Kraftwerk

«Die Initiative verschafft uns Zeit»

Peter Scholer auf dem Eisensteg über den Rhein; hinter ihm das alte Maschinenhaus des Kraftwerks Rheinfelden.

Scholer

Peter Scholer auf dem Eisensteg über den Rhein; hinter ihm das alte Maschinenhaus des Kraftwerks Rheinfelden.

Peter Scholer, Präsident IG Pro Steg, will verhindern, dass das alte Kraftwerk Rheinfelden 2010 abgerissen wird.

Michael Mülli

Nicht der Umweltschutz und nicht das Geld seien das grösste Problem im Kampf gegen den Abbruch des alten Kraftwerks Rheinfelden, sagt IG-Pro-Steg-Präsident Peter Scholer. Es ist der Zeitdruck. Ein Moratorium - fünfjähriges Abrissverbot - soll Aufschub gewähren.
Wenn nächstes Jahr die Turbinen des Kraftwerkneubaus in Betrieb genommen werden, müssten - laut Baubewilligung - das alte Maschinenhaus und der Eisensteg abgebrochen werden. Eine Informationsveranstaltung der IG Pro Steg machte Ende März einer breiten Öffentlichkeit die historische Bedeutung des 111 Jahre alten Kraftwerks bewusst. Damit war die Sache richtig lanciert.
Jetzt läutet die IG eine neue Phase ein. An der Mitgliederversammlung von nächstem Montag will sich der Vorstand die Kompetenz erteilen lassen, eine Moratoriumsinitiative zu lancieren: Abrissverbot bis 31. 12. 2014, um bis dahin möglichst den Erhalt des alten Kraftwerks sicherzustellen, ohne allerdings dadurch die Inbetriebnahme der neuen Turbinen 2010 zu gefährden.

Herr Scholer, haben Sie nach der erfolgreichen Infoveranstaltung von Ende März die Champagnerkorken knallen lassen?

Peter Scholer: (lacht) Begeistert waren wir schon. Aber das war jetzt erst die Phase des Entdeckens, Aufbauschens und politischen Einklinkens. Das Bewusstsein ist jetzt da. Aber richtig fixiert haben wir noch nichts. Nach dieser erfolgreichen Vorphase geht es jetzt darum, juristische Verbindlichkeit zu schaffen.

Was hat die Infoveranstaltung ausgelöst?

Scholer: Die IG Pro Steg hat neue Mitglieder gewinnen können; deren Zahl stieg von 200 auf 250 an. Die Reaktionen waren gut, sehr gut sogar. Zu gut vielleicht, sodass jetzt alle meinen, es sei gelaufen. Das ist natürlich nicht so. Deshalb müssen wir vorsichtig sein mit zu grossem Jubel.
Gab es Reaktionen aus den Rathäusern?

Scholer: Ja, Lob für die gute Organisation und die inhaltlichen Neuigkeiten. Die Stadtregierungen haben ihrerseits die nächste Ebene, Kanton bzw. Land, eingeschaltet. Wir müssen jetzt aus der regionalen Ebene herauskommen.

Gab es eine Reaktion von Energiedienst?

Scholer: Nein.

Energiedienst hält sich zurück.

Scholer: Das ist auch verständlich. Sie hat das Ziel, zu bauen und Strom zu machen. Die Umweltschutzmassnahmen sind ihr aufgedrückt worden. Das war nicht ihr Wunsch, und sie will jetzt kein Gestürm deswegen. Sobald sie weiss, dass sie Strom produzieren kann und es einen politisch Rückhalt für das alte Kraftwerk gibt, dann wird Energiedienst schon hervorkommen.

Gab es Reaktionen von Umweltschutzverbänden?

Scholer: Ich habe nur gehört, dass Umweltschutzvertreter an der Info-Veranstaltung anwesend waren und fleissig mitgeschrieben haben. Am Schluss sollen sie sogar applaudiert haben (lacht erfreut).

Es wurde ja auch ein Vorschlag für Ausgleichsmassnahmen präsentiert, der einen ökologischen Gewinn bedeuten kann.

Scholer: Deshalb sage ich: Umwelt und Geld haben nicht erste Priorität, sondern der Zeitfaktor. Für den Umweltaspekt braucht es einfach ein ordentliches Verfahren, in dem die entsprechenden Verbände ihre Anliegen einbringen können. Sie müssen diese Sicherheit haben. Und für Geld findet man schon Leute, die da mithelfen wollen.
Also: Die historische Bedeutung ist erkannt, die ökologischen Ausgleichsmöglichkeiten wurden aufgezeigt, die Finanzierung ist machbar. Es bleibt der Zeitdruck, der jetzt mit einer Initiative reduziert werden soll.

Scholer: Wir haben diskutiert, ob wir eine Initiative machen sollen, die den Erhalt des Kraftwerks gefordert hätte. Sie würde aber viele Fragen offen lassen, auf die wir jetzt noch keine Antwort haben. Die Angriffsfläche wäre sehr gross. Weil der Zeitdruck jetzt Priorität hat, haben wir uns für eine Moratoriums-Initiative entschieden. Sie kann fast keine Gegner haben, weil sie kein absolutes Ja oder Nein verlangt. Mit ihr verschafft man sich vorerst einmal Zeit. Innert der vorgesehenen fünf Moratoriums-Jahre kann man sich über Abriss oder Erhalt klar werden.

Das alte Kraftwerk steht in Deutschland. Wie muss man dort vorgehen?

Scholer: Dort machen wir eine Petition mit dem identischen Text.

Wie schätzen Sie die Chance ein, dass das alte Kraftwerk erhalten werden kann? Ist sie seit dem Info-Abend gestiegen?

Scholer: Sie ist sicher gestiegen. Die Chance ist gross, aber die Zeit ist sehr, sehr knapp. Wenn wir die Initiative eingereicht haben, könnte man fast die Aussage wagen, dass die Rettung schon anlässlich der positiven Abstimmung über die Initiative gefeiert werden kann - auch mit den Kreisen, die nicht immer dahintergestanden sind. Aber das würde ich mit Gelassenheit tragen (lacht), das wäre dann mein Lohn.

Warum liegt Ihnen das alte Kraftwerk überhaupt so am Herzen?

Scholer: Wir sind die IG Pro Steg. Ich hatte das Kraftwerk auch schon aufgegeben, weil ich erkannte, dass das eine andere Liga ist. Mein Herzblut fliesst noch immer für den Steg. Letztes Jahr kam aber eine unheimliche Welle durch Kurt Beretta und seine neuen Erkenntnisse, und wir sagten uns: Wenn wir das Kraftwerk retten, haben wir den Steg dabei. Aus heutiger Sicht wäre es ja wirklich ein Blödsinn, nur noch den Steg zu haben und das andere abzureissen.

Läuft man nicht Gefahr, dass, wenn die Übung Kraftwerk misslingen sollte, auch der Steg nicht erhalten werden könnte?

Scholer: Ja, das könnte sein. Aber sowohl Stadtammann Mazzi als auch Oberbürgermeister Niethammer haben zugesichert, dass irgendein Übergang sein wird, entweder der bestehende Steg oder ein neuer.

Dieses Ziel ist also fast erreicht?

Scholer: Ja. Den Übergang haben wir schon fast. Wenn es der Steg sein wird, wäre das natürlich toll. Die Politiker reden jetzt vom Ensemble. Dieses zu erhalten, muss nun unser Ziel sein.

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