Tourismus
Die Jungfrau-Region boomt – rund 70 Prozent der Touristen stammen aus Asien

Weil Grindelwaldner Hoteliers Gäste aus aller Welt haben, kosten Zimmer das ganze Jahr über gleich viel. Nicht nur die Jungfraubahnen boomen; gut läufts auch den Hotels der Region.

Roman Seiler
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Jungfraubahn erzielt Rekord-Ergebnis.

Jungfraubahn erzielt Rekord-Ergebnis.

Keystone

Die Luft ist dünn auf 3454 Metern. Dennoch ist die atemberaubende Aussicht auf dem Jungfraujoch zwischen Eiger und Mönch immer beliebter: 2015 fuhren erstmals mehr als eine Million Besucher aufs Joch.

Rund 70 Prozent aller Touristen stammten aus Asien. Im Schnitt gaben sie 107 Franken für die Fahrt aus. Patrizia Bickel, Sprecherin der Jungfraubahnen, sagt: «Wir begannen bereits 1997, in Asien ein Netz von Vertretern aufzubauen und führten damit neue Regeln im Tourismus ein. Diesen Markt frühzeitig zu bearbeiten, hat sich gelohnt.»

Nicht nur die Jungfraubahnen boomen; gut läufts auch den Hotels der Jungfrau-Region, zu der Grindelwald und Wengen, Lauterbrunnen, Mürren und das Haslital zählen. Denn der Anteil von Gästen aus der Schweiz und Europa ist mit 65 Prozent wesentlich tiefer als derjenige am Fuss des Matterhorns oder rund um St. Moritz im Engadin (siehe nachfolgende Grafik).

Während diese Destinationen in Graubünden und im Wallis weniger Logiernächte in Hotels verzeichneten, legten diejenigen in der Jungfrau-Region leicht zu, trotz des beinharten Frankens nach dem Fall des Euro-Mindestkurses im Januar 2015.

Das hatte zur Folge, dass Ferien in der Schweiz für Gäste aus dem Euroraum teurer geworden sind. Schweizer können sich deswegen ennet der Grenze mehr leisten als im eigenen Land.

Terroranschläge zeigen Wirkung

Zwar zeichnet sich ab, dass die Bäume auch in der Jungfrau-Region nicht in den Himmel wachsen. Patrizia Bickel von den Jungfraubahnen sagt: «Die Anschläge in Europa sowie die Berichterstattung über die Flüchtlingsströme und die Unruhen in der Türkei haben sicher negative Auswirkungen für den Tourismus als Ganzes und auch für uns.»

So stornierten Anfang Jahr gemäss eines Grindelwaldner Hoteliers zwar asiatische Touroperators Reisen wegen der Terroranschläge in Paris, buchten sie aber wenige Wochen später wieder.

Der Hoteliervereinspräsident von Grindelwald und Gastgeber im 4-Sterne-Hotel Aspen, Stefan Grossniklaus, sagt, der Rückgang chinesischer Gäste sei begrenzt. Die Schweiz profitiere möglicherweise gar davon, dass sie politisch stabil und sicher sei.

Ernst Wyrsch, Präsident von Hotelleriesuisse Graubünden, sagt, man müsse dies in Zukunft thematisieren: «Das wird für Gäste bei der Auswahl ihrer Feriendestination zunehmend wichtiger werden.»

Auch wenn Touristen aus Übersee und Asien ganz Europa, also auch die Schweiz, als unsicher erachten: Wie vorteilhaft es ist, wenn alpine Tourismusorte Gäste aus möglichst vielen Herkunftsländern anziehen, illustriert das Beispiel von Grindelwald: Der Verlust von jedem fünften Gast aus Europa konnte 2015 durch den Zugewinn an Touristen aus Asien und Afrika praktisch vollumfänglich kompensiert werden.

Stefan Grossniklaus sagt, die Grindelwaldner hätten eben schon vor 30 Jahren erkannt, dass der Winter zum Krisenfall werde. Daher versuche man seit langem, neue Märkte zu erschliessen: «Das macht sich nun bezahlt.»

Der Buchungsstand sei gut: «Mein Hotel ist voll.» Der Durchschnittsumsatz pro Zimmer sei im Sommer mit 300 Franken höher als im Winter. Denn das Dorf am Fuss des Eigers hat im Sommer mehr Gäste als im Winter. Daher sind die Preise der meisten Grindelwaldner Hotels in beiden Saisons gleich hoch.

Das gilt auch für viele Wengener Betriebe. In Zermatt verlangen Hotels gemäss Hoteliervereinspräsident Florian Julen im Sommer 20 bis 25 Prozent weniger für ein Zimmer. In Graubünden sind die Differenzen teilweise gar weit höher.

Gruppenreisende zahlen weniger

Im Berner Oberland, so Wyrsch, sei die Auslastung der Hotels zwar besser, dafür die Preise tiefer: «Wir setzen vor allem auf Individualreisende, die höhere Preise zahlen als Gruppenreisende. Daher ist die Wertschöpfung pro Gast in Graubünden höher.»

Denn Reisende aus Asien, insbesondere aus China, geben zwar viel Geld beim Einkaufen aus, beispielsweise für Uhren, sparen aber bei den Ausgaben für Unterkunft und Verpflegung. Insgesamt zahlt ein Gruppenreisender deutlich weniger für seine Unterkunft als ein Individualtourist.

Dennoch räumt Wyrsch ein, Graubünden habe zu lange einseitig auf den deutschen und schweizerischen Markt gesetzt, das Engadin zudem noch auf den italienischen: «Das waren meist Stammgäste. Es hätte viel Mut gebraucht, diese zu vergraulen, um neue zu akquirieren.»

Dafür werde Graubünden nun von der Aufbauarbeit des Berner Oberlands profitieren, denn Asiaten, insbesondere Chinesen, buchten meist eine Gruppenreise, wenn sie das erste Mal kämen: «Ein zweites oder drittes Mal besuchen sie die Schweiz als Individualtouristen und wollen dann auch andere Destinationen kennen lernen. Darauf müssen wir uns vorbereiten.»

Auch Zermatt bemühe sich, neue Gäste aus anderen Ländern anzuziehen, sagt Edith Zweifel, Sprecherin von Zermatt Tourismus: «Wir waren die Ersten in der Schweiz, die bereits ab den Sechzigerjahren Marketingaktivitäten in Japan und China starteten.»

Zudem sei ein Ziel der Tourismusstrategie, den Sommertourismus zu stärken: «Wir werden weiter ältere Schweizer Skitouristen verlieren. Ein wichtiger Grund ist: Heute geht nicht mehr jeder Schweizer Jugendliche in ein Skilager.»

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