PR-Reise

Die Insel bleibt der Atomkraft treu

Der Atom-Park der Briten altert: Der neuste Reaktor (Sizewell B) in Ostengland ist seit 1995 in Betrieb.

Der Atom-Park der Briten altert: Der neuste Reaktor (Sizewell B) in Ostengland ist seit 1995 in Betrieb.

Das Schweizer Nuklearforum flog Journalisten nach London, wo die Regierung acht neue AKW plant. Es will den Beweis erbringen, dass die Energiepolitik des Bundesrates auch nach Fukushima keineswegs dem globalen Standard entspricht.

«Das ist doch albern», meint ein hochrangiger Mitarbeiter des Welt-Nuklear-Verbands, als er hört, dass die Schweizer Regierung bis in wenigen Jahrzehnten aus der Atomkraft aussteigen will. Dabei lächelt er wohlwollend und schüttelt gleichzeitig den Kopf.

Die Unterhaltung trägt sich im vornehmen Green’s Restaurant im Zentrum Londons zu. Zugegen sind mehr als ein Dutzend Vertreter der britischen und globalen Atombranche und sogar ein Mitglied des britischen Oberhauses.

Organisiert wurde das üppige Nachtessen vom Schweizer Nuklearforum, einer Lobbyorganisation mit Sitz in Bern. Am Tisch im «Green’s» sitzen auch sieben Journalisten, die aus Zürich eingeflogen worden sind.

Der Geschäftsführer des Nuklearforums, Roland Bilang, will den Medienschaffenden während der zwei Tage dauernden Reise den Beweis erbringen, dass die Energiepolitik des Bundesrates auch nach Fukushima keineswegs dem globalen Standard entspricht.

Grossbritannien taugt gut als Beleg für Bilangs These: An acht Standorten plant das Vereinigte Königreich bis ins Jahr 2025 neue Atomkraftwerke – das erste soll bereits in sieben Jahren Strom ins Netz speisen.

Eine Alternativstrategie haben die Briten nicht: Das Potenzial der Wasserkraft auf der Insel ist sehr klein und kaum ausbaufähig. Noch wichtiger: 17 der 18 im Betrieb stehenden Atomkraftreaktoren müssen bis in etwas mehr als zehn Jahren aus Altersgründen vom Netz gehen.

Auch die Tage der noch viel zahlreicheren Kohle- und Gaskraftwerke sind gezählt: Aufgrund des hohen CO2-Ausstosses und der Preisentwicklung an den Rohstoffmärkten lohnt sich ihr Betrieb nicht mehr. Sie machten bisher mehr als zwei Drittel der Stromproduktion aus. Der britische Energieminister rechnete im Juni vor, dass bis zum Ende des Jahrzehnts ein Viertel der Stromkapazitäten auf der Insel wegfallen werden.

Tony Blairs Rede

«Die nukleare Renaissance», so bezeichnet der britische Nuklearindustrie-Verband (NIA) die Neubaupläne der Regierung liebevoll, begann mit einer Überraschung: Mitte Mai 2006 sprach sich der damalige Labour-Premierminister Tony Blair zum Erstaunen seiner Parteikollegen in einer Rede für den Bau neuer Atomkraftwerke aus. Bisher hatten die Meiler in den Strategiepapieren der Staatsführung nur eine untergeordnete Rolle gespielt.

Spätestens aber seit die Konservative Partei im Jahr 2010 mit den nuklearkritisch eingestellten Liberaldemokraten eine Koalitionsregierung bildete, ist der Pro-Atom-Kurs Grossbritanniens unter Dach und Fach. Was die Atombranche jetzt noch zu fürchten hat, sind politisch bedingte Zeitverzögerungen, die viel Geld kosten könnten. Um die Mehrheit im Parlament fürchtet niemand.

An einem Treffen mit den Schweizer Journalisten erklärt der Direktor für das nukleare Neubauprogramm, Hergen Haye, wie die britische Regierung den knapp bemessenen Zeitplan bis 2025 einhalten will.

Als zentrale Massnahme nennt er vereinfachte Bewilligungsverfahren für «grosse Infrastrukturen nationaler Bedeutung». Haye: «Lokale Kommunen sollen nationale Infrastrukturprojekte wie Kernkraftwerke nicht mehr über Jahre hinaus blockieren können.» Als weiteres Zückerchen für die Betreiber plant die Regierung einen Preisstabilisierungsmechanismus, der sie vor den Unwägbarkeiten des Strommarktes schützen soll.

Überwältigende Mehrheit?

Zurück zum Nachtessen im Green’s-Restaurant: Lord Martin O’Neill of Clackmannan hält eine Tischrede. Er lobt die britische Bevölkerung dafür, dass sie die Energiepolitik der Regierung in überwältigendem Ausmass stützt.

Das ist nicht ganz falsch: Gemäss Meinungsumfragen gibt es im Volk eine Mehrheit, die sich neue Atomkraftwerke vorstellen kann. Doch überwältigend ist sie seit Fukushima nicht mehr. Das spielt aber keine Rolle, denn in der Atom-Frage geniesst das britische Volk kein Mitsprache-Recht.

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