Ob der grossen Aufregung über die roten Zahlen der AHV ging eines fast vergessen: Die Invalidenversicherung (IV) erzielte abermals einen Überschuss. Sie verbesserte sich im Vergleich zum Vorjahr sogar und schloss 2014 mit einem Betriebsergebnis von 922 Mio. Franken im Plus.

Nun ist es nicht so, dass die IV neuerdings im Geld schwimmen würde, sie arbeitet viel mehr daran, den Schuldenberg von einst 15 Mrd. Franken abzubauen. Aktuell liegen die Schulden noch bei rund 12,843 Milliarden.

20000 Behinderte integriert

Trotz Schulden schreitet die finanzielle Sanierung der IV fort. Zumal auch die Eingliederung von behinderten Menschen in den Arbeitsmarkt funktioniert, wie der Bundesrat neulich konstatierte. Die Revisionen 4, 5 und 6a zeigen Wirkung: Im letzten Jahr konnten die kantonalen IV-Stellen 19578 Menschen mit Behinderung in den ersten Arbeitsmarkt eingliedern – das sind 10 Prozent mehr als noch im Vorjahr (17 752 Personen) und mehr als doppelt so viel wie vor fünf Jahren: 2009 fanden 9000 Personen eine Stelle.

Die Zahl der Neurenten halbierte sich in den letzten zehn Jahren. 2002 erhielten 27000 Personen neu eine IV-Rente, 2013 waren es noch 13800 Personen. Die Zahlen für 2014 sind noch nicht veröffentlicht. Doch Rolf Camenzind, Kommunikationschef des Bundesamts für Sozialversicherungen (BSV), geht davon aus, dass sich an der Tendenz vorerst nichts ändert.

Integration auf kurze Frist

Saniert sich die IV also von selbst? Daran bestehen nach wie vor Zweifel. Obwohl der Bundesrat vorerst nicht weiter sparen will, ist die Situation nicht ganz so rosig, wie es auf den ersten Blick erscheint. So fehlt der IV ab 2018 ein Zustupf in Milliardenhöhe, weil der vorübergehend eingesetzte Mehrwertsteueranteil wegfällt. Abgesehen davon sei vorauszusehen, dass die Zahl der Neurentner irgendwann stagniere, sagt Camenzind. Das sei mit der demografischen Entwicklung zu erklären: Wenn mehr Menschen in der Schweiz leben, gibt es mehr Menschen, die potenziell eine Rente beziehen.

Auch der Arbeitsmarkt sei ein Faktor, sagt Monika Dudle, Vizepräsidentin der IV-Stellen-Konferenz. Bei den Zahlen über die Arbeitsvermittlung handle es sich um eine Momentaufnahme. Aussagen über die Nachhaltigkeit einer Eingliederung können keine gemacht werden. Nur so viel: Kann eine Person den Job ein halbes Jahr lang halten, gilt die Vermittlung als erfolgreich.

Das bedauert Eva Meroni, Geschäftsführerin der Stiftung Profil, die behinderten Menschen bei der Stellensuche hilft. Sie wünschte sich eine langfristige Begleitung der Arbeitnehmer, ein Job-Coaching, wie das manche IV-Stellen bereits heute anbieten. Damit unterstütze man auch die Arbeitgeber, von denen laut Meroni rund 90 Prozent KMU sind.

Kampf um beliebte Stellen

Zwar windet Meroni den Arbeitgebern ein Kränzlein, sie zeigten «eine stärkere Offenheit». Auch Dudle sagt, dass viele Arbeitgeber sensibilisiert seien und Bereitschaft zeigten, Menschen mit Behinderungen eine Chance zu geben. Doch die letzten drei IV-Revisionen haben Spuren hinterlassen. So stehen die Sozialwerke um die wenigen Arbeitsplätze in Konkurrenz. Nicht nur die IV hat sich den Leitfaden «Eingliederung vor Rente» auf die Fahne geschrieben, sagt Janine Heldner vom Sozialamt Bern, sondern auch die Arbeitslosenversicherung. «Dadurch ist es für die Sozialhilfe nicht einfacher geworden, Bezüger in den Arbeitsmarkt zu integrieren.»

Mehr Sozialhilfe-Bezüger

Aus Sicht der Sozialhilfe wirken sich die IV-Revisionen unmittelbar auf die eigene Situation aus. Zwar lässt sich nicht direkt nachweisen, dass der starke Zuwachs bei den Sozialämtern mit der Abnahme der IV-Neurentner zusammenhängt. Doch für viele Sozialämter ist klar: Es handelt sich um einen Verschiebungseffekt.

«Weil gewisse Personen nach der 6. IV-Revision keinen Anspruch auf eine Rente mehr haben, wenden sie sich vermutlich früher oder später an die Sozialhilfe», sagt Heldner vom Sozialamt Bern. Das würden die Sozialdienste bestätigen.

Dasselbe in Basel: Die Sozialhilfe kann nicht beweisen, dass die IV-Revision zu mehr Langzeitbezügern führt. Amtsleiterin Nicole Wagner weist aber darauf hin, dass die Entwicklung parallel verlaufen sei. Und: «Wir stellen fest, dass der Anteil an Personen, die zu gesund sind für eine IV-Rente, aber zu krank für den Arbeitsmarkt, kontinuierlich zunimmt.»