswegen kritisiert.

Marcel Bieri / KEYSTONE

Natürlich war Bundesrätin Simonetta Sommaruga auf die Frage vorbereitet: auf die Filz-Frage. Die Sozialdemokratin hat einen Sozialdemokraten an die Spitze des Postkonzerns gehievt. Und nicht irgendeinen, sondern ihren ehemaligen Parteipräsidenten: Christian Levrat. Sommaruga hatte eine Liste dabei mit den Namen ihrer bisherigen Ernennungen als Vorsteherin des Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek).

Die Botschaft: Ich entscheide nicht nach Parteibuch, sondern nach Expertise. Nun gut. Verwaltungsratspräsident der Post ist natürlich etwas anderes als die Leitung einer Expertengruppe. Die wirschen Reaktionen – Vetterliwirtchaft! Chüngelipolitik! Günstlingswirtschaft! Klientelpolitik! – konnte sie damit denn auch nicht verhindern.

Dabei hat diese Art von Postenvergabe nach Parteibuch in der Schweiz eine Tradition. Sommarugas Vorgängerin im Uvek war CVP-Magistratin Doris Leuthard, und sie war ebenfalls eine Spezialistin in Sachen Stellenvermittlung für Parteifreunde. Sie machte Ex-Fraktionschef Urs Schwaller zum Post-Präsidenten und verhalf Jean-Michel Cina, vorher Walliser Staatsrat und ebenfalls Ex-Fraktionschef zum SRG-Präsidentenjob.

Das Uvek ist ein exponiertes Departement – wegen der angehängten bundesnahen Betrieben wie SBB, Post, Swisscom und SRG. Filz-Vorwürfe gab es deshalb auch an Moritz Leuenberger (SP), den Vorgänger Leuthards an der Departementsspitze. Etwa, als Parteikollege Ulrich Gygi zum Präsidenten der SBB ernannt wurde, zuvor bereits Chef der Post und der Eidgenössischen Finanzverwaltung – gefördert wiederum durch Bundesrat Otto Stich. Ebenfalls Sozialdemokrat.

Gygi doktorierte bei Walter Müller an der Uni Bern, genau so wie seine Parteikollegen Benedikt Weibel (früher SBB-CEO) und Peter Siegenthaler (früherer Chef der Finanzverwaltung und später Verwaltungsrat bei den SBB.) Man spricht in Bundesbern mal von der Müller-Connection, mal von den Stich-Boys. Zu letzteren gehörte auch Jean-Noël Rey (SP), dem sein Förderer Stich zum Chefposten bei der Post verhalf.

SP und CVP sind starke Verfechter des Service Public. Insofern überrascht es nicht, dass ihre Vertreter besonders häufig an den Spitzen der staatsnahen Betriebe landen. Nur: Postengeschacher gibt es auch in anderen Parteien. Bei alt Bundesrat Pascal Couchepin (FDP) sprach man von der «Fendant-Connection». Er beförderte mit Vorlieben seine Parteifreunde – nicht immer mit glücklicher Hand.