Die Jugend in der Pandemie
Das psychische Leiden der jungen Corona-Generation

Ungewissheit, Depressionssymptome, Therapiemangel: Seit der Corona-Pandemie hat die psychische Belastung zugenommen. Gemäss Studien und Experten sind Junge besonders betroffen. Wir haben mit zwei von ihnen gesprochen.

Valérie Jost
Merken
Drucken
Teilen

«Ich habe manchmal das Gefühl, durchzudrehen», sagt Gwendolin Kaiser. «Dann schreit es in mir drin nur noch.» Die zierliche 21-Jährige spricht ruhig und sehr gefasst ob des emotionalen Themas. Kaiser ist mit mehreren psychischen Störungen diagnostiziert: Essstörung, Depression, emotional instabile Persönlichkeitsstörung des Borderline-Typs (siehe Infobox). Schon einige Monate vor der Pandemie ging sie deshalb von sich aus zur Psychotherapie. Dann kam Corona, der Lockdown – und alles wurde schlimmer.

«Es brach eine Welt für mich zusammen», sagt die gelernte Schneiderin, «als ich erfuhr, dass ich am nächsten Tag nicht mehr arbeiten gehen kann.» Während des Erzählens gestikuliert sie mit den Händen, aber nicht wild, sondern langsam und mit klaren Gesten, so als würde sie in der Luft ihre Erlebnisse nachzeichnen wollen.

Emotional instabile Persönlichkeitsstörung des Typs Borderline

Das Klassifikationssystem der WHO, der ICD-10, unterscheidet bei emotional instabilen Persönlichkeitsstörungen zwei Typen: den Typ Borderline und den impulsiven Typ. Letzterer ist gekennzeichnet von emotionaler Instabilität und mangelnder Impulskontrolle. Beim Typ Borderline kommen zusätzlich Störungen des Selbstbildes, chronische Gefühle der Leere, intensive und instabile zwischenmenschliche Beziehungen und eine Neigung zu selbstzerstörerischem Verhalten einschliesslich suizidalem Verhalten und Suizidversuchen dazu.

29 Prozent der Jungen mit Depressionssymptomen

Die erste Woche des Lockdowns sei es ihr sehr schlecht gegangen, sagt Kaiser. Sie sei depressiv gewesen: «Meine von der psychischen Störung ausgelösten negativen Gedanken verstärkten und verschlimmerten sich», erzählt sie. Sie fühlte sich einsam und allein gelassen. «Jegliche Struktur, die ich noch hatte, die mich bis dahin im Alltag mit meiner psychischen Belastung überleben und funktionieren liess, war plötzlich weg.»

So wie Gwendolin Kaiser geht es seit dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie vielen Jungen in der Schweiz. Gemäss der Swiss Corona Stress Study rund um Neurowissenschaftler Dominique de Quervain der Universität Basel (siehe auch Interview unten) litten während der zweiten Welle 29 Prozent der befragten 14- bis 24-Jährigen an mittelschweren oder schweren depressiven Symptomen. Mit steigendem Alter sinken die Prozentzahlen, bis es bei Personen ab 65 Jahren nur noch 6 Prozent sind. Dabei muss gesagt werden, dass ein Teil schon vorher psychisch angeschlagen war (siehe Grafik).

Anteil der Personen mit depressiven Symptomen schon vor der Pandemie, im April 2020 (links) und im Mai 2021 (rechts).

Anteil der Personen mit depressiven Symptomen schon vor der Pandemie, im April 2020 (links) und im Mai 2021 (rechts).

