Gastronomie

Die Kehrseite des Sommermärchens – warum Berns Pop-up-Bars ein Balanceakt sind

Früher ein Unort, heute Ausdruck eines urbanen Lebensgefühls: Die Bar «Peter Flamingo» sorgt auch für mehr Sicherheit.

Früher ein Unort, heute Ausdruck eines urbanen Lebensgefühls: Die Bar «Peter Flamingo» sorgt auch für mehr Sicherheit.

Die Stadt Bern belebt ihre öffentlichen Plätze und erlebt eine urbane Sommerekstase. Viele sind vom Konzept begeistert, aber nicht alle mögen in die Euphorie einstimmen. Tom Berger ist zwar froh, dass es mehr Angebote gibt, stellt aber fest: «Die Behörden haben teilweise bereits wieder den Rückwärtsgang eingelegt.»

Wer an Bern denkt, sieht das Bundeshaus und die Altstadt vor seinem inneren Auge vorbeiziehen. Die Berner hingegen fühlen sich wie in einer Grossstadt. Diese Woche beschrieb ein Journalist der «Berner Zeitung» die «urbane Sommerekstase» in seiner Heimatstadt. «Der Blick schweift über die nahen Dächer der Stadt, über denen die aufgeheizte Luft flimmert wie über dem Basar von Marrakesch, doch dann schaut man hinunter auf die Gleise und die Monsterbaustelle zur Umgestaltung des Bahnhofs. Was für eine coole Location! Wäre es Berlin oder London oder Kopenhagen: Man würde sich hinstellen, ein Selfie schiessen und dieses sofort auf Instragram posten: Ich in der Grossstadt.»

Beschrieben wird der Blick vom «Peter Flamingo», eine der vielen Pop-up-Bars in Bern. Man sitzt auf Paletten, holt sein Bier in Containern und erledigt sein Geschäft häufig auf der ökologisch korrekten Version von Toi-Toi-WCs. Sie tragen Namen wie «Trybhouz», «Brookly» oder «Aarebar»; haben eine Bewilligung für 90 Tage und sind politisch gewollt. «Wir versuchen, den öffentlichen Raum aktiver zu bewirtschaften», sagt Sicherheitsdirektor Reto Nause. Pop-up-Bars seien eine Win-win-Situation: «Die Belebung öffentlicher Plätze ist aus Sicherheitsgründen wichtig. Als bürgerlicher Politiker bin ich auch froh, wenn das Gewerbe gut läuft.»

«Peter Flamingo» liegt oberhalb des Bahnhofs. Früher war der Platz bekannt für Drogenhandel und Kriminalität. Anstatt Repression gibt es nun viel Leben und gute Laune. Eventmanager Camil Schmid ist der Kopf dahinter. Das Erfolgsgeheimnis seien die vielen Veranstaltungen: Kino, Konzerte, Yoga. Der Ort ist frei zugänglich. Konsumzwang gibt es nicht – selbst Picknicken ist erlaubt. Schmid, der Berner Pop-up-Pionier, lobt die Stadt: «Bern will vorwärtsmachen. Die Behörden sind extrem offen»

Nicht alle mögen in diese Euphorie einstimmen. Tom Berger, ist FDP-Parlamentarier und trägt den Übernamen «Mister Nachtleben.» Auch er stellt fest, dass es in Bern mehr Angebote gibt. 

Tatsächlich gibt es auch eine Kehrseite des Sommermärchens. Letzte Woche beendete die Gewerbepolizei aufgrund einer Lärmklage ein Konzert im Kocherpark bereits um 19 Uhr – weil keine Bewilligung für den Gebrauch eines Verstärkers vorlag. Die Festivalbetreiber hätten zudem sieben Monate lang auf eine Bewilligung warten müssen, moniert Berger. Und schliesslich machte die Stadt so viele Auflagen, dass das Festival nicht mehr selbsttragend sein könne. Von einem Rückwärtsgang will Sicherheits- direktor Nause nichts wissen: «Vieles funktioniert, aber nicht alles. Wir müssen bei der Dichte der Veranstaltungen neu justieren.» Es gelte, die richtige Balance zwischen den Interessen der Anwohner und der Gastronomen zu finden.

Vorstoss im Stadtparlament

Der Lärm ist das eine, die gleich langen Ellen das andere. Via Medien wird immer wieder Kritik laut, dass die Behörden stationäre Gastrolokale nicht gleich behandeln wie Pop-up-Projekte. Die Behörden wehren sich gegen den Vorwurf. Doch manchmal ist die Ungleichbehandlung nicht von der Hand zu weisen, sie hat mit anderen gesetzlichen Vorgaben zu tun. So wurde gestern bekannt, dass die stadtbekannte «Brasserie Lorraine» ihre Montagskonzerte nicht mehr im Garten austragen darf. Ein Anwohner hatte sich beschwert und daraufhin stellte sich heraus, dass die Brasserie gar nie eine Bewilligung eingeholt hatte. Bekommen hätte sie sie aber ohnehin nicht: Für Veranstaltungen in bestuhlten Aussenräumen von Gastrobetrieben gibt es höchstens einmal jährlich eine Bewilligung. Das ist kantonales Gesetz. Damit hadert selbst die Stadt. Reto Nause sagt es so: «Als Bewilligungsbehörde wären wir gerne noch beweglicher.»

Tom Berger kämpft seit Jahren für ein lebendigeres Nachtleben in Bern und erlebt seit je, wie sich Gemeinde, Kanton und Bund gegenseitig die Schuld in die Schuhe schieben. Er setzt seine Hoffnung auf einen Vorstoss im Berner Stadtparlament: Es soll eine Lärmschutzzone geschaffen werden, wo Wohnen und Gewerbe gleichwertig sind. Wer in solch eine «urbane Wohnzone» ziehe, dem sei klar, dass ihn auch Lärm erwarte, sagt Berger.

Barbetreiber Camil Schmid hat für die Anwohner eine Hotline eingerichtet. Beschwert sich jemand, wird die Lautstärke runtergedreht: «Es braucht auf beiden Seiten Kompromisse», sagt Schmid. Er stellt aber ohnehin fest, dass sich das Feiern mehr auf den Nachmittag und den frühen Abend verschiebe. Das sei nicht nur gut wegen des Lärmproblems: «Die Leute sind auch frischer und haben eine natürliche Energie: Das fägt mehr.»

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