Die Kirche ist zu weit weg von den Leuten. Diese These ist nicht neu. Aber Josef Hochstrasser hat dazu ein kurzes und knappes Buch geschrieben mit dem provokanten Titel «Die Kirche kann sich das Leben nehmen».

«Ich bin kein dümmlicher Atheist, der alles ablehnt», sagt er dazu in der Sendung «TalkTäglich» auf Tele Züri. Nein, Josef Hochstrasser ist Theologe, arbeitete als Kantonsschullehrer, ist als Autor auch Biograf von Ex-Natitrainer Ottmar Hitzfeld. Und vor allem ist er Pfarrer. Erst katholischer, bis er sich verliebte, heiratete und deswegen die Konfession wechselte.

«Keine Reformierte und Katholiken, nur Christen»

«Ich liebe beide Kirchen, die reformierte und die katholische», sagt er. Er habe durch sie sehr viel für sein Leben gewonnen. «Aber wenn ich jetzt Arzt wäre, müsste ich den beiden Kirchen wirklich eine trübe Diagnose stellen: Sie sind altersschwach, senil, sehen nicht mehr gut, hören nicht mehr gut.»

Nicht zur Zuhören müssten die Kirchen wieder lernen, Hochstrasser fordert exakt 500 Jahre nach der Reformation: «Es soll keine Reformierte und Katholiken mehr geben, sondern Christen.» Es gehe darum, die positiven, humanistischen, visionären Kräfte zusammenfinden.

«Jesus müsste man erklären, was die Kirche ist»

Josef Hochstrasser geht es «um die Power dieses Jesus von Nazareth». Obwohl 2000 Jahre alt, könnte diese immer noch da sein.

Der Glaube habe ja schliesslich auch nicht in der Kirche begonnen. Sondern bei einer Gruppe, die sich habe «entflammen» lassen durch eben diesen Jesus. Als «keine fromme Sache» bezeichnet er Jesus, «das war ein Typ». Er bezeichnet ihn auch als Humanist. Würde dieser Typ heute auf die Welt kommen, müsste man ihm erst erklären, was die Kirche oder der Papst ist.

Ist die Kirche am Ende? Sehen Sie hier die Sendung «TalkTäglich» mit Josef Hochstrasser in voller Länge

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Den Kirchen laufen die Mitglieder in Scharen davon. Kein Wunder, findet Josef Hochstrasser. In seinem neuen Buch geht der Theologe mit den Gotteshäusern scharf ins Gericht.

«Niemand weiss, was Jesus überhaupt wollte»

Hochstrasser gibt zu: «Ich weiss nicht mit absoluter Sicherheit, was dieser Jesus von Nazareth überhaupt wollte.» Aber: «Das weiss nicht einmal Papst Franziskus.»

Seine Vision nennt er «Kirche im Vorübergehen». Will heissen: Menschen finden zusammen, um eine bestimmte Frage zu lösen, die ihnen das Leben stellt. Und wenn diese Aufgabe gelöst ist, geht man wieder auseinander. «Und nicht, dass man das dann institutionalisiert und zum Schweigen bringt.»

Und so fordert er auch eine «konsequente Trennung der Kirche vom Staat». Dadurch würden die Kirchen arm werden. Das würde aber «sehr viel freilegen, glaube ich.» Und die Spreu vom Weizen trennen. (smo)