Grafik: zVg/Universität Basel

Deutlich mehr Klinikeinweisungen wegen Suizidalität

Gemäss der Swiss Corona Stress Study haben aber nicht nur depressive Symptome zugenommen, sondern auch Suizidgedanken: «Die Anzahl Personen mit täglichen Suizidgedanken hat sich im Lockdown, verglichen mit vor der Corona-Krise, fast verdoppelt», sagt Dominique de Quervain. Und auch diese Entwicklung traf speziell Junge härter. Oliver Bilke-Hentsch ist Chefarzt des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes der Luzerner Psychiatrie und Präsident der Vereinigung Kinder- und psychiatrischer Chefärzte der Schweiz. Er sagt: «Seit Herbst 2020 beobachten wir in vielen Kliniken deutlich steigende Einweisungszahlen, die bei weitem nicht mit der normalen jahreszeitlichen Schwankung zu erklären sind.» Die Hauptgründe seien Suizidalität, schwere Depression sowie anorexische Essstörungen.

Gemäss Oliver Bilke-Hentsch haben viele Jugendliche in der Pandemie Verlusterlebnisse nicht richtig verarbeitet.

Gemäss Oliver Bilke-Hentsch haben viele Jugendliche in der Pandemie Verlusterlebnisse nicht richtig verarbeitet.

Bild: zVg/Luzerner Psychiatrie

«Viele Jugendliche haben sich zurückgezogen und konnten sich so noch viel mehr mit ihren depressiven Gedanken beschäftigen», erklärt Bilke-Hentsch. Für ihn ist zudem die Dauer der Pandemie entscheidend: «In den letzten 16 Monaten haben sich bei vielen Jugendlichen Verlusterlebnisse akkumuliert, die sie nicht richtig verarbeitet haben.» Damit seien nicht nur reale Verluste wie der Verlust einer Lehrstelle gemeint, sondern auch Verluste von Hoffnungen und Einstellungen: «Die Jungen mussten dauernd darauf gefasst sein, dass ihre Pläne und Wünsche wegen neuer Massnahmen doch wieder nicht klappten, ausfielen oder zu kompliziert zu realisieren wurden.» Das sei auf die Dauer sehr erschöpfend.

Belastungen wirken bei Jungen entwicklungshemmend

Dazu kommt die besondere Verletzlichkeit von Kindern und Jugendlichen: «Sie befinden sich noch in der Entwicklung und zeitweise in besonders sensiblen Phasen», sagt Alfred Künzler, Psychotherapeut und Leiter des Netzwerk Psychische Gesundheit Schweiz. Im Gegensatz zu Erwachsenen beeinflusst eine Belastung nicht nur ihre momentane Verfassung, sondern sie «wirkt auch entwicklungshemmend, also nachhaltiger». Zudem sind genau die von den Massnahmen betroffenen Bereiche entwicklungsrelevant: Für Junge wiegen Belastungen oder Veränderungen im Sozialkontakt, beim Gefühl der Sicherheit oder des Eingebundenseins besonders schwer, so Künzler.

Alfred Künzler sagt, Jugendliche seien besonders verletzlich.

Alfred Künzler sagt, Jugendliche seien besonders verletzlich.

Bild: zVg/Gesundheitsförderung Schweiz

Die sozialen Kontakte, ihre Hobbys und Freizeitaktivitäten nennt denn auch Gwendolin Kaiser als eine der stärksten Belastungen in der Coronazeit: «Es war alles eingebrochen, alle Dinge, die mir Energie und Hoffnung gaben.» Deshalb sei es für sie im Lockdown auch schwieriger gewesen, sich selbst aus mentalen Tiefs zu helfen: «Es fielen viele eigene Ressourcen weg. Bei mir zum Beispiel meine Band, mit der ich nicht mehr proben konnte.»

«Schon eine normale Zugfahrt überstimuliert mich»

Auch Belén Rufibach aus Bern beschäftigt sich in ihrer Freizeit mit Musik, an Schlagzeug und Gitarre mit Kolleginnen. Die 20-Jährige macht eine Ausbildung zur Veranstaltungsfachfrau und mag es, spazieren zu gehen und in der Aare zu schwimmen. Sie ist ebenfalls in Psychotherapie, zur Aufarbeitung von emotionalen Traumata wegen Mobbing und Übergriffen sowie zur Abklärung einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung ADHS (siehe Infobox), die ihre Psychologin bei ihr vermutet.

Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS)

Das Klassifikationssystem der WHO, der ICD-10, führt ADHS unter der Oberkategorie «Hyperkinetische Störungen» auf und unterscheidet mehrere Typen. Hyperkinetische Störungen kennzeichnet ein früher Beginn (meist in den ersten fünf Lebensjahren), mangelnde Ausdauer bei Aktivitäten, die eine kognitive Beteiligung erfordern, und eine Tendenz, von einer Aktivität zur nächsten zu wechseln, ohne eine davon abzuschliessen, zusammen mit desorganisierter, schlecht regulierter und exzessiver Aktivität.

Rufibach selbst ist sich der Diagnose schon sicher: So können sie schon kleine Alltagsereignisse völlig aus der Bahn werfen, erzählt sie. Dazu kommt eine ständige innere Unruhe. «Es ist wie in einem Horrorfilm, wenn man weiss, dass jetzt dann gleich ein Schreckmoment kommt und man trotzdem sitzen bleibt», beschreibt sie das Gefühl. Ein solcher Moment kann für sie nur schon eine normale Zugfahrt sein: «Die konstanten Geräusche des Zuges überstimulieren mich.» Sie freue sich schon fast, die Diagnose zu erhalten, sagt Rufibach. «So könnte ich dem Monster unter meinem Bett endlich einen Namen geben.»

Den Geburtstag mit der Online-Community gefeiert

Gerade in Bezug auf die Überstimulation hat Rufibach die Corona-Pandemie auch positiv erlebt: viel weniger soziale Kontakte, keine Veranstaltungen, keine Arbeit und kein Pendeln in die Berufsschule. Ihre ADHS-Symptome zeigten sich schwächer. Die Kehrseite der Medaille waren beklemmende Gefühle aufgrund des Lockdowns: «Es wurde uns alles weggenommen, Ausgang, Sport, Hobbys. Ich fühlte mich wie eingesperrt», so die 20-Jährige. Sie sei empfindlicher geworden. «Simple Sachen wie ‹Wasch jetzt bitte ab!› wurden in meinem Kopf schnell zu ‹Du bist ein schlechter Mensch›», erzählt sie.

Für Belén Rufibach (20) hat die Pandemie sowohl positive als auch negative Aspekte.

Für Belén Rufibach (20) hat die Pandemie sowohl positive als auch negative Aspekte.

Bild: Valérie Jost

Durch diese Zeit geholfen hat ihr eine europaweite Online-Community, die sie selbst gründete und über die sich wildfremde Menschen online trafen, zum Reden, zum gemeinsamen Kochen oder um zusammen zu feiern. «Meinen Geburtstag haben wir auch gemeinsam gefeiert, einige Leute hatten sogar selbstgemachte ‹Happy Birthday›-Poster aufgehängt. Das hat mich sehr gerührt.»

«Ich hatte das Gefühl, dass ich mich an nichts festhalten kann»

Als in verschiedenen Ländern die ersten Lockerungen in Kraft traten, habe sich die Community auf natürliche Weise aufgelöst, so Rufibach. Schlimm fand sie das nicht: «Ich konnte dann auch wieder arbeiten gehen und hatte einen Teil meines Lebens zurück.»

Doch im Herbst 2020 stiegen die Fallzahlen wieder, viele Einschränkungen wurden erneut gültig. Für Gwendolin Kaiser eine niederschmetternde Zeit: «Es war hoffnungsraubend, dass sich die Situation wieder verschlimmerte. Als die Zahlen sanken, dachte ich, wir wären auf einem guten Weg und bald sei alles vorbei», so die 21-Jährige. Weil sie sich auf die Rückkehr von etwas Normalität so gefreut hatte, sei das Gegenteil umso schlimmer gewesen.

Diese Ungewissheit ist für sie mit das schlimmste an der Pandemie: «Man kann nicht sagen, ab welchem Datum es besser wird. Wir warten nur jede Woche darauf, welche neuen Massnahmen von der Politik kommen oder nicht kommen.» Dieses Wissen, dass jederzeit alles passieren kann, habe sie vor allem im Lockdown als sehr belastend empfunden: «Ich hatte das Gefühl, dass ich mich an nichts festhalten kann.»

