Abstimmung

Die Kita-Leiterin, welche für die SVP die Herdprämie eintreiben muss

Bis im November wird sie kaum Zeit auf dem Sofa verbringen können: SVP-Politikerin Nadja Pieren in ihrer Burgdorfer Wohnung.Annika Bütschi

Bis im November wird sie kaum Zeit auf dem Sofa verbringen können: SVP-Politikerin Nadja Pieren in ihrer Burgdorfer Wohnung.Annika Bütschi

Gleich für zwei Vorlagen vom 24. November wirbt die SVP-Nationalrätin und Kita-Leiterin Nadja Pieren. Weil das grosse Budget fehlt, heisst es diesmal Wild plakatieren statt Extrablatt. Diesmal aber ohne Provokation – so hofft sie wenigstens.

Der Zufall verschafft Nadja Pieren in diesem Herbst einen aussergewöhnlich intensiven Abstimmungskampf. Bei zwei von drei Vorlagen, die am 24. November vors Volk kommen, mischt sie an vorderster Front mit: Das Referendum gegen die Vignetten-Preiserhöhung hat sie selber lanciert; bei der SVP-Familieninitiative ist die Kita-Betreiberin Kampagnenleiterin.

Die 33-jährige Berner SVP-Nationalrätin hat nicht damit gerechnet, dass beide Abstimmungen ausgerechnet auf denselben Sonntag fallen. Dennoch kam für sie nie infrage, sich bei einem der beiden Anliegen zurückzunehmen.

«Bis zum 24. November bin ich nun voll absorbiert», sagt sie – und zeigt ihre volle Agenda.

Von Bern über Nidwalden bis nach Graubünden führt ihre «Tour de Suisse». Sie wird an Podien mal für die eine, mal für die andere, mal für beide Vorlagen werben. Vorbereitung erübrigt sich: «Die Argumente habe ich intus.»

Unauffällig auf Hardliner-Kurs

Mit der Doppelrolle im Abstimmungskampf setzt Pieren ihren rasanten Aufstieg fort: 2009 die Wahl in den Burgdorfer Stadtrat, 2010 der Einzug in den Berner Grossen Rat und ins Vizepräsidium der SVP Schweiz, 2011 der Sprung in den Nationalrat.

«Ich habe die klassische Politkarriere gemacht – einfach in drei statt in zwanzig Jahren.»

Nationalrat Walter Wobmann (SVP/SO), der Pieren seit den Anfängen ihrer Karriere kennt, sieht neben politischem Talent einen weiteren Grund für ihren Erfolg: «Sie ist eine Krampferin, die anpacken kann.» So sammelten Wobmann und Pieren, ohne Unterstützung der Partei die nötigen Unterschriften für das Referendum gegen die Erhöhung der Vignettenpreise.

Ratskollegen, die mit ihr in der Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur (WBK) sitzen, beschreiben sie als unauffällig. Die dominanteste sei sie nicht, sagt ein bürgerlicher Nationalrat, der nicht namentlich genannt werden will.

«Sie ist nicht diejenige, die am meisten Kohlen aus dem Feuer holt.» Und eine Parlamentarierin aus dem bürgerlichen Lager sagt, sie verfolge meist den Kurs der SVP-Hardliner. Sie finde das gerade bei Familienfragen für eine Kita-Leiterin wie Pieren erstaunlich.

Der Vorwurf, sie wolle die Frauen zurück an den Herd schicken, nerve sie ganz besonders, sagt Pieren und wird energischer: «Niemand in der SVP ist gegen Kitas – und ich schon gar nicht. Gefährlich ist einzig, wenn nur ein Familienmodell gefördert wird.» Gleichberechtigung ist eines der Schlagwörter, mit denen sie dem Stimmvolk die Familieninitiative näher bringen will.

Kein Geld, kein Extrablatt

In ihrem Burgdorfer Wohnzimmer deutet allerdings noch nichts auf den Abstimmungskampf hin: Keine Flyer, keine Plakate, keine Extrablätter liegen herum. Wenig Spuren finden sich auch in der Öffentlichkeit.

Verglichen mit der Offensive gegen den Familienartikel im März macht sich die SVP bei ihrer Familieninitiative bisher kaum bemerkbar.

Ein Extrablatt für jeden Schweizer Haushalt wie vor der Familienartikel-Abstimmung gebe es diesmal nicht, sagt Pieren. «Das Geld dazu fehlt.» Im Stich gelassen von der Partei fühle sie sich deswegen nicht, sagt sie. «Das Geld fliesst auch bei der SVP nicht einfach so.»

Stattdessen muss sie nun dafür sorgen, dass möglichst viele Sympathisanten Plakate auf ihren Grundstücken aufstellen.

Wilde Plakatierung nennt sie das. Statt auf weinende «Staatskinder» hinter Gittern setzt die SVP diesmal auf Kinder, die mit der Sonne um die Wette strahlen.

«Manchmal macht es Sinn zu provozieren und die Leute aufzurütteln. Bei den Vignetten und der Familieninitiative wäre das aber falsch.» Sie hofft darauf, dass sich die Botschaften der Vorlagen diesmal auch ohne Provokation vermitteln lassen.

Meistgesehen

Artboard 1