Armut in der reichen Schweiz? «Gibt es nicht.» So wie SVP-Nationalrat Sebastian Frehner reagieren nicht wenige, wenn man sie darauf anspricht. Schliesslich muss in unserem Land niemand verhungern, von Zuständen wie in Rumänien oder Bangladesch sind wir weit entfernt. Und doch: Armut gibt es in der Schweiz sehr wohl, sie ist nur an der Oberfläche kaum sichtbar. Dies zeigen die Beispiele aus dem Arbeitsalltag einer Caritas-Sozialarbeiterin (siehe Kästchen rechts unten), aber auch die nackten Zahlen. Das Beunruhigende dabei: Besonders hart trifft es die Kinder.

Bis Ende Nullerjahre kein Thema

Dabei gäbe es eigentlich Positives zu vermelden: Sowohl die Zahlen des Eidgenössischen Bundesamts für Statistik (bfs) wie auch die Erhebungen von Eurostat, des Statistikamts der EU, zeigen sinkende Zahlen zur Armut in der Schweiz, während sich die Situation in den EU-Ländern seit der Finanzkrise 2008 verschärft hat. Für die Zeit davor gibt es für die Schweiz keine Zahlen. Bis Ende der Nullerjahre war Kinderarmut hierzulande schlicht kein Thema. Erst vor sechs Jahren begann man, Daten dazu zu erheben und auszuwerten.

Eurostat ermittelte für das Jahr 2014, dass 253 000 oder jeder Sechste der Unter-18-Jährigen in der Schweiz von Armut und sozialer Ausgrenzung bedroht sind oder in Armut leben. Dies sind 3,5 Prozent weniger als 2007.

Grund zur Freude also? Marianne Hochuli, Leiterin Bereich Grundlagen bei der Hilfsorganisation Caritas, verneint: «Für die Alltagsrealität sind diese Zahlen wenig aussagekräftig – wir verzeichnen jedenfalls von Jahr zu Jahr mehr Sozialberatungen, insbesondere von Familien.» Auch die Sozialhilfezahlen würden eine andere Sprache sprechen: Von 2008 bis 2014 stieg die Anzahl Sozialhilfebeziehender von 220 000 auf 265 000, wobei jeder Dritte unter 18 Jahre alt ist. Dieser Wert blieb konstant.

«Dass die Kinderarmut statistisch gesehen leicht abgenommen hat, ist natürlich erfreulich – für ein reiches Land wie die Schweiz ist der Wert aber immer noch viel zu hoch», sagt Hochuli. Kinderarmut sei besonders schlimm, denn wachse ein Kind in Armut auf, so sei die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass es arm bleiben werde: Das sei nicht nur für die Betroffenen tragisch, die ihrer Lebenschancen beraubt würden, sondern auch politisch kurzsichtig: Würde das Problem an der Wurzel gepackt, könnten hohe Folgekosten vermieden werden.

Von Beginn weg schlechte Karten

Die Auswirkungen der Kinderarmut beschränken sich nicht auf materielle Entbehrungen: Kinder, die sich die angesagten Kleider, Geräte oder Freizeitaktivitäten nicht leisten können und denen zudem die Unbeschwertheit der Kollegen fehlt, werden oft ausgegrenzt – oder ziehen sich gleich selber zurück.

Was ist zu tun? Ein wichtiger Ansatzpunkt wäre laut Hochuli die frühe Förderung. Denn Armut hänge stark mit sozialer Herkunft zusammen und die Schul- und Berufschancen entschieden sich schon vor Kindergarten und Schule: Lernt ein Kind als 3- bis 5-jähriges nicht, mit Gleichaltrigen zu spielen und zu streiten, fehlen ihm wichtige Voraussetzungen für das systematische Lernen ab dem Schulalter. Und genau hier hapert es in der Schweiz: Es mangelt an kostenlosen oder subventionierten Angeboten. International steht die Schweiz in diesem Bereich sehr schlecht da. Bezüglich Bildungschancen liegt die Schweiz gemäss einer Unicef-Statistik an 20. Stelle von 41 erfassten Ländern weltweit.

Inforgram: von Armut bedrohte Kinder

Schliesslich stehen viele Eltern – insbesondere Alleinerziehende – vor unlösbaren Problemen, was die Vereinbarkeit von Beruf und Familie anbelangt. Allgemein sei das Schweizer Sozialsystem immer noch auf das längst überholte Ein-Ernährermodell ausgerichtet.

Armutsprogramm vor dem Aus

Auf Bundesebene ist das Problem erkannt: 2014 lancierte der Bundesrat ein Nationales Programm zur Bekämpfung und Prävention von Armut. 9 Millionen Franken werden investiert, um die Informationslage und die Vernetzung unter den verschiedenen Akteuren zu verbessern. Doch bereits 2018 droht das Thema wieder von der politischen Bühne zu verschwinden: Dann müsste das Programm verlängert werden, und die Chancen dafür stehen im bürgerlich-konservativ dominierten Parlament schlecht.

«FDP und SVP werden das hohe Lied auf die Eigenverantwortung singen und das Projekt torpedieren», glaubt der Bündner CVP-Nationalrat Martin Candinas. Er selber meint: «Schon 1000 Franken können einem Kind helfen, es von mit Armut einhergehender Stigmatisierung zu bewahren.» Auch Yvonne Feri von der Aargauer SP sieht Handlungsbedarf: «Der Bund nimmt seine Verantwortung bei der Bekämpfung der Kinderarmut zu wenig wahr. Seit den letzten Wahlen ist meine Zuversicht, dass sich an den unhaltbaren Zuständen etwas ändern wird, kleiner denn je.»

Der Basler SVP-Nationalrat Sebastian Frehner kündigt hingegen an, dass er die Verlängerung des Armutsprogramms bekämpfen wird. Mit der hiesigen Armutsdefinition könne er nichts anfangen: «Es gibt keine armen Leute, die legal hier wohnen.»

Wenn die Familie zu wenig Geld hat, leiden die Kinder – drei Beispiele aus dem Beratungsalltag der Caritas