Das sprichwörtliche «geteilte Leid»

Etwas Halt fand Kaiser in dieser Zeit bei ihrem Psychiater, bei dem sie bereits seit November 2019 in Behandlung ist. Hilfe holte sie sich, weil es ohne nicht mehr gegangen sei: «Im Sommer davor ging es mir psychisch immer schlechter, bis ich beschloss, dass es so nicht weitergehen kann.» Ihr Psychiater habe ihr Sicherheit gegeben, auch als die Pandemie kam. «Wir haben an meiner Tagesstruktur gearbeitet, sodass ich meinen Alltag besser planen konnte. Das half mir sehr, während rundherum alles so unsicher schien.»

Für Gwendolin Kaiser (21) ist mit das schlimmste an der Pandemie die Ungewissheit.

Für Gwendolin Kaiser (21) ist mit das schlimmste an der Pandemie die Ungewissheit.

Bild: Valérie Jost

Sie könne sich «sehr glücklich schätzen», schon vor Pandemie einen Psychiater gefunden zu haben, der zu ihr passe, so Kaiser. «Wer erst während der Pandemie einen Therapieplatz suchte, hatte es wegen des grossen Ansturms sehr schwer», gibt sie Erfahrungen aus ihrem Umfeld wieder. Gleichzeitig habe der Umstand, dass es währenddessen auch vielen anderen schlechter ging als vor Corona, sie getröstet: «Wie das sprichwörtliche ‹geteilte Leid› hat es mir geholfen, zu wissen, dass ich nicht die einzige bin.»

Therapieplätze wurden zur Mangelware

Dass Kaiser bei weitem nicht die einzige ist, zeigt etwa die starke Zunahme an Kontaktaufnahmen beim Beratungsangebot «147.ch». Die für das Angebot verantwortliche Jugendorganisation Pro Juventute schreibt in ihrem Corona-Report, Kontakte wegen depressiver Stimmungen hätten 2020 im Vergleich zum Vorjahr um 16 Prozent, solche wegen psychischer Störungen um 21 Prozent zugenommen. Von Oktober bis Dezember 2020, in der zweiten Welle, nahmen diese Anfragen noch einmal um 40 Prozent zu.

Auch bei Therapeuten und Therapeutinnen stieg die Nachfrage, etwa bei Sanasearch.ch. Auf der Plattform, die über 20'000 Fachpersonen listet, können auch direkt Buchungen getätigt werden. Diese haben zwischen September 2020 und März 2021 um 20 Prozent zugenommen, wie Geschäftsleiterin Kathrin Lehner auf Anfrage sagt. Und: «Suchanfragen von Menschen, die aufgrund von Depressionen, Panik und Ängsten aktiv nach Unterstützung bei der Suche bitten, haben sich sogar verdreifacht», so Lehner.

Kathrin Lehner berichtet von mehr Anfragen bei Sanasearch.ch.

Kathrin Lehner berichtet von mehr Anfragen bei Sanasearch.ch.

Bild: zVg/Sanasearch

In der Konsequenz waren viele Therapeuten ausgebucht oder führten wochenlange Wartelisten: «Die Terminverfügbarkeiten sind bei uns ersichtlich knapper geworden», sagt die Geschäftsleiterin. Trotzdem habe es, wenn auch teils weniger, während der ganzen Coronazeit noch verfügbare Termine gegeben – zu einer Komplettausbuchung sei es jedenfalls auf ihrer Plattform nie gekommen, so Lehner.

Durch Vitamin B zur Therapeutin

Belén Rufibach hatte während der Pandemie indes grosse Schwierigkeiten, eine psychiatrische oder psychologische Fachperson zu finden. Im Gegensatz zu Gwendolin Kaiser begann sie mit der Psychotherapie erst nach dem Lockdown: Aufgrund einer schlechten Erfahrung in der Kindheit hatte sie zuvor wenig Vertrauen in entsprechende Fachpersonen. Erst im Oktober 2020, motiviert von ihrer Freundin und durch positive Berichte aus ihrer Online-Community, überwand sie sich und suchte nach einem Therapieplatz.

Über 20 Mails verschickte sie an verschiedene Fachpersonen und Praxen. Mit ernüchterndem Resultat: Wenn sie überhaupt eine Antwort erhielt, schrieben die meisten, es gebe wegen der Pandemie keine Plätze mehr. «Es war fast schon ironisch», so Rufibach. «Einerseits ging ich erst wegen Corona zur Therapie, andererseits war es wegen Corona viel schwieriger, etwas zu finden.» Schliesslich kam sie nur dank einer guten Bekannten ihres Vaters, die sie an eine Berner Praxis weiterverwies, zu einer Therapeutin. «Das war pures Glück, denn eigentlich war sie schon ausgebucht», sagt Rufibach. «Sie schuf dann extra für mich einen Platz.»

Psychische Gesundheit so wichtig wie Zähneputzen

Alfred Künzler vom Netzwerk Psychische Gesundheit Schweiz fordert deshalb: «Es braucht mehr und niederschwellige psychologisch-pädagogische Unterstützungsangebote für die Jungen. Und für ihr Umfeld, für Eltern, Kita-Betreuungspersonen und Lehrpersonen.» Es sei wichtig, dass die momentan stärkere Aufmerksamkeit für psychische Gesundheit auch ohne Angst und virulente Bedrohung erhalten werden könne – «und dass deren Pflege tatsächlich eines Tages zusammen mit dem Zähneputzen ab der ersten Klasse ebenso flächendeckend gelehrt wird.»

Auch Gwendolin Kaiser wünscht sich von der Gesellschaft, dass psychische Störungen enttabuisiert werden: «Wenn wir diese ‹Ich muss durchbeissen, ich muss stark sein›-Mentalität überwinden können, wird es für Betroffene einfacher, sich Hilfe zu suchen.» Und auch Belén Rufibach fordert: «Betroffene sollen ernst genommen werden und die Hilfe bekommen, die sie brauchen.» Zu oft höre sie Aussagen wie «Entspann dich doch einfach mal» oder «Sei nicht immer so traurig». «Und das ist in etwa so hilfreich, wie wenn ich einem Asthmatiker sagen würde: ‹Atme doch einfach!›»


«Schuldruck ist bei Jungen der Stressfaktor Nummer eins»

Interview mit Dominique de Quervain

Die Swiss Corona Stress Study (siehe vierter Abschnitt oben) fand besonders bei Jugendlichen mehr depressive Symptome als vor der Pandemie. Der Leiter der Studie, Dominique de Quervain, erklärt die Gründe dafür und was die Jungen seit der Pandemie am meisten belastet.

Zur Person

Dominique de Quervain
Bild: zVg/Universität Basel

Dominique de Quervain

Der 52-Jährige ist Professor für Neurowissenschaften an der Universität Basel, wo er auch die Abteilung für kognitive Neurowissenschaften leitet.

Herr de Quervain, gemäss Ihrer Studie traf einen die Pandemie psychisch umso härter, je jünger man war. Und das, obwohl es beim Virus umgekehrt ist. Wie erklären Sie sich das?

Dominique de Quervain: Für viele Junge war es vermutlich die erste grössere Krise, die sie miterleben. Viele Ältere haben schon einiges erlebt, sie können besser damit umgehen und ordnen es anders ein. Ausserdem waren junge Menschen von den Massnahmen stärker betroffen als ältere, bei welchen sich am Tagesablauf weniger veränderte. Die Jungen konnten nicht mehr in den Sportclub, nicht mehr in den Ausgang, konnten zeitweise ihre Freunde nicht mehr treffen und hatten mehr Druck in der Schule oder Ausbildung.

Hätte die Politik früher darauf reagieren und die Massnahmen für Junge lockern müssen?

Damit wäre das Problem nicht aus der Welt gewesen. Denn es waren nicht nur die Einschränkungen, die den Jungen zu schaffen machten. Viele hatten auch Angst davor, das Virus nach Hause zu bringen und etwa ihre Grosseltern oder Eltern aus der Risikogruppe anzustecken. Dies belastete die Jungen vor allem in der zweiten Welle im Herbst, in der wir hohe Fallzahlen, aber noch keinen Zugang zur Impfung hatten. Dass es ohne die Einschränkungen nicht zu dieser Belastung gekommen wäre, wäre also zu kurz gedacht.

Aber die Einschränkungen während des Lockdowns hatten sicher auch ihren Einfluss auf die Psyche der Jungen?

Es ist stark abhängig von der individuellen Situation, was einen am meisten belastet. In der ersten Welle war die soziale Isolation vor allem für Alleinstehende ein grosser Stressfaktor. In der zweiten Welle zeigte sich das weniger, da es dort keinen vergleichbaren Lockdown gab. Für manche gab es aber sogar positive Effekte des Lockdowns.

Welche positiven Effekte?

Für viele im Job oder in der Schule gestresste Menschen war der Lockdown eine Entlastung: Sie mussten nicht mehr pendeln, Veranstaltungen und Verpflichtungen wurden verschoben. Neben den 57 Prozent, die während des Lockdowns im April 2020 mehr depressive Symptome zeigten als vor der Pandemie, gab ein Viertel einen Rückgang an. Ein weiteres Viertel berichtete von einer unveränderten Situation. Diese Zahlen zeigen auch das vorhandene gesellschaftliches Potenzial, chronischen Stress zu reduzieren. Etwa bei Jungen ist der Schuldruck der Stressfaktor Nummer eins, das hat unsere zusätzliche Studie an Deutschschweizer Gymnasien bestätigt. Und die Pandemie hat das noch verstärkt.

Inwiefern nahm der Druck in der Schule zu?

Der reguläre Schulbetrieb war gestört. Dazu kamen Absenzen und damit verpasster Stoff wegen einer Infektion oder Quarantäne. Vielerorts konnte weniger Stoff erarbeitet werden als geplant, aber die Lehrpläne mussten trotzdem eingehalten werden – das führte zu mehr Druck.

Die Jugend ist also auf mehreren Ebenen belastet. Worin äussert sich das?

Wir haben beispielsweise beobachtet, dass sich depressive Symptome verstärken. Das kann sich unterschiedlich äussern, in Interessenslosigkeit, wenn man etwa die Freude an Sachen verliert, die einem sonst Freude bereiten; in Gefühlen wie Hoffnungslosigkeit, aber auch in Schlafproblemen und Müdigkeit.

Was brauchen die Jungen, damit sich ihre Situation verbessert?

Es ist wichtig, dass der Druck in der Schule oder Ausbildung als Problem anerkannt und nicht noch zusätzlicher Stress geschaffen wird, etwa durch schnelles Nachholen aller Prüfungen nach einer Quarantäne. Die Schulbetrieb sollte sich der Situation anpassen, Die Lehrerpersonen sensibel und flexibel sein. Ausserdem wäre es von Vorteil, einheitliche Regeln zu haben: Während etwa der Kanton Basel-Stadt an der Maskenpflicht festhält, schreibt der Kanton St. Gallen an Schulen keine Masken mehr vor. Letzteres ist aus epidemiologischer Perspektive in der jetzigen Situation im Juli 2021 nicht nachvollziehbar. Abgesehen davon ist das für vorsichtige Kinder und Jugendliche, die sich weiterhin mit einer Maske schützen möchten, eine Belastung, da sie drohen zum Aussenseiter zu werden.

Sind Sie oder jemand, den Sie kennen, psychisch belastet? Hier erhalten Sie Hilfe:

Dieser Beitrag entstand als journalistische Praxis-Bachelorarbeit der Autorin, Valérie Jost, im Studiengang Kommunikation an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.